Deutsche Redewendung: „Das geht auf keine Kuhhaut“
von Sepp Spiegl
„Das geht auf keine Kuhhaut“ – Wenn Maß und Mitte verloren gehen
Egal in welchem Zusammenhang sie den Spruch „Das geht auf keine Kuhhaut“ schon einmal gehört haben, werden Sie vermutlich wissen, dass die Redewendung nicht eben etwas Positives zum Ausdruck bringt. Eher im Gegenteil – wenn etwas auf keine Kuhhaut mehr passt, dann ist das Maß voll. Etwas, das auf keine Kuhhaut geht, geschieht also im Übermaß, und zwar nicht unbedingt zur Freude der Mitmenschen. Aber wieso ausgerechnet Kühe?
Herkunft: Von Sünden, Pergament und Vieh
Die Redewendung stammt aus dem Mittelalter. Hierzu gehört die Geschichte um Dido: „Sie [Dido] bat den Häuptling Jarbas, der das Gebiet des späteren Karthagos beherrschte, um Land. Dieser versprach ihr, dass sie soviel Land bekäme, wie sie
mit einer Kuhhaut umspannen könne. Dido ging auf den Handel ein, schnitt aber daraufhin die Kuhhaut in hauchdünne Streifen, legte sie aneinander und konnte so ein großes Stück Land markieren.“ Abzulehnen ist auch die Herleitung von mittelalterlichen Hinrichtungsritualen: Damals wurden Straftäter auf einer Kuhhaut zu ihrer Hinrichtung geschleift, Ehebrecherinnen wurden in eine Kuhhaut eingenäht ertränkt. Demnach ergäbe sich die Bedeutung der Redewendung daraus, dass jemand so viele Taten begangen hat, dass er eigentlich mehrfach zum Richtplatz geschleift und mehrfach (eingenäht) hätte hingerichtet werden müssen.
Jedoch führt die Spur zu einem mittelalterlichen Predigtmärlein, das über lateinische Exempelsammlungen Verbreitung fand. Jakob von Vitry etwa schrieb in seinen Sermones vulgares über einen Priester, der während eines Gottesdienstes einen Teufel beobachtete, wie er mit den Zähnen an einem Pergament zerrte. Auf Nachfrage gab der Teufel an, er müsse das nutzlose Geschwätz in der Kirche niederschreiben und sein Pergament sei dafür zu klein. Nachdem der Priester den versammelten Gläubigen hiervon erzählte, wurden die Leute reumütig, weshalb der Teufel seine Aufzeichnungen nicht mehr gebrauchen konnte. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass die menschlichen Sünden von Teufeln auf Pergament aufgeschrieben würden, um diese Aufzeichnungen beim Jüngsten Gericht als belastendes Material zur Verfügung zu haben. Auch bildliche Darstellungen solcher schreibenden Teufel sind zu finden. Außer dem nebenstehenden Kirchenfresko existiert etwa noch ein Holzschnitt Albrecht Dürers mit einer Messe, bei der schwatzende Gläubige und mitschreibende Teufel zu sehen sind.
Die Pointe sowohl der Texte als auch der bildlichen Darstellungen liegt darin, dass Kuhhäute in der Realität nicht als Schreibmaterial verwendet wurden, sondern Schafs- oder Kalbshäute. Allerdings waren eben so viele Sünden niederzuschreiben, dass diese kleineren Häute nicht genügend Platz boten.
Die Redewendung hat sich erst spät von der genannten Priestergeschichte emanzipiert. Noch im ausgehenden 16. Jahrhundert finden sich bei Johann Fischart Beispiele, bei denen das Priesterexempel durch einen Teufelsbezug deutlich zutage tritt. Im 17. Jahrhundert dann erfolgte im Anschluss an die Reformation die Ablösung und die Redewendung erlangte vor allem in katholischen Regionen Bekanntheit, nachdem die mittelalterliche Geschichte nicht mehr präsent war. Heute ist der Ursprung der Redewendung in einer Teufelserzählung nicht mehr bekannt und sie wird demgemäß in allerlei Zusammenhängen benutzt, die nicht unbedingt sündhaftes Verhalten zum Gegenstand haben.
