von Dr. Günter Müchler

Dr. Günter Müchler © privat

Hiobsbotschaften, nichts als Hiobsbotschaften! Die AfD wächst. Die demokratische Mitte schrumpft. Immer mehr Industriearbeitsplätze gehen verloren. Immer weniger Kinder werden geboren. Für manche steht unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Andere fragen, muss ich demnächst bis 70 arbeiten? Die Angst vor dem Krieg, vor säkularen Rechtsbrechern, vor hassschürenden Mullahs, vor der Klimakatastrophe, neuen Pandemien und der Überforderung durch KI – all das nimmt zu. Leider erzeugt Angst keine Lösungen. Sie macht, besonders wenn sie im Plural vorkommt, wehrlos. Sogar süchtig kann sie machen. Sich überschlagende Katastrophenmeldungen kondensieren zu einer klebrigen Dunkel-Stimmung, in die kein Lichtschimmer mehr eindringt. Alles geht bergab! Wir leben in der schlechtesten aller Zeiten! Stimmt das wirklich?

Der Blick in den Rückspiegel zeigt: Jede Generation hatte ihre Alpträume. Manchmal erhitzten sie zur Endzeit-Panik. Manchmal waren sie einfach ein Trend. Darüber machte sich in den Fünfzigern das Golgowski-Quartett lustig. Der Schlager „Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang“ wurde zu einem Gassenhauer. Todernst nahm man die Angelegenheit dagegen im christlichen Abendland. Viele Christen näherten sich mit weichen Knien dem Jahr 1000. Im Millenium-Jahr, glaubten sie, werde das Armageddon stattfinden, die letzten Schlacht zwischen dem Guten und dem Bösen.

Auch andere Kulturen beschäftigte der Gedanke an den kosmischen Exit. Eine Inschrift, die man auf einem Königs-Sarkophag der Maya-Stadt Tortuguero fand, sagt als Termin des Weltuntergangs das Jahr 2012 voraus. Vielleicht waren die Mayas nicht die allerbesten Rechner. Aber auch andere lagen mit ihren Vorhersagen daneben. Das Wissenschaftsmagazin „National Geographic“ listete vor kurzem nicht weniger als sechs abgesagt Weltuntergänge auf. Erstaunlich, dass die Unheils-Propheten trotz der zahlreichen Misserfolge nicht aussterben. 1947 erfanden die „Atomic scientists“, eine Gruppe angesehener Wissenschaftler, die „Doomsday-Clock“. Die Uhr, die das Jüngste Gericht zeitlich fixieren soll, steht momentan auf 85 Sekunden vor zwölf.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die multiple Krise, von der in den Medien jetzt so oft gesprochen wird, ist kein Schlossgespenst. Womöglich erleben wir gerade, wie der Verfassungsrechtler Udo di Fabio reichlich zurückhaltend formuliert, „das Ende eines freundlich wirkenden Zeitalters“. Blutige Konflikte in Osteuropa und Nahost lassen sich als Vorboten eines neuen Zeitalters deuten, einer Epoche, die weniger von Regeln als von Willkür geprägt ist. Beunruhigen muss auch, dass es inzwischen in fast allen Ländern des Kontinents Bewegungen gibt, welche autoritäre Politiker wie Putin oder Trumps geradezu anhimmeln. Unverkennbar haben Maßstäbe sich verschoben, Gewissheiten sind verloren gegangen, Ankerketten zerbrochen. Die Folge ist: Unser Navigationssystem funktioniert nicht mehr. Typisches Schleudertrauma, würden Gesellschaftsdiagnostiker sagen. Es wird uns wohl noch eine Weile im Griff haben.

Die Lage ist nicht zu beschönigen. Unangebracht ist allerdings auch Schwarzseherei. Sie beginnt dort, wo die Einzigartigkeit der Krise behauptet wird. In einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ (4. April 2026) rückte Florence Gaub, Forschungsdirektorin der Nato-Militärakademie in Rom, die Perspektive zurecht: „Die Wahrheit ist: Kein Jahrzehnt hat sich je entspannt zurückgelehnt und gedacht: Ja, die Zukunft wird gut. Denn es ist völlig normal, sich um die Zukunft zu sorgen – jede Generation tut es“.

