Zu bequem zum Wandel ?
von Dieter Weirich

„Für Dich, für uns, für alle“ heißt das Motto des übermorgen, am 23.Mai, erstmals stattfindenden „Ehrentages des Grundgesetzes“. Bundespräsident Steinmeier und die „Stiftung für Engagement und Ehrenamt“ hatten die Idee, an diesem Tag zum „Mitmachen für das Miteinander“ aufzurufen und die Resonanz ist mit vielen sozialen Aktionen und Hilfsangeboten beachtlich.
In einer Zeit schleichender Erosion gesellschaftlicher Bindungen ist die Revitalisierung einer vielschichtigen Gemeinschaftskultur besonders wichtig. Die Demokratie lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen und zur Mitgestaltung bereit sind.
Mit der Verfassung von 1948, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine freiheitliche Antwort auf den nationalsozialistischen Unrechtsstaat war, können sich die meisten Deutschen identifizieren. Das Grundgesetz sichert Frieden, Freiheit und Demokratie und hat vor allem einen absoluten Wert, nämlich die Würde des Menschen.
Mehr als ein Dreivierteljahrhundert alt ist die Verfassung , die längste Zeit in der Geschichte, in der die Deutschen in Frieden und Freiheit leben konnten. Die Bürger betrachten dies inzwischen als Selbstverständlichkeit, was freilich auch zu nachlassender Resilienz bei der Verteidigung der Vorzüge des eigenen Gemeinwesens geführt hat.
So befürwortet eine Mehrheit die militärische Abschreckung und die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Nur jeder Fünfte wäre aber gleichzeitig bereit, im Konfliktfall sein Land persönlich zu verteidigen. In Skandinavien oder in den baltischen Staaten sind dagegen mehr als zwei Drittel der Menschen auch persönlich bereit, für ihre Freiheit einzustehen.
Die „ohne mich-Mentalität“ gibt es auch in der Innenpolitik. Bei aller berechtigten Kritik an den etablierten Parteien muss man sich fragen, ob das in Umfragen für Reformen plädierende Wahlvolk genügend eigene Bereitschaft zum Wandel mit sich bringt. Mit Beharrungsvermögen wird in nahezu allen wichtigen Fragen der Gesellschaftspolitik der status quo verteidigt. Das bequeme „Sankt Florians-Prinzip“ feiert vielmehr Triumphe. Unangenehmes von sich selbst wegzuschieben und nicht an die Gemeinschaft zu denken, dieser „Ohnemichel“-Typ ist nicht zukunftsfähig.



