von Sepp Spiegl

Die Geschichte, Bedeutung und erstaunliche Herkunft einer deutschen Redewendung

Eine Redewendung zwischen Hoffnung und Realität

Kaum eine deutsche Redewendung bringt das Ende einer Hoffnung so prägnant auf den Punkt wie „Sich etwas abschminken können.“ Wer sich etwas abschminken kann, muss sich von einem Wunsch, einer Erwartung oder einem Vorhaben verabschieden. Die Botschaft ist eindeutig: Daraus wird nichts. Ob im Familienalltag, im Berufsleben, in politischen Debatten oder in wirtschaftlichen Prognosen – die Redewendung gehört seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil der deutschen Alltagssprache. Doch nur wenige wissen, dass ihre Wurzeln weit zurückreichen und sich bis ins Mittelalter verfolgen lassen.

Bedeutung der Redewendung

Die Redewendung bedeutet:

  • eine Hoffnung aufgeben müssen,
  • auf etwas verzichten,
  • sich mit einer unangenehmen Realität abfinden,
  • erkennen, dass ein Plan nicht verwirklicht werden kann.

Typische Beispiele:

  • „Den Urlaub im Juli kannst du dir abschminken.“
  • „Er kann sich die Beförderung abschminken.“
  • „Nach der Niederlage konnte sich die Mannschaft den Meistertitel abschminken.“
  • „Wenn die Finanzierung platzt, können wir uns das Projekt abschminken.“

Die Aussage ist meist endgültig. Sie signalisiert, dass weiteres Hoffen sinnlos geworden ist.

Die Herkunft der Redewendung: Zwischen höfischer Kultur, Theater und Militär

Kaum eine Redewendung der deutschen Sprache ist so bildhaft wie „Sich etwas abschminken können.“ Dennoch gehört ihre Herkunft zu denjenigen sprachgeschichtlichen Fragen, die bis heute nicht vollständig geklärt sind. Es existieren mehrere Erklärungsansätze, die sich gegenseitig ergänzen, aber nicht alle gleichermaßen belegt sind. Sprachhistoriker sind sich einig, dass die Redewendung erst im 19. Jahrhundert schriftlich nachweisbar ist. Die Bilder und Vorstellungen, auf denen sie beruht, reichen jedoch deutlich weiter zurück.

Das Mittelalter: Schminke als Zeichen von Stand und Rolle

Im europäischen Mittelalter war Schminke keineswegs nur ein Mittel der Verschönerung. Bereits an den Fürstenhöfen des 12. und 13. Jahrhunderts verwendeten adelige Frauen – und teilweise auch Männer – Puder, Salben und pflanzliche Farbstoffe. Eine helle Gesichtsfarbe galt als Zeichen von Vornehmheit, denn sie zeigte, dass man nicht auf dem Feld arbeiten musste. Rote Wangen wurden durch Pflanzenfarben oder Salben betont, während wohlriechende Öle und Cremes den Wohlstand ihrer Träger unterstrichen. Schminke erfüllte dabei mehrere Funktionen. Sie verschönerte nicht nur das Gesicht, sondern stellte auch eine Art „Inszenierung“ der eigenen Person dar. Wer sich für ein Turnier, einen höfischen Empfang oder ein großes Fest schminkte, zeigte, dass ein besonderer Anlass bevorstand. Das Auftragen der Schminke war Teil der Vorbereitung auf ein gesellschaftliches Ereignis. Ebenso bedeutungsvoll war jedoch das Abschminken. War das Fest beendet, wurden die Farben entfernt, kostbare Gewänder abgelegt und der festliche Glanz verschwand. Mit dem Abschminken endete symbolisch auch die festliche Rolle. Der Alltag kehrte zurück.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gilt heute als wahrscheinlich, dass die Redewendung nicht auf ein einzelnes Ereignis oder einen bestimmten Berufsstand zurückgeht. Vielmehr entwickelte sie sich über mehrere Jahrhunderte aus verschiedenen kulturellen Bereichen. Die höfische Kultur des Mittelalters, das Theater der frühen Neuzeit und später auch militärische Sprachbilder könnten gemeinsam dazu beigetragen haben, dass sich der Ausdruck im Deutschen etablierte. Erst im 19. Jahrhundert taucht die Wendung regelmäßig in der geschriebenen Sprache auf. Seitdem gehört sie zum festen Bestand der deutschen Umgangssprache und wird bis heute verwendet, wenn Hoffnungen, Erwartungen oder Pläne endgültig aufgegeben werden müssen.

