von Sepp Spiegl

„Auf dem Holzweg sein“ – Eine Redewendung mit Wurzeln im Mittelalter

Die Redewendung „Auf dem Holzweg sein“, beschreibt ein nicht zielführendes Vorgehen und impliziert die Aufforderung, den Irrweg zu verlassen. Das Wort „Holzweg“ steht für einen Weg, der in einem Wald angelegt wurde, um Holz zu beschaffen, und nicht der Verbindung zweier Orte dient. Holz wird im Wald gewonnen. Durch Rückegassen wurde es aus dem Wald geschafft. Denn früher waren es die Rückepferde, die die einzelnen Baumstämme durch diese Rückegassen aus dem Wald auf den nächsten Weg gezogen haben. Wer jetzt durch den Wald wandert und kein Waldarbeiter ist, dessen Ansinnen also nicht darin besteht, Holz aus dem Wald zu schaffen, der sucht nicht den Holzweg. Das Wort „Holzweg“ in diesem Sinne ist seit dem 13. Jahrhundert in Gebrauch und seine sprichwörtliche Verwendung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt

Die Redewendung „auf dem Holzweg sein“ hat ihren Ursprung im Mittelalter und geht auf die Forstwirtschaft zurück. Ein Holzweg war damals ein schmaler Weg im Wald, der ausschließlich dazu diente, gefällte Baumstämme aus dem Wald zu transportieren. Diese Wege führten jedoch nicht zu einem Dorf oder einer Stadt, sondern endeten dort, wo das Holz geschlagen wurde. Wer einen solchen Weg in der Annahme einschlug, er führe zum eigentlichen Ziel, musste schließlich feststellen, dass er in einer Sackgasse gelandet war und umkehren musste. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich die bildliche Bedeutung der Redewendung: Wer „auf dem Holzweg ist“, verfolgt einen falschen Gedanken, irrt sich oder geht von einer unzutreffenden Annahme aus. Heute wird die Redewendung deshalb verwendet, wenn jemand mit seiner Meinung, Vermutung oder Lösung falschliegt.

Der mittelalterliche Dichter Ulrich von Türheim benutzt den Begriff noch im Sinne eines unausgebauten Weges in seinem wohl vor dem Jahr 1243 verfassten Tristan (Vers 1393): „mît die rehten strâze unt ganc die holzwege hin“ („er mied die ausgebaute/ebene Straße und ging über die Holzwege“).

In der didaktischen Dichtung Der Jüngling (wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschrieben) des Dichters Konrad von Haslau steht der Holzweg für einen Weg, der statt des Pfades der Tugend eingeschlagen wird (Vers 1033 ff.):

„dar an sich manger verschriet,/ der einen holzwec geriet:/der dünket in der beste;/ dar nâch so vindt er ronen und este,/ die von den boumen sint gerêret;/ swelch tumber da niht wider kêret,/ daz spriche ich wol in sînen hulden,/ der muoz vil unrede dulden“

„darin irrte sich mancher/ indem er auf einen Holzweg geriet:/ er dachte, es sei der beste [Weg];/ dann aber findet er umgestürzte Stämme und Äste/ die von den Bäumen gefallen sind;/wer so töricht ist und nicht umkehrt,/ das sage ich in seinem Sinne [oder: zu seinem Besten],/ der muss böse Reden über sich ergehen lassen“

In einer Sittenpredigt des deutschen Predigers Johann Geiler von Kaysersberg (1445–1510) aus dem Jahr 1495 ist der Holzweg ein Ab- oder Irrweg, der von Gott wegführt: „man findt under tausent nicht einen, der dem rechten weg nachtrachtet, sonder sie gehn all dem holzweg nach und eilen heftig bisz sie zu der hellen kommen“ („Unter Tausend [Menschen] findet man nicht einen, der nach dem rechten Weg strebt [hier wohl im Sinne eines gottgefälligen, christlichen Lebens], sondern sie alle folgen dem Holzweg und eilen [darauf] sehr bis sie [letztendlich] in der Hölle ankommen“). In seiner Sprichwörtersammlung und in seinen Tischreden verwandte auch Martin Luther diese Redensart mehrfach.

