Typisch Ost?
von Dr. Günter Müchler

Schon Mark Twain wusste, dass alle Vorhersagen windig sind, „besonders wenn es sich um die Zukunft handelt.“ Also keine Ahnung, wo am 20. September der Dax stehen wird, wie tief der Rhein-Pegel ist, wie hoch der Sprit-Preis und welche neuen Torheiten Trump sich bis dahin hat einfallen lassen. Nur auf eines kann man unbedenklich wetten. Wenn die Stimmen im Landtagswahl-Dreisprung von Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ausgezählt sind, ist Inventur fällig. Dann wird man um die große Deutschland-Frage nicht mehr herumkommen. Warum ist der Osten so wie er ist? Oder allgemeiner: Was ist schiefgelaufen in Deutschland einig Vaterland seit 1989?
Natürlich, die Behauptung vom Riss, der sich vertikal durch Deutschland ziehe, ist auch nur ein Klischee. So glatt ist der Riss nicht. Das kann man, um gleich zur Sache zu kommen, recht gut an der Partei ablesen, die sich Alternative für Deutschland nennt. Ist im Westen von der AfD die Rede, schwingt oft unausgesprochen „typisch Ost“ mit. Dabei stammt Alice Weidel, die Parteivorsitzende, aus Gütersloh, Björn Höcke vom völkischen Flügel wurde im westfälischen Lünen geboren, beides liegt in NRW. Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland verdiente sich seine Sporen als Chef der hessischen Staatskanzlei.
Demnach ist es schon stammbaummäßig falsch, die „Blauen“ als lupenrein ostdeutsche Spezies einzustufen. Bis hoch in die Zehnerjahre wurde die AfD eher als westdeutsches Gewächs angesehen. Der ehemalige Landesvater von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, tut es noch heute. Erst danach entwickelte sich die Partei durch Themenwechsel und Radikalisierung zu einer Bewegung, die zwar gesamtdeutsch reüssiert, im Osten aber Spitzenergebnisse einfährt.
Wie verwandte Parteien in den europäischen Nachbarländern surft die AfD auf zeittypischen Befindlichkeiten. Obwohl ihr ein Schuss Vulgarität zu eigen ist, sucht und findet sie ihr Klientel in allen Schichten der Gesellschaft. Ihr laufen nicht nur Glatzköpfe in Springerstiefeln und mit dem Braunhemd im Schrank zu, sondern auch Menschen, die das Gefühl haben, zurückgesetzt zu sein, nicht zu zählen und nicht gehört zu werden. Diese Menschen suchen die Verursacher ihrer Frustriertheit nicht irgendwo, am wenigsten bei sich selbst. Schuld sind klarermaßen „die da oben“, das heißt Politiker, Verbandsführer, Journalisten, Wissenschaftler, vulgo: die „Elite“.
Diese Disposition beutet die AfD aus. Sie schürt das Ressentiment gegen den Staat und seine Vertreter und schaut gelassen zu, wenn Anhänger ernst machen und gegen Bürgermeister oder Landräte handgreiflich werden. Als „Alternative“, die schon kraft des Namens mit dem „System“ nichts gemein hat, verspricht sie, alles umzukrempeln und die alte Elite durch eine neue zu ersetzen. Nach dieser Rezeptur, die den Kampf zum Kreuzzug erhebt und für den Erfolgsfall jede Menge Pöstchen in Aussicht stellt, sind noch alle revolutionären Bewegungen verfahren – und die AfD ist in gewisser Hinsicht eine.
