Die Kulturkampf-Falle

US-Konservative verbieten Bücher über sexuelle und ethnische Identität. Warum Progressive sich nicht auf ein Verbotswettlauf einlassen sollten.

Wurde in mehreren Schulen vom Lesekanon gestrichen: Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“.

Die Vereinigten Staaten befinden sich inmitten eines Bücherverbotswahns. Nach Angaben des US-Autorenverbands PEN America wurden zwischen Juli 2021 und Juni 2022 in öffentlichen Schulen landesweit 1648 Bücher verboten. Es wird erwartet, dass diese Zahl noch steigt, da konservative Politiker und Organisationen ihre Anstrengungen verstärken, um Werke zu zensieren, in denen es um sexuelle und ethnische Identität geht.

In republikanisch regierten Bundesstaaten wie Florida und Utah wurde in den letzten Monaten rigoros gegen Schulbibliotheken durchgegriffen und Titel auf die Verbotsliste gesetzt, die sich mit Fragen zu ethnischer Zugehörigkeit, Sexualität und Gender befassen, etwa Ibram X. Kendis Buch How to Be an Antiracist und Maia Kobabes Gender Queer: A Memoir. In Teilen Floridas wurden Schulen angewiesen, den Zugang zu Büchern über ethnische Zugehörigkeit und Diversität einzuschränken und darüber hinaus gewarnt, dass Lehrpersonal, das sogenanntes „obszönes und pornografisches Material“ an Schülerinnen und Schüler weitergibt, fünf Jahre Haft droht. In South Carolina bezeichnete Gouverneur Henry McMaster Kobabes Buch, das 2020 mit dem Alex Award für Jugendliteratur der American Library Association ausgezeichnet wurde, als Beispiel für obszönes und pornografisches Material.

Vorangetrieben werden die aktuellen Bücherverbote größtenteils von der rechtspopulistischen Politik sowie von Elterngruppen, die behaupten, damit heile, familienorientierte christliche Gemeinden vor der Dekadenz des urbanen Amerika zu schützen. Somit fällt ein Kinderbuch, in dem LGBTQ+-Charaktere vorkommen, unter ihre Definition von Pornografie.

Floridas Gouverneur und voraussichtlicher Präsidentschaftskandidat Ron DeSantis ist wohl der führende Verfechter staatlicher Zensur und moderner Buchverbote. Im Februar haben DeSantis und seine Mitstreiter im Parlament des Bundesstaates einen neuen Gesetzentwurf eingebracht, der es Universitäten und Colleges verbieten würde, studentische Aktivitäten zu unterstützen, im Rahmen derer „Diversität, Gleichheit, Inklusion oder die Critical Race Theory befürwortet werden“. Der Gesetzentwurf zielt ferner darauf ab, die Critical Race Theory, Gender Studies und Intersektionalität sowie auch „aus diesen Glaubenssystemen abgeleitete Haupt- und Nebenfächer“ aus den akademischen Lehrplänen zu eliminieren. Noch im April soll das „für Grundschulen geltende umstrittene Verbot von Unterricht über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität auf alle Altersstufen“ ausgeweitet werden.

Freilich präsentiert sich das rigorose Vorgehen der Rechten gegen die akademische Freiheit gefährlicher als die literarischen Allergien der Linken.

Obwohl Forderungen nach Bücherverboten von linker, progressiver Seite weniger oft zu hören sind, zeigt auch sie Intoleranzen gegen Literatur, die sie als beleidigend empfindet. Klassiker wie Wer die Nachtigall stört und Die Abenteuer des Huckleberry Finn wurden in einigen Schulen von der Leseliste gestrichen, weil sie rassistische Ausdrücke enthalten und bestimmte Lesende „ausgrenzen“ könnten.

Freilich präsentiert sich das rigorose Vorgehen der Rechten gegen die akademische Freiheit gefährlicher als die literarischen Allergien der Linken. Interessant ist jedoch, wie viele Gemeinsamkeiten zwischen linker und rechter Intoleranz bestehen. Rechtspopulisten wie DeSantis neigen dazu, die progressive Rhetorik über „Inklusivität“ und „Sensibilität“ im Unterricht nachzuahmen. Weiße Studierende, so ihre Behauptung, müssen vor Lerninhalten wie Sklaverei oder der Rolle der weißen Vorherrschaft in der amerikanischen Geschichte abgeschirmt werden, weil derartiges sie verstören und ihnen ein schlechtes Gewissen machen könnte.

