Carys Davies – Das Pfarrhaus
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Carys Davies: Das Pfarrhaus

Hauptfiguren des Romans sind ein verwitweter Pfarrer, dessen Schützling, das verkrüppelte Waisenkind Priscilla, und der ehemalige Bibliothekar Hilary Byrd aus England. Letzterer hat seinen Job verloren, vielleicht, weil er alles Neue ablehnt, und ist zuhause in Depressionen versunken. Um dem ganzen Desaster und der überfürsorglichen Schwester zu entfliehen, hat er beschlossen nach Indien zu reisen. Unter der Hitze leidend geht er ins Gebirge und lernt unterwegs den Pfarrer kennen, der ihm eine Unterkunft anbietet.
Sparsame Andeutungen verorten den Roman in der Gegenwart, er würde aber genauso gut in die Kolonialzeit passen. Erstaunlich, dass das Kastensystem und die damit einhergehenden Probleme der Missionierung in dem Pfarrhaushalt fast keine Rolle spielen. Inmitten von Teeplantagen verbringt Hilary unspektakuläre Tage, lässt sich mit der Rikscha zu den immer gleichen Plätzen fahren. Anfangs kreisen seine Gedanken nur um sich selbst, es ist ihm gleichgültig, ob der Rikschafahrer zu seinen Monologen eine Meinung hat. Langsam wird er kommunikativer und beginnt Interesse an den Leuten zu entwickeln, für ihn ganz ungewöhnlich, denn Gefühlen anderer begegnet er mit Unverständnis.
Davies konzentriert sich auf die kleinen mitmenschlichen Regungen, die den Gast immer mehr einspinnen und heilsam auf ihn wirken. Ganz offensichtlich kennt sich die Autorin auch in der Region aus, die sie beschreibt. Hin und hergerissen von eigenen und vermeintlichen Fremderwartungen lässt sich der Tourist ein auf den Alltag und wird Teil von der Wohngemeinschaft. Eine Tragödie deutet sich so verhalten an, dass der Leser nur unmerklich stutzt, warum die Polizei etwas zu rekonstruieren versucht: ein Ereignis, das aus einer Mischung von Missverständnis auf der einen, Gefühlswirrwarr und fehlgeleiteter Identifikation auf der anderen Seite in dem Moment eskaliert, als der Engländer abreisen will. Die Autorin schafft es auf ganz erstaunliche Weise, aus einem ausgefallenen Setting eine Geschichte zu formen, die sich locker leicht liest und, obwohl sie recht ereignisarm ist, gefangen nimmt.
Carys Davies stammt aus Wales und lebt heute – nach vielen Jahren in Chicago und New York – in Edinburgh. Sie wird als »überragendes Erzähltalent« (Colm Tóibín) gefeiert. Bislang sind bei Luchterhand sind ihre beiden Romane »WEST« und »Ein klarer Tag« erschienen. Für ihre Romane und Kurzgeschichtensammlungen wurde Carys Davies mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
Penguin-Verlag
Originaltitel:The Mission House
Übersetzung:Aus dem Englischen von Eva Bonné
ISBN:978-3-630-87675-7
Auflage/Ausgabe:Deutsche Erstausgabe
Verlag:Luchterhand Literaturverlag