Die Älteren werden ihr beipflichten. Sie fingen nach dem Krieg bei null an. Über dem beispiellosen Aufbruch, dessen Zeugen sie sind, lag stets der Schatten existentieller Bedrohung. Die Angst vor dem Krieg, vor dem Atomkrieg, war ständiger Begleiter. Neue Ängste traten hinzu. 1975 wurden Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ und Robert Jungks „Der Atomstaat“ (1977) Bestseller. In den Achtzigern starben Hunderttausende an HIV. Der Bürgerkrieg in Ruanda raffte eine knappe Million Menschen dahin. In den Neunzigern schien die Demokratie vor dem finalen Sieg zu stehen. Aber nach dem vermeintlichen Abschied der Atomkriegsgefahr tauchte eine sogleich ein Stellvertreter-Konflikt auf, der nach dem Titel von Samuel Huntingdons Erfolgsbuch als „Kampf der Kulturen“ identifiziert wurde.

Die Bibliotheken sind randvoll mit Untergangs-Literatur. Wer in der heutigen Tristesse nach Trost sucht, sollte hier zugreifen. Die Erde dreht sich ja noch immer! Sie hat das von den Mayas berechnete Sterbejahr 2012 überlebt und bisher noch jeden 30. Mai. Auch die „Bevölkerungsbombe“ explodierte nicht. In dem erwähnten Artikel erinnert Florence Gaub an den 1968 erschienen Schocker Paul Ehrlichs, in dem der Autor ein globales Hungersterben wegen Überbevölkerung prophezeite. Nichts davon traf ein, weil die Geburtenraten aufgrund von Alphabetisierung und anderen Fortschritten schon bald zu sinken begannen. Ehrlich, der das ihm zugängliche Statistikmaterial hochrechnete, scheiterte an der Tücke, dass Vorhersage immer mit Zukunft zu tun hat, die bekanntlich voller Überraschungen steckt.

Weitere Untergangs-Prophetien landeten auf dem Friedhof der Irrtümer. In den achtziger Jahren versetzte der „Saure Regen“ viele Menschen in Angst und Schrecken. Vor allem die Deutschen waren in Alarmstimmung, fürchteten sie doch, der Saure Regen werde den geliebten Deutschen Wald unweigerlich zu Totholz machen. Doch das große Waldsterben fiel aus. Heute geht es dem Wald zwar nicht in allen Abteilungen gold, doch unverändert bedeckt er in Deutschland ein Drittel der Landfläche.

Noch ehe vom Sauren Regen die Rede war, hatte der „Club of Rome“ mit einer Horrorvision für anhaltende Aufregung gesorgt. In „Die Grenzen des Wachstums“ sagte der Club 1972 das unmittelbar bevorstehende Versiegen der globalen Ölvorräte voraus. Auch hier kam es anders. Ingenieurskunst entwickelte Fördertechniken, die die römischen Kassandren nicht auf dem Schirm hatten. Öl gibt es auch fünfzig Jahre nach dem Aufreger in Hülle und Fülle, so viel, dass es Klimaforschern den Schlaf raubt.

Zukunftsforscher leisten nützliche Arbeit, sollte sich aber hüten, allzu laut die Posaunen des Jüngsten Gerichts zu blasen. Es ist noch nicht lange her, da wurde von namhaften Wissenschaftlern die Parole vom Ende des Industriezeitalters verbreitet. Automatisierung führe gesetzmäßig dazu, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe. Eingetreten ist das Gegenteil: Überall werden Arbeitskräfte gesucht, und von denen, die im Arbeitsprozess stehen, sehen sich immer mehr als Opfer einer „burnout“ genannten Krankheit. Die Freude der Psychotherapeuten über die Kundschaft ist groß. Erleben wir dasselbe beim Vormarsch der KI? Jeder dritte Deutsche ist besorgt, künstliche Intelligenz werde ihm den Job stehlen.

Wie umgehen mit der Zeitenwende? Am besten mit Gelassenheit und Panoramablick: „Wir haben keinen Anspruch auf Angstfreiheit“, schreibt Florence Gaub. „Statt darüber zu klagen, was alles schiefgehen kann, müssen wir handeln, damit es nicht schiefgeht.“ Hilfreich könnte schon der Blick in die Bibel sein. Im Alten Testament gab es den getreuen Hiob, auf den die Schicksalsschläge nur so niederregneten. Zuerst ließ Gott zu, dass Satan ihm das Vieh raubte. Dann verlor er seine Kinder und wurde von jeder erdenklichen Krankheit geschlagen. Bis ihn schließlich die eigene Frau verriet. Aber Hiob war ein Muster an Resilienz. Er blieb standhaft, überwand alle Wirkungstreffer und wurde dafür belohnt. Das ist die wahre Hiobs-Botschaft.