Aufgegriffen wird die Bedeutung des Holzweges in einem Sprichwort aus Ostpreußen: „Jener geit den Holtweg, de andre den Soltweg“ („Jener geht den Holzweg, der andere den Salzweg“). Hier wird der zu nichts führende Holzweg der Salzstraße gegenübergestellt, denn zu Zeiten der Hanse wurde mit dem Salzhandel viel Geld verdient. Dem Philosophen Martin Heidegger diente der Begriff als Titel seines bekannten Werkes Holzwege.

Im Alltag begegnet uns die Redewendung ständig. Ein Schüler, der glaubt, die Mathematikarbeit finde erst nächste Woche statt, ist ebenso „auf dem Holzweg“ wie ein Urlauber, der den falschen Zug besteigt. Auch im Berufsleben fällt der Ausdruck häufig: Glaubt ein Kollege beispielsweise, ein Projekt sei bereits abgeschlossen, obwohl noch wichtige Aufgaben offen sind, könnte man sagen: „Da bist du auf dem Holzweg.“ Die Formulierung ist meist freundlich gemeint und weist darauf hin, dass eine Annahme überprüft werden sollte. Besonders häufig taucht die Redewendung in der Politik auf. Politiker werfen ihren Gegnern regelmäßig vor, mit bestimmten Vorschlägen „auf dem Holzweg“ zu sein. So wird etwa diskutiert, ob höhere Steuern, strengere Klimaschutzmaßnahmen oder neue Sicherheitsgesetze der richtige Weg sind. Wer die gegenteilige Auffassung vertritt, erklärt oft, der politische Gegner befinde sich auf dem Holzweg. Die Redewendung dient dabei als sprachlich prägnantes Mittel, um eine Position als falsch oder wenig zielführend darzustellen. Auch in der Wirtschaft ist der Ausdruck fest etabliert. Unternehmen müssen ständig Entscheidungen treffen – über Investitionen, neue Produkte oder technische Entwicklungen. Setzt ein Unternehmen beispielsweise auf eine Technologie, die sich später nicht durchsetzt, sprechen Analysten davon, dass das Management „auf dem Holzweg“ gewesen sei. Ebenso können Fehleinschätzungen über Kundenwünsche oder Markttrends dazu führen, dass eine Unternehmensstrategie scheitert.

Interessanterweise existieren auch in vielen anderen Ländern ähnliche Redewendungen. Im Englischen sagt man häufig „to be barking up the wrong tree“ – wörtlich „den falschen Baum anbellen“. Die Redensart stammt aus der Jagd: Ein Hund glaubt, seine Beute sitze auf einem Baum, obwohl sie längst entkommen ist. Im Französischen verwendet man unter anderem den Ausdruck „faire fausse route“, was so viel bedeutet wie „den falschen Weg einschlagen“. Im Spanischen heißt es „estar equivocado“, also „sich irren“, während im Italienischen „essere fuori strada“ – „vom Weg abgekommen sein“ – eine ähnliche Bedeutung hat. Obwohl die Bilder unterschiedlich sind, beschreiben alle dieselbe menschliche Erfahrung: den Irrtum.

Die Redewendung „auf dem Holzweg sein“ zeigt eindrucksvoll, wie historische Erfahrungen bis heute in der Sprache weiterleben. Was einst ein Weg für Holzfäller war, ist heute ein Sinnbild für Fehlentscheidungen und Irrtümer. Irgendwann hat es dieser Weg in die Redewendungen unserer Sprache geschafft. Wer von einem Weg auf einen Holzweg abbiegt, ist auf dem falschen Pfad unterwegs. Ein Holzweg führt nirgendwo hin. Er endet mitten im Wald, weil seine Bestimmung genau darin besteht, eine Schneise zu sein, um den im Wald Arbeitenden die Arbeit zu erleichtern. Auf dem Holzweg wurde schon immer das Holz aus dem Wald geschafft. Er führt nirgendwo hin, außer in den Wald. Heute gebrauchen wir diese Redewendung auch im übertragenen Sinn. Wer auf dem Holzweg ist, macht irgendetwas falsch.