von Sepp Spiegl

Wenn alle Stricke reißen – eine Redewendung mit erstaunlich langem Halt

Was tun, wenn nichts mehr funktioniert? Dann reißen die Stricke – jedenfalls in der deutschen Sprache. Die Redewendung „Wenn alle Stricke reißen“ gehört zu den Bildern, die jeder versteht, obwohl kaum jemand noch an ihren ursprünglichen Sinn denkt. Sie steht für den äußersten Notfall, für den letzten Ausweg und für den Moment, in dem die üblichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Die Redewendung „wenn alle Stricke reißen“ bedeutet, dass man im schlimmsten Fall eine letzte Notlösung hat, wenn alle anderen Pläne oder Versuche fehlschlagen. Die Herkunft stammt vermutlich aus dem früheren Transportwesen. Früher zogen Pferde oder Ochsen schwere Wagen. Die Tiere waren mit dicken Seilen, den sogenannten Zugstricken, an den Wagen befestigt. Rissen diese Stricke bei einer Fahrt (zum Beispiel an einem steilen Berg), gab es ein echtes Problem. Der Fuhrmann musste dann schnell zu einer ganz anderen, schwierigen Notmaßnahme greifen, um den Wagen zu stoppen oder zu retten. Manchmal wird die Herkunft auch in der Seefahrt (bei reißenden Schiffstauen im Sturm) vermutet. Frühere Vermutungen über Galgenstricke stimmen laut Sprachforschern nicht

.Ein Bild aus einer Welt der Seile und Zugtiere

Der Strick ist zunächst nichts anderes als eine kräftige Schnur oder ein Seil. Das Wort selbst ist schon sehr alt. Der Duden führt es auf mittelhochdeutsches und althochdeutsches stric im Sinne von „Schlinge“ oder „Fessel“ zurück; die genaue Wortherkunft gilt als ungeklärt. Bei der Redewendung „Wenn alle Stricke reißen“ ist die Herkunft allerdings nicht vollständig gesichert. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm verzeichnet einen Beleg aus dem Jahr 1721. Als mögliche Quelle wird die Sprache der Fuhrleute vermutet – also jener Menschen, die früher Wagen mit Zugtieren bewegten. Diese Erklärung passt zum Bild: Ein Wagen wird von Tieren gezogen, die mit Strängen oder Seilen eingespannt sind. Reißen diese Verbindungen, kann der Wagen nicht mehr auf die vorgesehene Weise bewegt werden. Die normale Lösung fällt aus – und es muss ein anderer Weg gefunden werden.

Auch andere Redewendungen rund um „Strang“ und „Seil“ weisen in diese Welt der Zugtiere. „An einem Strang ziehen“ bedeutet beispielsweise, gemeinsam dasselbe Ziel zu verfolgen. Duden-Material zur Redensartenkunde führt die entsprechenden Bilder auf die Seile zurück, mit denen Zugtiere angespannt wurden. Die populäre Vorstellung, die Redewendung habe unmittelbar mit einem Galgen zu tun, liegt wegen des Wortes „Strick“ zwar nahe. Sie ist aber als Erklärung für „Wenn alle Stricke reißen“ nicht die überzeugendste Herkunft. Tatsächlich gibt es rund um den Strick mehrere andere Redewendungen, die mit dem Hängen verbunden sind – etwa „sich einen Strick nehmen“. Die beiden Bilder sollten deshalb nicht vorschnell miteinander gleichgesetzt werden.

Vom wörtlichen Seil zum letzten Ausweg

Heute denkt beim Satz „Wenn alle Stricke reißen“ kaum jemand an einen Fuhrmann und seine Zugtiere. Die Redewendung ist vollständig bildlich geworden. Sie bedeutet: im äußersten Notfall, wenn alle anderen Möglichkeiten versagen. Genau so definiert auch der Duden die Wendung.

