Blasse Freiheits-Erzählung
von Dieter Weirich

Erinnerungskultur als bewusste Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit wird in Deutschland angesichts der monströsen Verbrechen der Nazis als demokratische Daueraufgabe gesehen, in den gerade ihr 250 jähriges Bestehen feiernden Vereinigten Staaten wird sie dagegen als Chance zur Umschreibung der Geschichte betrachtet. Amerika soll nach dem Willen von Präsident Trump im rechten Licht erstrahlen, deswegen sind öffentliche Gedenkstätten zu Sklaverei und Rassismus nicht erwünscht.
In Deutschland werden dagegen öffentliche Straßen und Plätze umbenannt, wenn man bei den Namensträgern „braune Flecken“ in deren persönlicher Geschichte entdeckt. Die entschlossene Aufarbeitung der Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur hat uns international Achtung verschafft, die von Tiefen, aber auch Höhen geprägte reiche deutsche Geschichte darf aber nicht nur auf diesen freilich beschämenden Aspekt reduziert werden.
Ein gravierendes Defizit in der deutschen Erinnerungskultur ist die blasse Freiheits-Erzählung .Am kommenden Montag (20.Juli) ist der 86. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler durch Klaus Schenk Graf von Stauffenberg, der misslungenen „Operation Walküre“. Dieses der Besinnung und Verpflichtung dienende Datum ist der zentrale Gedenktag des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten, ist aber kaum im öffentlichen Bewusstsein.
Eigentlich müssten wir uns bei den Helden des Widerstandes und ihren Familien für die jahrzehntelange Ablehnung und Skepsis der Gesellschaft entschuldigen. Lange wurde keine Schule oder Straße nach den Frauen und Männern des 20.Juli benannt, was sich tiefenpsychologisch mit der Angst der Kriegsgeneration vor der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Rolle erklären lässt. Auch die Bundesregierung zögerte lange mit der Ausrufung eines zentralen Gedenktages.
Zum Narrativ der deutschen Freiheit gehören natürlich auch die Revolution von 1848, der gescheiterte Aufstand der Bürger gegen den Adel, der Wunsch nach Pressefreiheit , das Paulskirchenparlament als erste demokratische Verfassung, der Volksaufstand der unterdrückten Deutschen in der DDR am 17.Juni 1953 und die zur deutschen Wiedervereinigung führende friedliche Revolution im Osten Deutschlands.