Bereits im Hochmittelalter verwendeten Angehörige des Adels:

  • weiße Gesichtspuder,
  • pflanzliche Farbstoffe,
  • Salben,
  • kosmetische Pasten.

Vor allem bei höfischen Festen, Turnieren und religiösen Feiern wurden Gesichter geschmückt oder verschönert. Schminke war allerdings mehr als bloße Kosmetik. Sie symbolisierte:

  • gesellschaftlichen Rang,
  • Schönheit,
  • Wohlstand,
  • höfische Kultur.

Wer sich für ein Fest schminkte, bereitete sich auf ein besonderes Ereignis vor.

Ritter, Turniere und höfische Feste

Besonders deutlich zeigte sich diese Symbolik bei Ritterturnieren. Solche Veranstaltungen waren weit mehr als sportliche Wettkämpfe. Sie dienten der Selbstdarstellung des Adels, der Werbung um Ansehen und nicht selten auch der Brautwerbung. Wochenlang wurden Feste vorbereitet, bei denen Kleidung, Schmuck und kosmetische Pflege eine wichtige Rolle spielten. Nach dem Ende eines Turniers kehrte jedoch wieder der Alltag ein. Die prächtigen Gewänder verschwanden, das Make-up wurde abgewaschen und die höfische Inszenierung war vorbei. Der Gegensatz zwischen festlicher Erwartung und nüchterner Realität prägte über Jahrhunderte das gesellschaftliche Leben und dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich das Bild des Abschminkens als Ende einer Hoffnung im Sprachgebrauch festsetzen konnte.

Das Theater als möglicher Ursprung

Ein weiterer Erklärungsansatz führt in die Welt des Theaters. Bereits im Spätmittelalter und besonders seit dem 16. Jahrhundert schminkten sich Schauspieler vor ihren Aufführungen oft sehr auffällig. Die Schminke machte Figuren auch aus großer Entfernung erkennbar und half dabei, unterschiedliche Rollen darzustellen. Nach dem Ende einer Vorstellung entfernten die Darsteller ihre Schminke. Damit endete nicht nur das Schauspiel, sondern auch die Rolle, die sie verkörpert hatten. Aus dem Helden wurde wieder ein gewöhnlicher Mensch, aus dem König wieder ein Schauspieler. Diese Verbindung zwischen Abschminken und dem Ende einer Illusion passt hervorragend zur heutigen Bedeutung der Redewendung. Viele Sprachforscher halten deshalb den Theaterbereich für einen wichtigen Einfluss auf ihre Entwicklung.

Im Laufe der frühen Neuzeit entstand zunehmend die übertragene Bedeutung. Nicht mehr das tatsächliche Entfernen der Schminke stand im Mittelpunkt, sondern das Bild: Wer sich abschminkt, legt eine Illusion ab. Aus dem Ende eines Festes wurde das Ende einer Hoffnung. Damit wandelte sich der konkrete Vorgang in eine sprachliche Metapher.

Die militärische Theorie

Besonders beliebt ist die Erklärung, die Redewendung stamme aus dem Militär. Tatsächlich besitzt sie einen gewissen historischen Hintergrund, auch wenn ein direkter Nachweis fehlt. Bereits im Mittelalter trugen Ritter vor Turnieren und Schlachten häufig Wappenfarben im Gesicht oder auf dem Helm. Diese Bemalungen dienten der Wiedererkennung, hatten aber auch eine repräsentative Funktion. Nach der Rückkehr wurden Farben und Schmutz entfernt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Kampf beendet war. Später, im 18. und 19. Jahrhundert, verwendeten Soldaten in verschiedenen europäischen Armeen Schminke oder Tarnfarben für besondere Einsätze oder Paraden. Nach dem Einsatz wurden diese wieder abgewaschen. Das Abschminken markierte das Ende der Mission. Vor allem im Ersten und Zweiten Weltkrieg gewann Tarnschminke an Bedeutung. Scharfschützen, Spähtrupps und Spezialverbände bemalten ihre Gesichter mit dunklen Farben, um im Gelände weniger aufzufallen. Wurde ein Einsatz abgesagt oder war er beendet, entfernten die Soldaten die Tarnfarbe wieder. In der Soldatensprache entwickelte sich daraus gelegentlich die bildhafte Vorstellung, dass man sich eine geplante Aktion „abschminken“ könne, wenn sie nicht mehr stattfinden würde. Ob diese militärische Umgangssprache die eigentliche Quelle der Redewendung ist oder lediglich eine spätere Verstärkung eines bereits bestehenden Ausdrucks, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen.

