von Sepp Spiegl

„Wasser predigen und Wein trinken“ beschreibt Menschen, die hohe moralische Massstäbe an andere anlegen, sich selbst aber nicht daran halten. Der Spruch steht für Heuchelei und Doppelmoral und lässt sich in nahezu allen Lebensbereichen finden: in der Politik, am Arbeitsplatz oder innerhalb der Familie. Wer etwas fordert, es aber selbst nicht lebt, verliert schnell an Glaubwürdigkeit.

Historisch lässt sich die Redewendung bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Damals spielte die Kirche eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben, und gerade Geistliche predigten häufig Bescheidenheit, Maßhalten und Askese. Gleichzeitig gab es immer wieder Kritik daran, dass einige Vertreter des Klerus selbst ein vergleichsweise komfortables Leben führten. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit prägte das Bild, das schließlich in der Redewendung verdichtet wurde. Auch in literarischen Quellen und Sprichwörtersammlungen der frühen Neuzeit taucht die Formulierung in ähnlicher Weise auf, was darauf hindeutet, dass sie schon lange im Volksmund verankert ist. Die Redewendung stammt auch aus einem Gedicht von Heinrich Heine. So schreibt der deutsche Dichter in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ die Zeilen „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser“. 

Die Redewendung „Wasser predigen und Wein trinken“ lässt sich besonders gut anhand konkreter Beispiele aus verschiedenen Lebensbereichen veranschaulichen. Im Alltag begegnet man ihr häufig in ganz banalen Situationen: So etwa, wenn Eltern ihren Kindern den Konsum von Süßigkeiten strikt verbieten, selbst aber regelmäßig zur Schokolade greifen. Ähnlich wirkt es, wenn jemand im Freundeskreis ständig zur Sparsamkeit mahnt, während er sich selbst ohne Zögern teure Anschaffungen leistet. Auch die Kritik an exzessiver Handynutzung verliert schnell an Glaubwürdigkeit, wenn die kritisierende Person selbst kaum das Smartphone aus der Hand legt.

Im politischen Kontext erhält die Redewendung eine deutlich schärfere Bedeutung, da hier Vertrauen und Glaubwürdigkeit eine zentrale Rolle spielen. Wenn Politikerinnen oder Politiker öffentlich konsequenten Klimaschutz einfordern, privat jedoch durch häufige Kurzstreckenflüge auffallen, wird dies schnell als klassischer Fall von „Wasser predigen und Wein trinken“ wahrgenommen. Ebenso kritisch wird es gesehen, wenn Parteien Transparenz versprechen, ihre eigenen Entscheidungsprozesse aber im Verborgenen halten, oder wenn sich Entscheidungsträger lautstark gegen Korruption positionieren und später selbst in entsprechende Skandale verwickelt werden.

Auch in der Wirtschaft ist dieses Muster keineswegs selten. Unternehmen präsentieren sich gerne als nachhaltig und verantwortungsbewusst, während ihre Produktionsbedingungen in Wirklichkeit nicht immer diesen Ansprüchen entsprechen. Wenn etwa eine Firma faire Arbeitsbedingungen betont, gleichzeitig aber Teile ihrer Produktion in Länder mit niedrigen Sozialstandards verlagert, entsteht genau jene Diskrepanz, die die Redewendung beschreibt. Gleiches gilt für Konzerne, die öffentlich die Bedeutung von Work-Life-Balance hervorheben, intern jedoch eine Kultur etablieren, in der Überstunden zur Normalität gehören.

Interessanterweise existieren in vielen anderen Sprachen ähnliche Redewendungen, die denselben Gedanken ausdrücken. Im Englischen sagt man etwa „to preach water and drink wine“ oder gebräuchlicher „practice what you preach“ als Aufforderung zur Übereinstimmung von Worten und Taten. Im Französischen findet sich mit „prêcher la vertu et pratiquer le vice“ (mit einer Hand Tugend predigen und mit der anderen Laster treiben) eine sinngleiche Formulierung. Diese internationalen Parallelen zeigen, dass das zugrunde liegende Phänomen – die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und eigenem Verhalten – universell ist und in vielen Kulturen kritisch betrachtet wird.

Schließlich zeigen auch internationale Beispiele, dass das Phänomen universell ist. Influencerinnen und Influencer propagieren einen gesunden Lebensstil, während sie gleichzeitig für ungesunde Produkte werben. Multinationale Unternehmen verpflichten sich zu globalen ethischen Standards, setzen diese jedoch nicht in allen Märkten gleichermaßen um. Und auch prominente Persönlichkeiten, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, geraten in die Kritik, wenn sie selbst legale, aber moralisch umstrittene Steuerschlupflöcher nutzen. All diese Fälle verdeutlichen eindrucksvoll, wie treffend die Redewendung „Wasser predigen und Wein trinken“ bis heute ist.