Von Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

Frauen in der Politik, in den Führungsetagen von Wirtschaftskonzernen, auf den Fußballplätzen zwischen Flensburg und Konstanz – selbstverständlich doch. Was für eine Frage? Kritisch zu bemerken wäre allenfalls, dass die Zahl weiblicher Entscheidungsträger noch immer nicht hoch genug ist. Jedenfalls nicht, gemessen am Frauenanteil an der Gesamtbevölkerung. Andererseits: Wer wetteifert bei der ARD in diversen Polit-Talk-Shows und den Namen Illner, Maischberger und Will erbittert um Zuschauerquoten? Na klar – Frauen. Und wer steht bei bedeutsamen Sportereignissen immer häufiger (in der Regel hübsch und mit langen blonden Haaren) mit Kamera und Mikrofon an den Spielfeld-Rändern?  Klar doch – Frauen. Zumeist, keine Frage, erkennbar erkennbar mit Fachwissen ausgestattet. Und wer sich, sei es auch nur oberflächlich, im Medienbereich auskennt, weiß um die geradezu sprunghaft angestiegenen Zahlen von Frauen in den Redaktionen von Zeitungen und Sendern.

Warum diese Aufzählung scheinbarer Selbstverständlichkeiten? Weil die beschriebenen Zustände in noch gar nicht so lang zurückliegenden Zeiten möglicherweise Vielen als hehre Wünsche erschienen sein mögen, aber vermutlich nur Wenigen als realistisch anzusteuernde Ziele. Zum Beispiel Mitte der „7-er“ des vergangenen Jahrhunderts. Oder besser 1967 bei der Wahl zum neuen Deutschen Bundestag, als die damals noch nicht ganz 24-jährige Heide Simonis nach einem sensationellen Sieg im schleswig-holsteinischen Stimmkreis Rendsburg-Eckernförde für die SPD als mit Abstand jüngstes Mitglied in den (seinerzeitig noch in Bonn ansässigen) Bundestag einzog. Sie war eine Frau von insgesamt gerade 38, oder 7,3 Prozent.  Heute, an der Spree, beträgt der feminine Anteil nahezu 35 Prozent, als praktisch ein Drittel. Dass hier trotzdem noch deutlich Luft nach oben ist, steht außer Frage. Aber ohne Heide Simonis, ohne ihren Mut vor jedweden Thronen, ohne ihre Intelligenz und Klugheit, ohne ihre Fachkunde und Zielstrebigkeit und damit ihre Ausstrahlung und Vorbildwirkung sähe es in unserer Gesellschaft vermutlich noch anders aus.

Vor wenigen Tagen ist Heide Simonis, kurz nach ihrem 80. Geburtstag, in Kiel gestorben. Diese Zeilen sollen keinen Nachruf formen. Es ist vielmehr der Versuch, vor allem den jüngeren Generationen die Erkenntnis näherzubringen, welch bedeutsame gesellschaftlichen Veränderungen sich in einer (geschichtlich gesehen) recht kurzen Epoche vollziehen. Und, nicht zuletzt, welchen Anteil sogar einzelne Personen daran haben können, wenn deren Tun anderen Menschen nachstrebenswert erscheint. Heide Simonis hat sich nie als „Vorbild“ gesehen; jedenfalls kam das oder ähnliches bei allen Unterhaltungen nie vor. Ehrgeizig, ja. Sie war fast immer die Erste. Schulsprecherin in ihrem Nürnberger Gymnasium, jüngste Bundestagsabgeordnete, finanzpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und schließlich – als Krönung – in Schleswig-Holstein erste Ministerpräsidentin in einem deutschen Bundesland. Und dies blieb auch so bis 2009, bis die thüringer Christdemokratin Christine Lieberknecht Landeschefin in Erfurt wurde. Kurz – Heide Simonis war eine Pionierin. Natürlich zuvorderst in der Politik. Aber die Wirkung strahlte weit darüber hinaus, denn sie gab vielen Frauen Mut und Antrieb, genauso auf die eigenen Fähigkeiten zu bauen. Die 1943 in Bonn geborene Powerfrau aus dem Norden war durch und durch Sozialdemokratin. Aber – obwohl sie sich selber wohl eher dem linksliberalen Parteiflügel zuordnete – misstraute sie allen Strömungen, welche die Zukunft der SPD träumerisch bei Themen und Personen von Minderheiten sahen. Sie folgte lieber den Pfaden, die Männer wie Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt getreten hatten – Schulterschlusses mit den Gewerkschaften, mit den Rentnern, hart arbeitenden Jugendlichen, auch dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge usw., aber gewiss nicht zuvorderst mit unkontrollierbaren Bürgerinitiativen.