Warum sich die Redewendung durchsetzte

Unabhängig von ihrer genauen Herkunft besitzt die Redewendung eine außergewöhnlich starke Bildkraft. Schminke verändert das äußere Erscheinungsbild. Sie lässt Menschen anders wirken, hebt bestimmte Merkmale hervor oder verdeckt Unvollkommenheiten. Das Abschminken dagegen entfernt diese künstliche Ebene und zeigt das Gesicht so, wie es tatsächlich ist.

Gerade diese Gegenüberstellung von Wunsch und Wirklichkeit macht den Ausdruck bis heute so verständlich. Wer sich etwas „abschminken“ muss, verliert keine Schminke, sondern eine Illusion. Die Realität setzt sich gegen die Hoffnung durch.

Warum gerade Schminke?

Schminke verändert das äußere Erscheinungsbild.

Sie lässt Menschen:

  • jünger,
  • schöner,
  • kräftiger,
  • eindrucksvoller

wirken.

Das Abschminken dagegen zeigt die Wirklichkeit. Genau dieser Gegensatz erklärt die sprachliche Entwicklung. Die Redewendung beschreibt bildhaft den Moment, in dem Wunsch und Realität aufeinanderprallen.

Der alltägliche Gebrauch:

Im täglichen Sprachgebrauch wird die Redewendung häufig humorvoll oder ironisch eingesetzt.

In der Familie:

„Du kannst dir heute Fernsehen abschminken.“

„Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, kannst du dir das Schwimmbad abschminken.“

Unter Freunden:

„Den letzten Platz im Restaurant kannst du dir abschminken.“

„Bei dem Wetter können wir uns das Grillen abschminken.“

Im Beruf:

„Ohne Erfahrung kannst du dir diese Stelle abschminken.“

„Nach den Sparmaßnahmen konnten sich viele Mitarbeiter die Gehaltserhöhung abschminken.“

Im Sport:

„Nach dem Platzverweis konnte sich die Mannschaft den Sieg abschminken.“

„Mit dieser Zeit kann sich der Läufer die Medaille abschminken.“

Verwendung in der Politik: 

Politiker greifen häufig auf die Redewendung zurück, weil sie komplizierte Sachverhalte verständlich macht.

Beispiele:

„Wer glaubt, dass die Steuern nächstes Jahr sinken, kann sich diese Hoffnung abschminken.“

„Ohne Einigung können wir uns eine schnelle Reform abschminken.“

„Wer auf eine Mehrheit hofft, muss nach den Wahlergebnissen umdenken oder sich den Regierungswechsel abschminken.“

Gerade in Talkshows oder Interviews wirkt die Redewendung deutlich direkter als eine nüchterne Formulierung.

Sie vermittelt Entschlossenheit und signalisiert, dass bestimmte Erwartungen unrealistisch sind.

Verwendung in der Wirtschaft:

Auch in Unternehmen ist die Redewendung weit verbreitet. Manager verwenden sie häufig, wenn wirtschaftliche Entwicklungen Hoffnungen zunichtemachen.

Beispiele:

„Bei dieser Marktlage können wir uns zweistellige Wachstumsraten abschminken.“

„Nach den gestiegenen Rohstoffpreisen können wir uns günstige Produktionskosten abschminken.“

„Wenn der Auftrag verloren geht, können wir uns den Gewinn dieses Quartals abschminken.“

Auch Börsenkommentatoren greifen regelmäßig darauf zurück:

„Anleger können sich schnelle Kursgewinne zunächst abschminken.“

Die Redewendung schafft Klarheit und bringt wirtschaftliche Risiken in einer leicht verständlichen Sprache auf den Punkt.