Typisch ist dabei die Konstruktion: Wenn alle Stricke reißen, …

Danach folgt fast immer eine Notlösung. „Wir versuchen zunächst, mit dem Fahrrad zu fahren. Wenn alle Stricke reißen, nehmen wir ein Taxi.“ „Ich bewerbe mich erst einmal bei mehreren Unternehmen. Wenn alle Stricke reißen, mache ich mich selbstständig.“ „Wir warten noch auf die Reparatur. Wenn alle Stricke reißen, kaufen wir ein neues Gerät.“

Interessant ist: Die Redewendung klingt dramatischer, als sie im Alltag tatsächlich gemeint ist. Wer sagt „Wenn alle Stricke reißen, bestellen wir Pizza“, beschreibt schließlich keine existenzielle Katastrophe. Gerade dieser Gegensatz macht die Wendung so beliebt. Das Bild ist groß, die tatsächliche Notlage kann dagegen ausgesprochen klein sein. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zeigen ebenfalls, dass auf „Wenn alle Stricke reißen“ typischerweise eine positive oder problemlösende Handlung folgt: Erst wird der Ernstfall beschworen, dann wird ein Ausweg präsentiert.

Warum die Redewendung so beruhigend wirken kann

Paradoxerweise steckt in der Formulierung nicht nur Angst, sondern auch Zuversicht. Wer sagt: „Wenn alle Stricke reißen, komme ich zu dir“, erklärt sich selbst zum letzten Rettungsanker. Die Redewendung markiert also eine Rangordnung der Möglichkeiten:

Plan A funktioniert.
Plan B funktioniert vielleicht auch.
Und wenn wirklich alles scheitert, gibt es noch Plan C.

Genau deshalb ist sie im privaten Gespräch besonders praktisch. Sie kann eine schwierige Situation herunterspielen und gleichzeitig Sicherheit vermitteln. Ein Student könnte sagen: „Ich versuche erst, die Prüfung zu bestehen. Wenn alle Stricke reißen, muss ich sie eben wiederholen.“ Eine Familie auf Reisen könnte feststellen: „Wenn der Zug heute nicht mehr fährt, nehmen wir den Bus. Und wenn alle Stricke reißen, bleiben wir eine Nacht im Hotel.“ Und der Handwerker sagt vielleicht: „Ich repariere das erst einmal. Wenn alle Stricke reißen, müssen wir das Teil austauschen.“ Die Redewendung ist damit ein sprachlicher Notfallplan.

Wenn die Politik die Stricke bemüht

Besonders häufig findet sich die Wendung in der politischen Sprache. Das liegt nahe: Politik besteht zu einem großen Teil aus dem Umgang mit Problemen, bei denen mehrere Lösungswege geprüft werden. Im Deutschen Bundestag ist die Formulierung seit Jahrzehnten belegt. 1952 wurde beispielsweise davon gesprochen, dass man sich „wenn alle Stricke reißen“ auf einen parlamentarischen Ausschuss zurückziehen könne. 2003 tauchte die Redewendung in einer Debatte über zusätzliche Ausbildungsplätze auf. Auch in Krisensituationen wird sie gerne verwendet. Während der Corona-Pandemie sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble 2020 mit Blick auf die Funktionsfähigkeit des Parlaments: „Wenn alle Stricke reißen, müssen wir auch handeln können“, und sprach sich für Möglichkeiten eines Notbetriebs des Bundestages aus. Das politische Beispiel zeigt, wie flexibel die Redewendung ist. Sie kann eine letzte staatliche Maßnahme bezeichnen, einen Notfallplan oder schlicht die Bereitschaft, zu einem ungewöhnlichen Mittel zu greifen.

Gleichzeitig hat sie einen rhetorischen Vorteil: „Wenn alle Stricke reißen“ klingt weniger bürokratisch als „im Falle des Scheiterns sämtlicher bisheriger Maßnahmen“. Politiker können damit einen komplizierten Sachverhalt in ein leicht verständliches Bild übersetzen.

Auch in der Wirtschaft hängen die Stricke locker

In der Wirtschaft gehört das Bild ebenfalls zum vertrauten Sprachgebrauch. Unternehmen haben Pläne, Alternativen und Notfallstrategien – und genau dort passt die Redewendung besonders gut. Ein Unternehmen könnte zunächst versuchen, einen Lieferanten zu wechseln. Wenn das nicht gelingt, werden Lagerbestände genutzt. Wenn auch das nicht reicht, wird die Produktion vorübergehend umgestellt. „Wenn alle Stricke reißen“ steht dann für die letzte verfügbare Option. In der deutschen Wirtschaftspresse ist die Wendung entsprechend immer wieder zu finden. Der Tagesspiegel verwendete sie beispielsweise 2002 in einem Porträt des späteren Telekom-Chefs Kai-Uwe Ricke als Hinweis darauf, dass selbst in einer schwierigen beruflichen Situation noch ein persönlicher Ratgeber zur Verfügung stand. Auch in wirtschaftspolitischen Debatten wird das Bild verwendet. 2005 erschien etwa ein Beitrag über die Finanzierung des deutschen Autobahnnetzes unter der Überschrift eines möglichen Notauswegs: „Wenn alle Stricke reißen“, könne der Staat im äußersten Fall sogar über einen Verkauf des Netzes nachdenken. Die Redewendung funktioniert hier besonders gut, weil wirtschaftliches Handeln häufig genau aus solchen Alternativketten besteht: Was machen wir, wenn der erste Plan nicht funktioniert? Und was machen wir, wenn auch der zweite scheitert?