Der gleichen Logik folgen Progressive, die ein Ende von Huckleberry Finn im Unterricht fordern oder verlangen, dass Wörter wie „fett“ aus den Kinderbüchern Roald Dahls gestrichen werden. Auch Linke wollen nicht, dass sich ihre Kinder beleidigt oder „nicht willkommen“ fühlen. Ihre Vorstellung von Bildung ähnelt einer Therapie: Sinn und Zweck ist es, den Kindern ein gutes Selbstgefühl zu vermitteln, anstatt ihnen beizubringen, wie sie Informationen aufnehmen und selbständig denken lernen.

Die Nachahmung des Jargons der Linken durch die Rechten kann als eine Form arglistiger Rache verstanden werden. Die treibende Kraft hinter dem konservativen Puritanismus in den USA war schließlich immer der Fundamentalismus und nicht die Integration. Religiöser Dogmatismus ist jedoch eng mit der Angst verbunden, beleidigt zu werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Kontroverse nach der Veröffentlichung der Satanischen Verse Salman Rushdies im Jahr 1988. Neben der Fatwa von Ayatollah Ruhollah Khomeini, die den Tod des Autors forderte, prangerten christliche Konservative Rushdie wegen Verhöhnung der Religion an. Und manche Linke – die überhaupt keiner Religion angehörten – kritisierten Rushdie trotzdem wegen der Beleidigung von Millionen Muslimen.

Ein gewisser Teil progressiver Rhetorik spielt der populistischen Rechten durchaus in die Hände.

Christliche Puritaner lehnen Bücher über homosexuelle Themen nicht nur deshalb ab, weil die Bibel Homosexualität verbietet, sondern auch (und vielleicht in erster Linie), weil diese Werke gegen jene Struktur verstoßen, die sie für die natürliche Ordnung halten. Das unterscheidet sich nicht großartig von der Haltung jener tausender Menschen, die einen Protest-Brief gegen die Berichterstattung der New York Times zu Transgender-Themen unterzeichneten. Sie zeigten sich verärgert darüber, dass einige Artikel davon ausgingen, die Frage des Geschlechts sei wissenschaftlich nicht geklärt. Für besondere Aufregung sorgte ein Beitrag der Kolumnistin Pamela Paul, in dem sie J.K. Rowlingverteidigte. Rowling empfindet keinen Hass gegenüber Menschen, die eine Veränderung von einem Geschlecht zum anderen vollzogen haben, aber sie glaubt auch nicht, dass es einfach eine Frage der persönlichen Entscheidung ist, eine Frau oder ein Mann zu sein.

Progressive, die ein Verbot von Rowlings Harry-Potter-Büchern fordern (welche rechte Fanatiker wiederum als Propaganda für Hexerei anprangern), tun dies im Allgemeinen nicht aus religiösen Gründen. Auch in diesem Fall sprechen sie von Arbeitsplätzen, an denen man nicht willkommen ist, von Ausgrenzung, mangelnder Sensibilität und so weiter. Dennoch geben sie sich oftmals genauso dogmatisch wie Gläubige. Sie sind davon überzeugt, dass ein mit männlichen Genitalien geborener Mensch eine Frau ist, wenn die Person es sagt. Diese Überzeugung anzuzweifeln, wie es Rowling tut, verstößt gegen ihre Auffassung von der Natur.

Das soll nicht heißen, dass Drohungen von linker Seite hinsichtlich des Zugangs von Studierenden zu Büchern genauso schwer wiegen wie die Drohungen der extremen Rechten. Im Gegensatz zu rechtsextremen Parteien, darunter auch die heutige Republikanische Partei, fordern Politikerinnen und Politiker links der Mitte im Allgemeinen keine staatlich angeordneten gesetzlichen Verbote. Doch ein gewisser Teil progressiver Rhetorik spielt der populistischen Rechten durchaus in die Hände.

In Ermangelung eines schlüssigen Wirtschaftsprogramms hat sich die Grand Old Party ganz auf die Kulturkämpfe in den USA verlegt. Doch angesichts der Tatsache, dass Appelle religiöser und sozialer Konservativer bei der Wählerschaft eher Anklang finden als dogmatische Positionen zu ethnischen und sexuellen Identitäten, wird die Linke diesen Krieg wohl nicht gewinnen. Die Demokraten und andere fortschrittliche Parteien in der westlichen Welt wären gut beraten, sich weniger auf verletzte Gefühle und mehr auf wirtschaftliche und politische Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler zu konzentrieren.

© Project Syndicate

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Ian Buruma ist Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, u.a. Murder in Amsterdam: The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance sowie Taming the Gods: Religion and Democracy on Three Continents.

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