Die „Schand-Maurer“
von Dieter Weirich

Sie stand 28 Jahre und 88 Tage, trennte Menschen in Ost und West, hielt ein halbes Land und einen halben Kontinent gefangen. Heute vor 65 Jahren erteilte SED-Chef Walter Ulbricht im geteilten Deutschland den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze. 10 000 bewaffnete Kräfte rissen Straßen auf, spannten Stacheldraht und errichteten Barrikaden, Grenz-und Volkspolizisten sicherten die Grenze. Die sozialistische Antwort auf Freiheitsliebe hieß Schießbefehl.
Mit diesem „antifaschistischen Schutzwall“ – so die DDR. Propaganda- versuche sich die SED-Diktatur, vor westlicher Infiltration zu schützen. In Wahrheit ging es darum, den Massenstrom von Flüchtlingen in den Westen zu stoppen. Mehr als drei Millionen Bürger hatten dem sozialistischen Arbeiter-und Bauernparadies den Rücken gekehrt, es war die berühmte „Abstimmung mit den Füßen“.
Eine zentrale Gedenkveranstaltung der „Stiftung Berliner Mauer“ begleitet diesen Tag, würdigt vor allem die Toten, die ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlen mussten. Zeitzeugen-Gespräche, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen runden diesen wichtigen Tag deutscher Erinnerungskultur ab.
Die Resonanz in der Bevölkerung ist freilich bescheiden, weite Teile der Politik begreifen den Fall der Mauer als freiheitliche Verpflichtung nicht mehr. So erleben wir eine Inflationierung des Faschismus-Begriffes. Dass sich ausgerechnet der Chef der Linkspartei, die Rechtsnachfolge-Organisation der autoritären Einheitspartei SED , erdreistet ,eine um die deutsche Demokratie verdiente Partei wie die Union als faschistisch zu denunzieren, zeigt den geistigen Bankrott jenes extremen politischen Randes, der Enteignungen fordert und mit antisemitischen Tiraden auffällt.
Die radikale Rechte übt sich ebenfalls in geschichtsvergessener Ostalgie. Es ist eine Verhöhnung der friedlichen Revolution, wenn bei einer AfD-Veranstaltung die DDR-Hymne gesungen wird. Der Unrechtsstaat, der Menschen an der Grenze erschießen ließ, Oppositionelle einsperrte und die Wirtschaft ruinierte, wird aber auch von Teilen des von Sarah Wagenknecht dominierten BSW weich gezeichnet. Es sind „Schand-Maurer“, deren Geschichtsklitterung unsere Identität verachtet.