Von Deutschland in die Welt

Die Idee hinter der Redewendung ist keineswegs typisch deutsch. Fast jede Sprache kennt eine Formulierung für den äußersten Notfall.

Im Englischen heißt es besonders häufig „if all else fails“ – wörtlich etwa „wenn alles andere scheitert“. Auch „as a last resort“, also „als letztes Mittel“, entspricht der deutschen Wendung. Das Cambridge Dictionary übersetzt „wenn alle Stricke reißen“ entsprechend mit „as a last resort, when all other methods … have failed“. Die englische Formulierung wird genauso selbstverständlich im Alltag wie in Politik und Wirtschaft verwendet. Ein englischsprachiger Unternehmer könnte sagen: „If all else fails, we will close the branch.“ Ein Reisender könnte sagen: „If all else fails, we can take a taxi.“ Und in politischen Debatten kann eine Maßnahme als „a last resort“ bezeichnet werden. Auch die USA und Großbritannien kennen die Redewendung „when the chips are down“ – wenn es wirklich ernst wird. Eine weitere Variante lautet „if the worst comes to the worst“. Beide Formulierungen können in bestimmten Zusammenhängen ähnliche Funktionen erfüllen wie das deutsche „Wenn alle Stricke reißen“. Interessant ist dabei der Unterschied der Bilder. Das Deutsche denkt an reißende Stricke, das Englische beispielsweise an Chips, die beim Kartenspiel auf dem Tisch liegen, oder an den schlimmstmöglichen Fall. Die Bedeutung ist ähnlich, die kulturelle Bildwelt aber unterschiedlich.

Die Wirtschaftssprache macht daraus einen Plan B

Wie verbreitet die englische Formel in der Wirtschaft ist, zeigen zahlreiche Beispiele. In einem amerikanischen Fachbeitrag über ein Technologieunternehmen wurde „If all else fails“ als letzter Schritt für den Fall beschrieben, dass andere Wege zur Finanzierung und zum Überleben des Unternehmens nicht ausreichen. Auch in der Finanzberichterstattung wird die Formel benutzt. Ein Beitrag von InvestmentNews trug 2016 die zugespitzte Überschrift „If all else fails“ und stellte damit eine letzte Erklärung für eine schwierige wirtschaftliche Entwicklung in den Raum. Auf den Bahamas wiederum wurde 2017 die mögliche Verstaatlichung eines großen Hotels als Option „if all else fails“ bezeichnet – also als Maßnahme für den Fall, dass alle anderen Versuche scheitern. Das zeigt: Die deutsche Redewendung ist kein Sonderfall. Das Denken in letzten Auswegen ist international.

Ein sprachliches Sicherheitsnetz

Vielleicht liegt genau darin die erstaunliche Langlebigkeit der Redewendung. Die Welt hat sich seit dem 18. Jahrhundert grundlegend verändert. Fuhrleute lenken keine Pferdewagen mehr über Landstraßen, Stricke sind in vielen Lebensbereichen durch moderne Technik ersetzt worden. Doch das Grundproblem ist geblieben: Was tun, wenn der Plan nicht aufgeht? „Wenn alle Stricke reißen“ liefert darauf eine einfache Antwort: Dann braucht es einen letzten Ausweg. Und vielleicht erklärt das auch, warum die Redewendung trotz ihres dramatischen Bildes so gelassen klingt. Sie sagt nicht: Alles ist verloren. Sie sagt vielmehr: Es gibt noch eine Möglichkeit – selbst dann, wenn tatsächlich alle Stricke reißen. So hat sich aus einem alten Bild aus der Welt der Seile ein modernes sprachliches Sicherheitsnetz entwickelt. Es erinnert uns daran, dass Menschen schon immer Pläne gemacht haben – und schon immer einen Plan für den Fall brauchten, dass diese Pläne scheitern.