Mia Couto – Der Kartograph des Vergessens
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
www.kreativ-schreibstudio.de
Mia Couto – Der Kartograph des Vergessens

Im Zentrum des Romans steht der depressive Dichter und Literaturprofessor Diogo Santiago, der nach vielen Jahren auf Anraten seines Arztes in seine Geburtsstadt Beira in Mozambique zurückkehrt. Lange unterdrückte Gefühle sollen so bearbeitet werden. Die Moderatorin der Veranstaltung, die zu seinen Ehren stattfindet, Liana Campos, übermittelt ihm einen Karton voller alter amtlicher Dokumente, Tagebucheinträge, Fotografien und Notizblätter ihres Großvaters, Óscar Campos, der als Inspektor der PIDE vierzig Jahren zuvor Diogos Vater, der auch schon schriftstellerte, verhaftet hatte. Er wollte ihm auf den Zahn fühlen, was der gänzlich unpolitische Dichter über die Grausamkeiten dachte, die er auf der Suche nach einem verschwundenen Pflegesohn sah. Dieser hatte sich freiwillig zur Armee gemeldet.
Um das Massaker von Inhaminga ranken sich die Schicksale von sehr unterschiedlichen Personen, die miteinander verknüpft sind. Liana selbst wuchs bei Pflegeeltern auf und sucht ihre Mutter. Beide sind hin und hergerissen zwischen der Neugier und der Furcht, was in der Vergangenheit zu entdecken ist. Sie suchen mögliche Schauplätze auf und der Leser erfährt etwas über das Zusammenleben der Familien mit Dienstboten in der portugiesischen Kolonialzeit, über Bespitzelung, willkürliche Verhaftungen und Folter, die an der Tagesordnung sind. Auch die Kirche hat ihre Finger in diesem bösen Spiel.
Die zum Teil tragische Handlung wird durch die Erfahrungen der Beteiligten verdeutlicht. Was darunter real stattfand und was fiktiv ist, bleibt unklar, doch die abgedruckten Dokumente vermitteln den Eindruck des Authentischen. Vermutlich ist es ein Kunstgriff Mia Coutos, der seine Geschichte durch unterschiedliche, in ihren Konflikten, Gefühlen, Beweggründen und Reaktionen dargestellte Personen unterstreicht, um die Handlung mit Leben zu füllen.
Der Autor springt zwischen 2019 und um 1951 bzw. der Zeit der Befreiungskriege 1973 hin und her, zitiert aus Briefen, dann interviewt Diogo Zeitzeugen, analysiert die Gesellschaft der Kolonialzeit und Familiengeheimnisse, die sich ihm erst nach und nach aufklären. Es braucht Zeit, um sich auf diese gemischte Form der Darstellung einzulassen, die zunächst verwirrt.
Mia Couto, geboren 1955 als Sohn portugiesischer Einwanderer in Beira, Mosambik, gehört zu den herausragenden Schriftstellern des portugiesischsprachigen Afrika. Mehrere Jahre war er als Journalist und Chefredakteur der Zeitungen Tempo und Notícias de Maputo tätig. Seit 1983 veröffentlicht er Romane, Erzählungen und Gedichte. Für sein Werk wurde Couto mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2013 mit dem Prémio Camões, 2014 mit dem renommierten Neustadt-Literaturpreis und 2020 mit dem Jan-Michalski-Preis. Mia Couto lebt in Maputo.
Karin von Schweder-Schreiner, geboren 1943 in Posen, hat in Deutschland und Portugal studiert und mehrere Jahre in Brasilien gelebt. Zu den von ihr übersetzten Autoren aus dem portugiesischen Sprachraum zählen Jorge Amado, Chico Buarque, Antonio Callado, Bernardo Carvalho, Mia Couto, Rubem Fonseca, Lídia Jorge und Moacyr Scliar. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Internationalen Übersetzerpreis des brasilianischen Kulturministeriums (1994) und dem Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung Bremen (2006).
Unionsverlag AG
Mia Couto
Der Kartograf des Vergessens
Roman
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner
Hardcover, 304 Seiten



