Demokratie und Sprache
von Dr. Günter Müchler

Steht die Demokratie auf der Kippe? Nach der Fülle der Projekte zu urteilen, die neuerdings der Demokratieförderung gewidmet sind, muss es wohl so sein. Solche Programme werden in Einzelfällen von freien Trägern aufgelegt, zum Beispiel von der Bosch-Stiftung. Aber hinter den meisten stehen staatliche Stellen. Federführend ist hier das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Stolz verweist das BMBFSFJ auf ein üppiges Bouquet von Fördermaßnahmen. Unter dem Markennamen „Demokratie leben!“ führt das Haus nicht weniger als 100 Projekte, die nach amtlicher Darstellung den Zweck verfolgen, „Hass im Netz und Verschwörungstheorien zu begegnen, Demokratie und Vielfalt zu fördern und den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken.“
„Demokratie leben!“ ist eine Sammel- und Verteilstelle, die lokale Initiativen aufgreift und durch Zuwendungen ermuntert. Rund 200 Millionen Euro pro Jahr lässt sich das Ministerium die Unterstützung kosten. Zusammengearbeitet wird mit Demokratie-Zentren in den Bundesländern. Ein eigenes Magazin liefert Erfolgsgeschichten, „Best-Practice-Beispiele“, wie es in der Behördensprache heißt.
Das Spektrum geförderter Ideen und Veranstaltungen ist so weit wie der Horizont. „Land. Queer. Hier. Queere Kultur als demokratischer Resonanzraum“ lautet ein Angebot aus dem Kreis Viersen, der im Einladungstext „Kreis Queersen“ genannt wird, was wohl als Selbstlob gemeint ist. Die Stadt Hilden wartet mit einer Podiumsdiskussion auf: „Antifeminismus, Demokratie und Gewaltschutz“. Ein Online-Workshop befasst sich mit „Kindheit rechts außen“. Gelegentlich erhellt der Zusammenhang zwischen Aktion und der zu verteidigenden Staatsform Demokratie nicht von selbst. Manchmal gibt eine verschrobene Titulatur („Meinungsfreiheit im Kontext von Hochschulen im Spannungsfeld von Protest zu Radikalität“) Rätsel auf.
Der Argwohn, „Demokratie leben!“ verschleiere den gesinnungsgemeinschaftlichen Kampf „gegen rechts“ und spiegle ein Gesellschaftsbild, in dem die Mehrheit ausgeblendet wird, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Eine Schlagseite hat das Ganze schon. Indessen finden sich bei genauem Hinsehen im Inhaltsverzeichnis auch Veranstaltungen zur Prävention von Linksextremismus und Islamismus. Immerhin!
Was die Förderung bewirkt und ob die Geldströme, die in Gang gesetzt werden, genügend Rendite abwerfen, lässt sich angesichts der Kleinteiligkeit der Maßnahmen nur schwer ermessen. Es gilt die Vermutung einer gut gemeinten Anstrengung. Fragen darf man allerdings, ob „Demokratie leben!“ sich nicht zu sehr an Symptomen abarbeitet, statt das Problem an der Wurzel zu packen.
Zweifelhaft ist schon die Problembeschreibung. Anders als bisweilen von linken Kreisen suggeriert, steht die Bundesrepublik wohl kaum an dem Punkt, an dem die Weimarer Republik 1932 stand. Es herrschen weder Massenarmut noch Massenarbeitslosigkeit. Kein paramilitärischer Mob von rechts und von links wütet auf Straßen und Plätzen. Und die AfD in einen Topf mit der NSDAP zu stecken, zeugt von historischem Analphabetentum.
Natürlich gibt es Entwicklungen, die beiseite zu schieben fahrlässig wäre. Auf der sichtbaren Ebene muss die Wucherung der politischen Ränder (AfD und Die Linke) bei gleichzeitigem Schwund der demokratischen Mitte Sorgen bereiten. Soziologische Befunde sprechen übereinstimmend vom Verlust gesellschaftlicher Übereinkünfte, von Spaltung und Gereiztheit. Beunruhigend ist ein häufig wiederkehrender Topos bei Meinungsumfragen: Es wird sich zu viel um Minderheiten gekümmert und zu wenig um die, die arbeiten und Steuern zahlen. Offenbar haben viele Menschen (vor allem in Ostdeutschland) das Gefühl, abgehängt zu sein oder nicht ernst genommen zu werden. In dieser Gemengelage finden rechte und linke Populisten die Munition, mit der sie gegen „das System“ und gegen „die da oben“ schießen.
Die Entfremdung von der Demokratie hat viele Ursachen. Über die wird von vielen Spezialisten leidenschaftlich diskutiert, was wiederum viele Bücher füllt. Globalisierung, Empathieverlust, Auflösung sozialer Habitate sind Schlüsselworte, die ebenso vage sind wie das, was sie erklären sollen. Eine Leerstelle bei der Suche nach Ursachen ist die Sprache. Was Sprachmissbrauch anrichten kann, liegt auf der Hand. Die Rede ist vom Gendern und vom ausufernden Englisch oder dem, was für Englisch gehalten wird. Beides ist dankbarer Stoff für Satiresendungen. Dabei wird übersehen, dass die Misshandlung der Sprache überhaupt nicht lustig ist. Sie kann die Fundamente der Demokratie untergraben.
Werfen wir einen Blick zurück: Im Barock parlierte man an Fürstenhöfen mit Eifer Französisch. Ehrgeizige Bürgerfamilien hängten sich an den Trend und versorgten ihre Kinder mit dem französischen Privatlehrer. Warum? Das modische Fremde erlaubte, sich vom einfachen Volk abzuheben. Irgendwann formierte sich gegen das Vornehmsein durch sprachliche Apartheid Widerstand. „Ich deutscher Michel, versteh‘ schier nichel“, protestierte der Verfasser einer Flugschrift.