Weshalb verfängt ihr Angebot im Osten am besten? In Talkshows oder in privaten Korbsessel-Diskussionen ist die Antwort oft ein Stoßseufzer: „Sie sind halt so wie sie sind, die Ossis“. Das klingt, als hätten die Ostdeutschen einen Genfehler, als wären sie von Natur aus autoritätsgläubig, intolerant und letztlich unbelehrbar. Beziehungstherapeuten würden diese Sicht der Dinge wohl zu schlicht finden und entgegenhalten, dass alles soziale Leben aus Wechselwirkungen bestehe. Sie würden sagen: „Der Osten ist auch deshalb wie er ist, weil der Westen ist wie er ist.“
Offensichtlich gibt es auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung unverheilte Wunden im komplexen Gemenge von Ost und West. Und die Dünnhäutigkeit nimmt zu. Die im Osten fordern Gerechtigkeit, die im Westen beklagen Undank. Rechthaberisch pfeffert man sich Zahlen an den Kopf und beharkt sich mit Verschwörungstheorien. Eine wiederkehrende Anklage im Osten gilt der kulturellen Dominanz, die der Westen beständig ausspiele. Gemeint sind speziell die Medien. „Lügenpresse“ gehört zum Standardwortschatz der AfD, ist aber im Kontext durchaus anschlussfähig. Aktuellen Statistiken zufolge vertrauen im Osten nur 65 Prozent der Menschen den Medien, im Westen sind es 81 Prozent. Bei einer Umfrage unter MDR-Nutzern äußerten 77 Prozent, Ostdeutschland werde in den Medien penetrant negativ dargestellt.
Tatsache ist, dass nach der Wende die meisten Qualitätsmedien blieben, wo ihre Redaktionen schon vor der Wende saßen, die FAZ in Frankfurt, die Süddeutsche in München, Spiegel und Zeit in Hamburg. Das ZDF sendet nach wie vor aus Mainz. Im ARD-Verbund erhielten die neuen Bundesländer mit den Mehrländeranstalten MDR und RBB zwar eigene Stützpunkte. Aber die Tagesschau kommt unverändert aus Hamburg, und die meisten Politsendungen im Programm steuern die Westanstalten bei.
Der oben bereits erwähnte Reiner Haseloff von der CDU hält mit seiner Ansicht nicht hinterm Berg. „Es gibt in den meinungsbildenden Massenmedien, die überwiegend westdeutsch dominiert sind, fast ausschließlich einen Westblick auf den sogenannten Ossi“. Der negative Blick überwiege. „Das ist, was die Leute verrückt macht“.
Ikonisch für den als überheblich empfundenen Duktus der Medien steht die sogenannte „Zonen-Gaby“. Im November 1989, unmittelbar nach dem Mauerfall, erschien die Zeitschrift „Titanic“ (Untertitel „Das endgültige Satire-Magazin“) mit einem Cover, das eine junge Frau mit geschälter Gurke in der Hand hielt zeigte. Daneben die Zeile: „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“.
Die Bananen-Metapher war nach der Wende eine Zeitlang à la mode – eine Giftspritze, die dem Vereinigungsprozess schweren Schaden zufügte, weil sie den mutigen Akt der Selbstbefreiung in voller Absicht verächtlich machte. Für das Linsengericht von ein bisschen mehr Konsum, siehe Banane, hätten die Ostdeutschen ihren Staat verkauft, der bei allen Defiziten doch als sozialistisches Experimentierfeld für die Zukunft unbedingt hätte verteidigt werden müssen. So verstiegen urteilte man damals in Teilen der westdeutschen Linken bis hinein in die SPD.
Die Quittung folgte auf dem Fuße: Bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 verlor die SPD nach Strich und Faden. Auch im historischen Quellgebiet der Sozialdemokratie, in Thüringen und in Sachsen, musste sie der CDU den Vortritt lassen, was besonders weh tat. Von diesem Tiefschlag erholte sich die SPD nie. Es stimmt, mittlerweile geht auch die CDU im Osten in die Knie. Aber es ist nicht die SPD, die sie in ihrer jahrzehntelangen Vormachtstellung beerbt. Vielmehr färbt sich der Osten blau, und die Dämmerung der Sozialdemokratie setzt sich fort.
Für die AfD könnte es nicht besser laufen. Egal, ob die Wut vieler Menschen im Osten über westdeutsche Überheblichkeit berechtigt ist oder nicht: Für die AfD ist sie ein gut funktionierendes Geschäftsmodell. Sie muss nicht fürchten, dass ihr die zahlreichen internen Skandale allzu übel genommen werden. Wenn sie um Posten schachert oder, wie unter Höcke gerade in Thüringen, Machtspielchen betreibt und damit gerade das tut, was sie sonst den „Kartellparteien“ vorwirft, prallt das ab an der Trotzhaltung der Menschen, die entschlossen sind, es „dem Westen“ zu zeigen.