Bedeutung und Gebrauch: Empörung in einem Satz
Heute wird die Wendung längst nicht mehr religiös verstanden. Sie dient als pointierte Zuspitzung von Empörung. Wer sie benutzt, erhebt Anklage – oft emotional, manchmal ironisch, fast immer deutlich.
Typisch ist der Gebrauch in Alltagssituationen:
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wenn Rechnungen explodieren,
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wenn Versprechen gebrochen werden,
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wenn sich Ungerechtigkeiten häufen.
Der Satz ist dabei stärker als ein schlichtes „Das ist zu viel“. Er transportiert eine Mischung aus Fassungslosigkeit und moralischem Urteil.
Im Alltag: Zwischen Küchentisch und Stammtisch
Im privaten Sprachgebrauch fällt die Redewendung häufig in hitzigen Gesprächen. „Was sich der Nachbar wieder erlaubt hat, das geht auf keine Kuhhaut“, heißt es dann. Sie passt gut zu Situationen, in denen sich jemand übergangen, ausgenutzt oder provoziert fühlt. Ihr rustikaler Klang verleiht der Kritik Bodenständigkeit – sie wirkt weniger akademisch, dafür umso direkter.
Im Beruf: Klage über Missstände
Auch im Arbeitsleben ist die Wendung präsent, wenn auch meist informeller. Überbordende Überstunden, unrealistische Zielvorgaben oder chaotische Organisation werden mit ihr kommentiert. Gerade weil sie bildhaft und emotional ist, eignet sie sich gut für Gespräche unter Kollegen – weniger für offizielle Schreiben, aber umso mehr für den Flurfunk.
In Politik und Wirtschaft: Populär und zugespitzt
In politischen Debatten taucht „Das geht auf keine Kuhhaut“ vor allem dann auf, wenn Kritik bewusst zugespitzt werden soll. Populistische Rhetorik greift gern auf solche Redewendungen zurück, weil sie leicht verständlich sind und Nähe zur „Alltagssprache der Menschen“ signalisieren. Skandale, Verschwendung von Steuergeldern oder als ungerecht empfundene Gesetze werden so emotional aufgeladen. Auch in der Wirtschaft, etwa in Kommentaren zu Managergehältern, Kartellabsprachen oder Steuertricks, ist die Redewendung beliebt. Sie ersetzt dabei lange Erklärungen durch ein klares Werturteil.
Internationale Parallelen: Wenn es überall „zu viel“ wird
So spezifisch die Kuhhaut klingt – das Gefühl dahinter ist universell. Andere Sprachen kennen vergleichbare Bilder:
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Im Englischen sagt man „This is beyond the pale“ oder „It’s too much to bear“, (das geht zu weit oder das ist zu viel, um es zu ertragen)
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Im Französischen heißt es „Ça dépasse l’entendement“ – es übersteigt das Fassungsvermögen.
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Im Spanischen spricht man von „Esto clama al cielo“ – das schreit zum Himmel.
Keine dieser Wendungen greift auf Tierhäute zurück, doch alle markieren dieselbe Grenze: den Punkt, an dem Akzeptanz in Empörung umschlägt.
Warum die Redewendung überlebt
Dass „Das geht auf keine Kuhhaut“ bis heute verstanden und benutzt wird, liegt an seiner Bildkraft. Auch ohne Wissen um Pergament und Mittelalter ist sofort klar, was gemeint ist. Die Redewendung verbindet Übertreibung mit Alltagsnähe – und genau das macht sie journalistisch wie rhetorisch so wirkungsvoll. In einer Zeit, in der vieles komplex erklärt werden muss, liefert sie ein simples, aber starkes Urteil. Wenn Worte manchmal schwerfallen, hilft ein altes Bild aus der Vergangenheit – selbst wenn kaum noch jemand weiß, wie groß eine Kuhhaut tatsächlich ist.