So nervig die Modesprache Französisch empfunden wurde, das Staatsgefüge erschütterte sie nicht. Was machte es schon aus, wenn die einfachen Leute nur Bahnhof verstanden. Im Absolutismus spielte das Volk bekanntlich keine Rolle. In der Demokratie ist das anders. Hier ist das Volk souverän, hier zählt die Stimme des Schulabbrechers genauso viel für die des Professors. Die kühne Rechnung hat allerdings eine wesentliche Bedingung. Sie geht nur dann auf, wenn auch der Schulabbrecher verstehen kann, was in der Arena des Staates Sache ist. Das Problem: Nur wenige Schulabbrecher verstehen Englisch. Pech für sie!
Anglizismen sind in alle Lebensbereiche eingedrungen, sie überschwemmen auch den Alltag. Wer etwas für seine Gesundheit tun will, wird mit Präparaten und Methoden zur Förderung der „Longevity“ umworben. Wer einen Nachbarn in der Klinik besuchen will, der gerade einen Schlaganfall erlitten hat, tut gut daran, Hinweisschildern zu folgen, auf denen „stroke unity“ steht. Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann hielt zum Toreschießen (vergeblich) Ausschau nach einem „decider“. Ein Vollstrecker hätte es auch getan. Reporterslang bei der WM ist, dass ein Spieler dann gut „performt“, wenn er nicht allzu schlecht spielt. Politiker, die eine soziale Wohltat spendieren wollen und dafür besonders tief in die Steuerkasse greifen, kündigen einen „booster“ an.
Bis hinein in die Nachrichtensprache haben sich die Anglizismen vorgerobbt. Den Widerspruch (Nachrichten sind klassisch Anleitungen „zum danach richten“) überbrückt ein vorzüglicher Sender wie der Deutschlandfunk durch die Doppelbödigkeit, dass er parallel zum Normalprogramm „Nachrichten light“ ausstrahlt. Der Gipfel der Sprachverdunkelung wird in der Digital-Welt erklommen. Hier hat sie ein Maß erreicht, dass vor allem ältere Menschen versucht sind, das Sichzurechtfinden in dieser schönen neuen Welt aufzugeben.
Inzwischen werden im Netz ganze Lexika angeboten, die gängige „Buzzwords“ gebrauchsfähig machen. Ein Accountant ist demnach ein Buchhalter, ein Facility Manager der Hausmeister. Du übernimmst einen Auftrag? Dann committest Du Dich. Overclaiming ist Selbstüberschätzung. Und wer einen Change-Request abgearbeitet hat, d.h. eine Liste mit Änderungsvorschlägen, kann sich getrost zum Business Lunch begeben, also mittags eine Nudel essen im Verein mit Kolleg*innen.
Kommunikation ist das Herstellen von Gemeinschaft mit dem Mittel der Sprache. Gut bezahlte Kommunikationsmitarbeiter in Behörden und Unternehmen, mit besonderer Höchstleistung in der Werbewirtschaft, befleißigen sich jedoch, das Gegenteil zu tun (weil sie kein Latein gelernt haben?): Sie zerstören Gemeinschaft, indem sie eine Sprache verwenden, die nur Gruppensprache ist. Nach Selbstauskunft spricht ungefähr jeder zweite Deutsche (etwas) Englisch. In der älteren Generation ist es eine Minderheit. Bei ihnen kommt die Botschaft nicht an, war für sie vielleicht gar nicht bestimmt. Weshalb? Weil sie im Abseits stehen? Nicht mehr dazugehören?
Das Gendern spielt auf einer anderen Ebene, hat aber ähnliche Effekte wie der inflationäre Gebrauch von Anglizismen. Beim Gendern sind elitäre Gruppen damit beschäftigt, unter Tage die Sprache zu einem vorgefassten Zweck zu verbiegen. Das Ende vom Lied ist, dass sie andere Gruppen schädigen. Es sind solche, die ohnedies benachteiligt sind. Darauf hat der Rat für Rechtschreibung mehrfach hingewiesen. Sowohl in der gesprochenen wie in der geschriebenen Sprache wird das Verständnis durch die Verwendung von Genderformen erschwert. Den Schaden haben die Schwachen:
In Deutschland tun sich laut Statistik 6,2 Millionen Menschen nicht leicht mit Lesen und Schreiben. In der Fachsprache heißen sie Personen mit geringer Literalität. Ferner leben in Deutschland gut 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. 2,9 Millionen davon haben keinen Schulabschluss. Nicht zu vergessen die 1,2 Millionen Blinden und schwer Sehbehinderten. Sie alle sind in besonderer Weise auf verständliche und gut lesbare Texte sowie auf eine Schreibweise angewiesen, die einfach zu erlernen ist. Ihnen das Leben weiter zu versauern, ist keine Heldentat und stellt denen, die von morgens bis abends Inklusion predigen, ein miserables Zeugnis aus.
Bei dem, was aus allem für die Demokratie folgt, schließt sich der Bogen von der Denglish-Flut zur Gender-Wut. Demokratie funktioniert nur durch Teilnahme an den öffentlichen Dingen. Wenn Menschen durch eine Ansprache, die sie nicht erreicht, von der Teilnahme ausgeschlossen werden, wandern sie aus der Ordnung aus, die dies zulässt. Dann ist die Demokratie auch durch Förderprojekte nicht mehr zu retten. Dann ist sie wirklich in Gefahr.