Überhaupt spielte ein Punkt die geringste Rolle im Denken und Leben dieser Frau – die Ideologie mit all ihren geistigen Eingrenzungen. Pflicht, Leistung, Zuverlässigkeit, Solidität waren eher Simonis`  Wegmarken. Während ihrer Zeit als Kieler Finanzministerin lehrte sie – völlig zu deren Überraschung – zum Beispiel den Genossen von der nächtigen ÖTV das Gruseln, als sie auf der Seite der Öffentlichen Arbeitgeber bei Tarifverhandlungen die Gewerkschaftsforderung von rund 10 Prozent Erhöhung auf rund 5 Prozent drückte. Selbst ihr damaliger niedersächsischer Kollege Gerhard Schröder hatte sie vor dem Abschluss gedrängt: „Heide, sei doch nicht so unnachgiebig…“ Frau und Sanftheit im täglichen Geschäft auszustrahlen – diesem Bild mochte sie nicht entsprechen. Sie wollte auch keine „Landesmutter“ sein. „Wer in der Politik etwas erreichen will“, sagte die promovierte Volkswirtin einmal, „muss – egal, ob er oder sie – kämpfen und hart sein. Da bleiben auch schon mal Leute am Wegesrand liegen“. Kein Wunder, dass ein Kerl wie Gerhard Schröder eine solche Genossin nicht besonders mochte. Sie war ihm zu wenig ehrerbietig und knickste nicht vor Thronen.

Trotz alledem präsentierte sich, wo und wann immer Heide Simonis auftrat, der Öffentlichkeit eine alles andere als kraftstrotzende Walküre. Im Gegenteil, stets erschien eine sehr hübsche, eher schmalgliedrige Dame in eleganter (meistens ziemlich buntwallender) Kleidung und einem (ebenfalls zumeist) außerordentlich breitkrempigen Hut. Von diesen Kopfbedeckungen besaß sie viele. Heute würde vielleicht von einem Alleinstellungsmerkmal gesprochen, damals waren ihre Hüte ihre Markenzeichen. Auch in diesem – scheinbaren – Gegensatz von eiserner Härte im täglichen Job einerseits und fraulich-gehobener Eleganz und charmanter Attitude dürfte sie so mancher ihrer Geschlechtsgenossinen quer nicht nur durch die Parteien, sondern durch alle Schichten der Gesellschaft vorbildhaft erschienen sein. Sie hat ganz einfach Schranken gehoben, Denkblasen aufgestochen, Selbstbewusstsein entstehen lassen und gestärkt. Dass sich in jenen Jahren und seither nicht zuletzt am Frauenbild viel verändert hat, geht ohne Zweifel auch auf Heide Simonis zurück.

Freilich blieb auch dieses Leben nicht ohne schlimme Niederlagen. Weniger im täglichen Parlaments- und Regierungsalltag. „Ich weiß, dass ich rechnen kann und tue das auch“, pflegte sie der Opposition entgegenzuhalten – rechnen mit spitzer Feder und mit spitzer Zunge debattieren. Simonis` rot-grüne Koalition hatte bei der Kieler Landtagswahl 2005 wegen des allgemeinen politischen Klima, aber auch diverser hauseigener Skandale herbe Verluste erlitten und besaß nur noch eine hauchdünne parlamentarische Mehrheit. Bei der Wahl zur Ministerpräsidentin mussten deshalb alle, wirklich alle, Koalitions-Abgeordneten bei der Stange bleiben. Und sämtliche Probeabstimmungen in den Fraktionen ergaben ja auch absolute Koalitionstreue. Doch bei den entscheidenden, geheimen, Votierungen fehlte immer eine Stimme! Viermal! Bis heute weiß man nicht, wer dieser Abweichler oder diese Heckenschützin war und aus welchem Grund.

Diesen Schlag hat die sonst so starke Frau bis an ihr Ende nicht verwunden. Eine offene Gegnerschaft würde sie wohl (wenngleich wohl nicht freudig) akzeptiert haben, aber nicht einen heimtückischen Schuss in den Rücken. Dass war gewiss das Schlimmste im Verlauf ihres Lebens. Aber keineswegs die einzige Niedertracht. Nach dem Rückzug aus der Politik hatte sie eine Führungsposition beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen übernommen und sich dabei auch nicht gescheut, um Spenden locker zu machen , selbst aktiv zu werden – obwohl sie im Alter vor etwa 65 Jahren nicht mehr die bewegliche Figur einer Mittzwanziger aufzuweisen vermochte. Kurzum, sie ließ sich zur Teilnahme an der RTL-Sendung „Let´s dance“ überreden. Was die „Bild“-Zeitung seinerzeit zu dem hämischen Titel „Hoppel-Heide“ veranlasste.

Was Heide Simonis aber nie genommen werden kann, das sind ihre Anregungen, Verdienste und Erfolge auf dem nach wie vor mühsamen Weg, den Verfassungs-Artikel von der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung in Deutschland ein bedeutsames Stück der Verwirklichung näher gebracht zu haben. Man braucht sich nur die Studentenzahlen etwa bei Medizin, für Lehrfach oder auch beim journalistischen Nachwuchs anzusehen. Überall sind die Frauen auf dem Vormarsch, nicht selten sogar in der Überzahl. Und sie gehören fachlich mit zur erstne Wahl. Heide Simonis würde das freuen.

Gisbert Kuhn ist Journalist und war über viele Jahre innenpolitischer Korrespondent für zahlreiche Zeitungen sowie Mitarbeiter bei Rundfunk und Fernsehen in Bonn und Brüssel.

 

 

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