Barbara Chase-Riboud. – Die unbekannte Sally Hemings
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings (Diogenes)

Die Bestsellerautorin widmet sich auf der Basis sorgfältiger Recherchen seit längerer Zeit der Südstaatengesellschaft Amerikas und hier besonders der Familie Jeffersons. Im vorliegenden Roman steht die Sklavin Sally Hemings im Mittelpunkt. Wie sie mit Thomas Jefferson verbunden war, wurde lange unterdrückt. Andere Charaktere werden nur gestreift. Sehr einfühlsam versetzt sich der Text in ihre tragische Situation und wechselt die Perspektiven von ihren Gedanken zu denen ihrer Umgebung und der gleichzeitigen politischen Lage, was die Widersprüche hervorhebt.
Die besondere Tragik entsteht durch Sallys emotionale Abhängigkeit. Ist sie doch als Teenager und Begleiterin von Jeffersons Tochter nach Frankreich gelangt, wo Jefferson gerade Botschafter war, und wäre dort frei gewesen. Sie hätte nur den Mund aufmachen, ihre Interessen vertreten und dann bleiben müssen, als er abberufen wurde. Aber als ihr Bruder, der ebenfalls als Koch mitreiste, ihr das klar machte, war es schon zu spät und sie vertraute Jefferson unausgesprochenen Verheißungen. Das Thema Unzucht mit abhängigen Minderjährigen spielte im Umgang mit Sklaven keine Rolle im Gedankenkonstrukt der Südstaaten. Von Frankreich zurück, beginnt die Heimlichtuerei.
Jefferson, der zudem seiner verstorbenen Frau versprochen hat nicht wieder zu heiraten, befürchtete zu Recht, dass die nach seinen Vorstellungen gebildete Sally freiwillig
nicht bei ihm bleiben könnte, denn Freigelassene müssen Virginia verlassen, so war die Vorschrift. Er wird als widersprüchlicher Mann dargestellt. Einerseits predigt er die Freiheit für alle, seine Plantage funktioniert aber nur mit Sklaven. So verspricht er die Freilassung seiner unehelichen Mischlingskinder nach dem 21. Lebensjahr, trotzdem gelten sie als „entlaufen“, wenn sie sein Versprechen wörtlich nehmen. Auf der Plantage wimmelt es von ihnen, was die Gesellschaft als selbstverständlich hinnimmt. Aber wehe, wenn diese auf Rechte pochen. Daran zerbrechen einige Nachfahren. Als sein letzter anerkannter Sohn stirbt, trauert er übermäßig, obwohl eine Menge von Sallys Söhne leben, aber die zählen nicht für ihn.
Die Atmosphäre wirkt überzeugend. Geklammert wird die Geschichte durch einen jungen Rechtsanwalt, der Sally nach dem Tod Jeffersons und dem Untergang seines Gutes Montecello anlässlich einer Volkszählung kennen lernt und von ihr und ihrer Bildung fasziniert ist. Bitter, dass er meint, ihr einen Gefallen zu tun, als er sie als Weiße verzeichnet, wo doch in dieser Umgebung jeder Mensch als Schwarzer gezählt wird, egal welcher Hautfarbenschattierung, sobald er schwarze Vorfahren hat. Der Roman erschüttert durch die inneren Monologe und Jefferson scheint sich in jedem Konflikt wieder in die Rolle des Plantagenbesitzers zu retten. Als solcher stirbt er hochverschuldet. Ein sehr empfehlenswerter Roman.
Barbara Chase-Riboud, geboren 1939, ist eine US-amerikanische Autorin, Zeichnerin und Bildhauerin. Parallel zu ihrer international erfolgreichen Karriere in der bildenden Kunst wandte sie sich dem Schreiben zu. Zu ihren Lektorinnen zählten Toni Morrison und Jacqueline Kennedy, die 1979 die US-Edition von ›Sally Hemings‹ herausgab. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt in Paris, Rom und auf Capri.
Diogenes Verlag AG
eBook
624 Seiten (Printausgabe)
erschienen am 20. Mai 2026
978-3-257-61599-9
€ (D) 24.99 / sFr 32.00* / € (A) 24.99
* unverb. Preisempfehlung



