Lobo Antunes: Wörterbuch der Sprache der Blumen
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Lobo Antunes: Wörterbuch der Sprache der Blumen (Luchterhand)
Der renommierte, in Lissabon im März diesen Jahres verstorbene, Autor war wohl schon Nobelpreiskandidat. Die portugiesische Regierung rief die Staatstrauer aus für den 83-jährigen.

Wie auch in anderen seiner Bücher wechselt die Perspektive der Erzählung. Der Klappentext erwähnt, dass der Roman die wahre Biografie eines homosexuellen Mann aufgreift, der sich der kommunistischen Partei anschloss und achtzehn Jahre seines Lebens in den Kerkern der Geheimpolizei saß. Dieser Protagonist ist Júlio de Melo Fogaça, der 1907-1980 lebte, Sohn eines Großgrundbesitzers. Jedes Kapitel gibt die Schilderung einer anderen Person wieder, deren Namen wir nicht erfahren, aber das ist die einzige erkennbare Struktur. Die Einblicke dieser Menschen, mit denen der Kommunist zu tun hatte, verraten etwas über die Umgebung, Stadt-Landkontrast, Arbeit und Gesellschaft, vor allem auf einem im Niedergang befindlichen Landgut. Den Beteiligten hätte der Autor durch die Verwendung markanter Sprachbesonderheiten Persönlichkeit verleihen können, aber Antunes benutzt durchgängig denselben Duktus. Die erinnerten Situationen wirken wie zusammengesetzte Filmschnipsel, die durch Gefühle, Stimmungen und Interpretationen im Vorführgerät hängen bleiben, oft auch redundant. Das Glossar informiert knapp über die Geschichte hinter den beiläufig erwähnten Ortschaften. Als Einsteiger, der sich etwas Einblick in die portugiesische Landesgeschichte erhofft, sollte man ein historisches Fachbuch und einen Atlas zu Rate ziehen, um die vielfachen Andeutungen würdigen zu können.
Der Roman ist eine Herausforderung der besonderen Art, sowohl was das Thema, aber vor allem den Stil angeht. Der kennzeichnet sich durch Antunes Eigenart, nicht zum ersten Mal nur Kommata als Satzzeichen zu verwenden. Gedankenstriche fassen Satzbrocken oder Ausrufe ein, oft werden mehrfach dieselben dazwischengeworfen, nach denen dann ein unvollständiger Satz mal fortgesetzt wird, mal auch nicht. Bei Relativsätzen werden selbst die Kommata eingespart. Damit verursacht er eine atemlose Sprunghaftigkeit zwischen Gedankenfetzen, Metaphern und Zeitsprüngen, die inhaltlich einen losen roten Faden bilden. Mitunter ist dieses Erinnerungskaleidoskop an Bildern überraschend treffend und poetisch, wobei Antunes eine berückende Beobachtungsgabe verrät. Mitunter wirkt der Text wie ein innerer Monolog, an anderen Stellen wie eine angedeutete Unterhaltung, Einwortunterbrechungen muten wie Aufschreie an. Als Autor fragt man sich, wie so ein Text bei Lesungen vorgetragen werden kann.
Der Roman erfordert höchste Konzentration. Leser sollten vor allem Vergnügen an origineller Sprachverwendung mitbringen und Toleranz, was Rechtschreibregeln angeht. Der vom Verlag zitierte portugiesische Rezensent Graça Sampaio sah das Lesen dieses Textes als einen Akt der Hingabe und Selbstüberwindung, dem kann man sich nur anschließen.
António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkriegs 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Lobo Antunes zählte zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das in vierzig Sprachen übersetzt worden ist, setzte er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander.
Ausgabe:Hardcover, mit Schutzumschlag,
448 Seiten,
Erschienen am:25.02.2026
Originaltitel:Diccionario da Linguagem das Flores
Übersetzung:Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
ISBN:978-3-630-87736-5
Auflage/Ausgabe:Deutsche Erstausgabe
Verlag:Luchterhand Literaturverlag



