Rezension von Dr. Aide Rehbaum

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Gregor Sander: Troja, später Nachmittag 

Sander © Heike-Steinweg

Wer kann das nicht nachvollziehen, dass den Autor die Geschichte Heinrich Schliemanns schon früh fesselte? Sah er doch dessen Büste täglich vor dem Gymnasium seiner Heimatstadt. In ärmliche Verhältnisse mit einem brutalen Säufervater geboren, notgedrungen als Kaufmannslehrling beginnend, arbeitet sich Heinrich Stufe für Stufe hoch. Mit seinem über Jahrzehnte geschickt erworbenen Reichtum erfüllt er sich seinen Jugendtraum.

Um das nachzuzeichnen, hat Sander außer zeitgenössischen Zeitungen und Schliemanns Publikationen den umfangreichen Briefwechsel durchforstet. Womit Heinrich im jeweiligen Land konfrontiert war, hat Sander aus Sachbüchern und zeitgenössischer Literatur extrahiert, sei es z. B. der Goldrausch, der Krimkrieg, die Bürokratie der Osmanen, der Besuch der Kaiserin Sissi auf seiner Grabung, ein Treffen mit Dostojewski in Baden-Baden.

Fast alles, was Heinrich anpackt, gelingt. Er hat geschäftlichen Instinkt, unterstützt durch eine beeindruckende Sprachbegabung, mit deren Hilfe er von Russland bis Amerika erfolgreich wird. Humanistische Bildung vermisst er selber schmerzlich, besonders dann, wenn sie ihm von denjenigen vorgehalten wird, die den neureichen Selfmademan mit Naserümpfen abblitzen lassen, als er schon die ersten Entdeckungen gemacht hat. Einer ohne Abitur und Studium will Geschichte schreiben! Dabei hat er sich mit einem ersten Buch promovieren lassen. Dass nur die Uni Rostock dazu bereit war, obwohl doch alle sonst üblichen Voraussetzungen dafür fehlten, trägt wenig zum Respekt bei. Er wird in Preußen zum Gegenstand satirischer Presse. Nur den Amerikanern ist das in der Folge egal. Die schätzen Leute, die es ohne ererbte Privilegien nach oben schaffen – und bei Gold schweigt sowieso jede Vernunft.

Seine Bibel hat Homer geschrieben, an dessen Büchern beißt er sich fest. Einem heutigen Archäologen sträuben sich am großen Graben in Troja die Haare, wenn er sich ausmalt, was Schliemann alles an möglichen Erkenntnissen zerstört hat. Aber die Methoden der Feldforschung steckten noch in den Kinderschuhen und – um zukünftiger Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen – finanziert er bei den folgenden Grabungen Dörpfeld als Helfer, einen ausgebildeten Archäologen.

Als verbindenden roten Faden wählte Sander die unerfüllte Kindheitsliebe Heinrichs zu der Gutsherrntochter Minna Meincke. Der lebenslange Briefkontakt täuschte beide darüber hinweg, dass gerade die Entbehrung ihren Traum am Leben erhielt. Sander macht einfühlsam die Charaktere plastisch, indem er Szenen, die in der Rückschau wieder erinnert werden, mit der Sprache des jeweiligen Alters darstellt. Nebenbei legt er den Zeigefinger humorvoll auf Schliemanns freien Umgang mit der Wahrheit, um des größeren Effekts willen. Es ist eine Aufsteigergeschichte, die Sander dem Leser wie ein Bilderbuch aufblättert, von dem man sich gern gefangen nehmen lässt.

Gregor Sander, geboren 1968 in Schwerin, lebt als freier Autor in Berlin. Für seine Romane und Erzählungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein Romandebüt »Abwesend« war für den Deutschen Buchpreis nominiert, sein Roman »Was gewesen wäre« wurde prominent besetzt verfilmt. Im Penguin Verlag ist zuletzt sein Roman »Lenin auf Schalke« erschienen.

 

Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Ausgabe: Hardcover, mit Schutzumschlag,
320 Seiten, 13,5×21,5cm
Erschienen am:19.08.2026
ISBN:978-3-328-60508-9
Auflage/Ausgabe:Originalausgabe