Deutsche Redewendung: „Auf die Barrikaden gehen“
von Sepp Spiegl
Die deutsche Redewendung „auf die Barrikaden gehen“ gehört zu den kraftvollsten Bildern der politischen Sprache. Wer „auf die Barrikaden geht“, protestiert lautstark, widersetzt sich einer Entscheidung oder kämpft entschlossen gegen eine als ungerecht empfundene Entwicklung. Die Wendung steht bis heute für Widerstand, Empörung und den Willen, sich nicht kampflos zu ergeben. Obwohl sie im modernen Alltag oft nur bildlich verwendet wird, reichen ihre historischen Wurzeln tief in die Geschichte
Europas zurück.
Der Ursprung der Barrikaden liegt im Mittelalter. Damals wurden in engen Städten Straßen mit Fässern, Wagen, Holzbalken oder Pflastersteinen versperrt, um Angreifer aufzuhalten oder sich gegen Herrschertruppen zu verteidigen. Das Wort „Barrikade“ stammt vom französischen „barrique“, also Fass. Besonders in Frankreich entwickelten sich Barrikaden später zu einem Symbol des Volksaufstandes. Während der Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts errichteten Bürger in Paris immer wieder Straßensperren, um sich gegen die Obrigkeit zu wehren. Berühmt wurden etwa die Barrikadenkämpfe der Französischen Revolution von 1789 oder die Aufstände von 1848, die auch Deutschland erfassten. In den revolutionären Monaten kämpften Bürger, Arbeiter und Studenten in vielen europäischen Städten buchstäblich „auf den Barrikaden“ für politische Mitbestimmung, Pressefreiheit und demokratische Rechte. Wollten die Bürger sich wehren und ihre Gegner unter Feuer nehmen, konnten sie dies nur tun, indem sie oben auf die Barrikaden stiegen. Von dort hatten sie eine gute Sicht und konnten sich gegen ihre Widersacher verteidigen. Aus dieser konkreten historischen Situation entwickelte sich allmählich die heutige metaphorische Bedeutung. Wer heute „auf die Barrikaden geht“, greift natürlich nicht mehr zu Pflastersteinen oder Holzlatten. Gemeint ist vielmehr ein entschlossener Protest gegen Missstände oder Entscheidungen. Die Redewendung beschreibt dabei oft eine emotionale Reaktion: Menschen fühlen sich provoziert, bedroht oder ungerecht behandelt und reagieren mit Widerstand.
Im Alltag begegnet man der Formulierung häufig in eher harmlosen Zusammenhängen. Eltern gehen „auf die Barrikaden“, wenn eine Schule geschlossen werden soll. Nachbarn gehen „auf die Barrikaden“, wenn ein großes Bauprojekt ihre Wohngegend verändert. Auch Verbraucher können „auf die Barrikaden gehen“, wenn Preise plötzlich stark steigen oder ein beliebtes Produkt verschwindet. Die Wendung vermittelt dabei stets das Bild einer geschlossenen und energischen Gegenwehr.
Beispiele aus dem Alltag
- Die Eltern gingen auf die Barrikaden, nachdem die Stadt beschlossen hatte, den einzigen Spielplatz im Viertel zu schließen.
- Viele Kunden gingen auf die Barrikaden, weil der Internetanbieter plötzlich höhere Gebühren verlangte.
- Die Schüler gingen auf die Barrikaden, als die Klassenfahrt kurzfristig abgesagt wurde.
- Anwohner gingen auf die Barrikaden, weil direkt neben ihren Häusern ein großes Einkaufszentrum gebaut werden sollte.
- Fußballfans gingen auf die Barrikaden, nachdem die Ticketpreise erneut erhöht worden waren.
Besonders häufig taucht die Redensart in der Politik auf. Politiker, Parteien oder gesellschaftliche Gruppen „gehen auf die Barrikaden“, wenn sie Gesetze oder Reformen ablehnen. Medien nutzen die Formulierung gern, weil sie Konflikte anschaulich und dramatisch beschreibt. So heißt es etwa, Gewerkschaften gingen gegen Rentenkürzungen auf die Barrikaden oder Oppositionsparteien liefen Sturm gegen neue Sicherheitsgesetze. Die Redewendung verdeutlicht dabei, dass der Protest nicht still oder zurückhaltend erfolgt, sondern offensiv und öffentlich.
Beispiele aus der Politik
- Die Opposition ging auf die Barrikaden und kritisierte das neue Sicherheitsgesetz scharf.
- Tausende Bürger gingen auf die Barrikaden, um gegen die geplante Rentenreform zu demonstrieren.
- Umweltverbände gingen auf die Barrikaden, nachdem neue Kohlekraftwerke genehmigt worden waren.
- Während der Studentenproteste gingen junge Menschen in vielen europäischen Städten auf die Barrikaden und forderten mehr Mitbestimmung.
- Gewerkschaften gingen auf die Barrikaden, als die Regierung Kürzungen im Sozialbereich ankündigte.
Auch in der Wirtschaft ist die Formulierung fest etabliert. Arbeitnehmer gehen auf die Barrikaden, wenn Stellenabbau droht oder Fabriken geschlossen werden sollen. Aktionäre protestieren gegen Unternehmensentscheidungen, Verbraucher gegen Preiserhöhungen oder schlechte Arbeitsbedingungen. In Zeiten globaler Krisen wird die Redewendung oft verwendet, wenn wirtschaftliche Entscheidungen auf heftigen Widerstand stoßen. Gerade in sozialen Netzwerken verbreiten sich Protestbewegungen heute schneller denn je, wodurch die alte Metapher neue Aktualität erhält.
Beispiele aus der Wirtschaft
- Die Mitarbeiter gingen auf die Barrikaden, weil das Unternehmen hunderte Stellen streichen wollte.
- Verbraucher gingen auf die Barrikaden, nachdem die Energiepreise drastisch gestiegen waren.
- Kleine Händler gingen auf die Barrikaden, weil große Online-Konzerne den Markt zunehmend beherrschten.
- Aktionäre gingen auf die Barrikaden und verlangten den Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden.
- Bauern gingen auf die Barrikaden, nachdem neue EU-Regeln ihre Produktionskosten deutlich erhöht hatten.
Interessant ist, dass ähnliche Bilder des Widerstandes auch im Ausland existieren. In Frankreich ist die Barrikade bis heute ein nationales Symbol des politischen Aufbegehrens. Die Proteste der „Gelbwesten“ erinnerten in ihrer Symbolik bewusst an frühere Volksbewegungen. In den USA spricht man eher davon, „to take to the streets“, also „auf die Straße zu gehen“. Gemeint ist ebenfalls öffentlicher Protest, wenn auch ohne die historische Verbindung zu den Barrikadenkämpfen Europas. In Lateinamerika wiederum gehören Straßensperren und Massenproteste vielerorts noch immer zu den sichtbaren Formen politischen Widerstands. Damit zeigt sich, dass die Idee der Barrikade weit über Deutschland hinaus als Sinnbild für den Kampf gegen Autoritäten verstanden wird.
Die Redewendung „auf die Barrikaden gehen“ verbindet somit Geschichte und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise. Sie erinnert an Zeiten revolutionärer Umbrüche, wird aber zugleich täglich in Politik, Wirtschaft und Alltag verwendet. Ihre starke Bildhaftigkeit erklärt, warum sie bis heute lebendig geblieben ist: Wer „auf die Barrikaden geht“, zeigt Haltung, Widerstand und den Mut, sich gegen etwas zu stellen.
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