Kritik an unkontrollierter Immigration ist längst nur noch ein Punkt unter anderen im agitatorischen Sortiment der AfD. Sie muss gar nicht viel tun, um im Flow zu bleiben. Allein die gegen alle Vernunft geführten Verbotsdebatten sind ihr ein Konjunkturprogramm. Dankbar nimmt sie Vorlagen wie Wokeness oder Gendern auf. Linksgrüner Identitätspolitik setzt sie ihre eigene, völkische Identitätsverheißung entgegen. Mit „deutsch denken“ geht sie im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt auf Stimmenjagd.
„Deutsch denken“ heißt für die Partei-Ideologen auch Kehrtwende in der Erinnerungspolitik. Die Nazi-Verbrechen waren ja nur „Fliegenschiss“ auf dem prächtigen Tableau tausendjähriger deutschen Historie. Besser, der Geschichtsunterricht beschäftigte sich mit Luther, Bismarck und anderen Größen. Und was die DDR angeht: So schlecht, wie sie der Westen macht, war sie nun auch wieder nicht. Man denke nur an das Moped Simson. Als im Juli bei einer AfD-Veranstaltung in Dessau ein Kabarettist die „Becher-Hymne“, anstimmte, sang Parteichef Tino Chrupalla lächelnd mit. Beim Aufhübschen der DDR wetteifert die Rechtsaußen-Partei mit der Links-Partei. Erich Honecker käme aus dem Staunen nicht heraus.
Die Dämonisierung des Heute bedingt die Verharmlosung des Gestern. Angesagt ist Nostalgie. Die Simson hat Kultstatus. Aus der Lebensmittelbranche hört man, nirgends werde so zielbewusst regional eingekauft wie im Osten. Schlecht ist das nicht, aber hier geht wohl um mehr als um Bio. Es geht um Haltung, um den Willen, sich das Eigene nicht kapern zu lassen. Gehören dazu auch Russland und die Russen?
Die Anhänglichkeit an die ehemalige Besatzungsmacht ist verbreitet in den östlichen Bundesländern und ein großes Rätsel. Schließlich standen die Zonenrussen, solange sie die Kasernen bevölkerten, nicht unbedingt in dem Ruf, prima Kumpel zu sein. Und heißt es nicht immer, die Westdeutschen seien etwas schuldig, weil sie das Glück hatten, auf der Sonnenseite der Straße aufzuwachsen und nicht wie die Ostdeutschen auf der falschen mit den russischen Verkehrsregeln? Wahrscheinlich ist die Nachsicht mit Putin, dem Kriegsverbrecher, die von AfD, BSW und der Linken unterfüttert wird, nur als Trotzreaktion erklärbar.
Es läuft so manches gut in Deutschland, und die Wiedervereinigung bleibt ein Geschenk des Himmels. Mauer und Todesstreifen sind Vergangenheit. Geblieben ist ein Belt unterschiedlicher Befindlichkeiten, und dieser Belt wird anscheinend beständig breiter. Die AfD steht im Osten ante portas. Das zu ändern, braucht erstens Geduld und zweitens das Zugeständnis, dass jede Wirkung ihre Ursache hat. Wie wäre es, wenn man im meinungsbildenden linksliberalen Milieu Westdeutschlands ein bisschen mehr Toleranz übte und ja, den Zauberschirm der Vielfalt auch über Ostdeutschland ausspannte?
Mit Ausgrenzung kommt man nicht weit, und das Gespräch zu verweigern wegen angeblicher Unbelehrbarkeit ist kein Zeichen von Stärke. Es vertieft den Riss. „The public must never be regarded as incurable“. Der englische Philosoph Edmund Burke, von dem der Satz stammt, bildete sich nicht ein, dass Überzeugungsarbeit einfach sei. Die ganze Demokratie ist nicht einfach. Aber sie ist der Mühe wert.