Verwendung in den Medien:

Zeitungen nutzen die Formulierung häufig in Überschriften, etwa:

„Urlauber können sich den Sommer-Rabatt abschminken.“

„Autofahrer können sich günstiges Benzin abschminken.“

„Fans müssen sich den Titelgewinn abschminken.“

Gerade Überschriften profitieren von der bildhaften Sprache.

Entsprechungen in anderen Ländern

Obwohl die deutsche Formulierung einzigartig ist, existieren in vielen Sprachen ähnliche Redewendungen.

Englisch

Im Englischen sagt man häufig:

  • „Forget it.“
  • „You can kiss it goodbye.“
  • „Don’t hold your breath.“

„You can kiss it goodbye“ kommt der deutschen Bedeutung besonders nahe.

Französisch

Im Französischen hört man:

„Tu peux faire une croix dessus.“ Wörtlich: „Du kannst ein Kreuz darüber machen.“

Auch hier bedeutet es, sich endgültig von einer Hoffnung zu verabschieden.

Italienisch

Eine vergleichbare Redewendung lautet:

„Puoi metterci una pietra sopra.“ Wörtlich: „Du kannst einen Stein darauflegen.“

Auch sie drückt Endgültigkeit aus.

Spanisch

Im Spanischen verwendet man:

„Ya puedes olvidarte.“ Oder: „Despídete de eso.“ Beide bedeuten sinngemäß: „Vergiss es.“

Niederländisch

Im Niederländischen existiert:

„Dat kun je wel vergeten.“ Wörtlich: „Das kannst du ruhig vergessen.“

Schwedisch

Im Schwedischen sagt man:

„Det kan du glömma.“ Auch hier lautet die Bedeutung schlicht: „Das kannst du vergessen.“

Warum die Redewendung bis heute beliebt ist

Die Stärke der Redewendung liegt in ihrer Anschaulichkeit. Jeder kennt den Vorgang des Abschminkens.

Das Bild vermittelt sofort:

  • Etwas geht zu Ende.
  • Die Realität tritt hervor.
  • Wünsche lösen sich auf.

Gerade deshalb versteht praktisch jeder die Aussage sofort.

Sprachliche Besonderheiten

Interessant ist, dass die Redewendung fast ausschließlich in Verbindung mit Hoffnungen oder Erwartungen verwendet wird.

Man sagt:

  • „Das kannst du dir abschminken.“
  • „Die Meisterschaft konnte sich der Verein abschminken.“

Ungewöhnlich wäre dagegen: „Ich habe mir den Kaffee abgeschminkt.“ Hier fehlt der übertragene Sinn.

Humorvolle Varianten

Im Deutschen haben sich zahlreiche spielerische Abwandlungen entwickelt:

  • „Das kannst du vergessen.“
  • „Mach dir keine Hoffnungen.“
  • „Daraus wird nichts.“
  • „Den Traum kannst du begraben.“
  • „Da wird nichts draus.“
  • „Das kannst du knicken.“

Alle transportieren dieselbe Grundidee, unterscheiden sich jedoch im Tonfall.

„Sich etwas abschminken können“ gehört zu den lebendigsten deutschen Redewendungen. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in den höfischen Bräuchen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, als das Abschminken das Ende eines Festes und die Rückkehr in den Alltag symbolisierte. Aus diesem konkreten Vorgang entwickelte sich im Laufe der Zeit eine kraftvolle Metapher für das Ende von Hoffnungen und Erwartungen. Heute begegnet uns die Redewendung überall: im Familienleben, in Unternehmen, in der Politik, im Sport und in den Medien. Ihre bildhafte Sprache macht sie leicht verständlich und verleiht ihr bis heute große Ausdruckskraft. Dass sich ähnliche Wendungen in vielen anderen Sprachen finden, zeigt zudem, dass das Abschiednehmen von unerfüllbaren Wünschen ein universelles menschliches Thema ist – auch wenn das Deutsche dafür mit dem „Abschminken“ ein besonders anschauliches Bild gefunden hat.