Mit dem Angriff auf den Iran endet die fragile Balance im Nahen Osten. Europa könnte den Preis für das neue Chaos zahlen.

Die Luftangriffe auf Teheran sollten für Europa wahrlich kein Grund zum Jubeln sein. Ein instabiler Iran liegt nicht in unserem Interesse.

Die politische Dimension der jüngsten US-israelischen Bombardierung des Iran lässt sich kaum überschätzen. Während man in Berlin den möglichen Regimewechsel beklatscht, bleibt die historische Tragweite dieser Angriffe der deutschen Öffentlichkeit weitgehend verborgen.

Die aktuelle Eskalation stellt einen Bruch dar. Die verfeindeten Parteien verfolgen das Ziel der gegenseitigen Vernichtung mit neuer Konsequenz. Irans Staatsoberhaupt wurde getötet, ebenso führende Diplomaten und Militärs einer Mittelmacht mit 90 Millionen Einwohnern – eines Staates, dessen Legitimität für eine stabile Ordnung im Nahen Osten auf lange Sicht unentbehrlich ist. Was man im Ukrainekrieg noch erfolgreich geschafft hat – nämlich den Krieg horizontal wie vertikal zu begrenzen –, ist im Fall des Iran gescheitert. Die Schwelle ist überschritten. Die Konsequenzen werden enorm sein, auch für Europa.

Jede regionale Ordnung gründet auf der Legitimität ihrer mächtigsten Akteure. Der Iran ist, neben der Türkei, die bedeutendste Mittelmacht des Nahen Ostens, mit einer jahrtausendealten imperialen Geschichte und einem entsprechenden Selbstverständnis. Ein Luftbombardement wird mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Regimewechsel herbeiführen. Und selbst wenn es gelänge und der Iran morgen eine blühende Demokratie wäre: Warum sollte diese Macht nach allem Erlittenen nicht alles daransetzen, militärisch so stark zu werden, dass sie nie wieder gedemütigt werden kann?

Was wir gerade erleben, die Liquidierung einer politischen Führung, ist keine Auflösung des Konflikts. Nicht das große Finale, sondern eine Ouvertüre.

Was wir gerade erleben, die Liquidierung einer politischen Führung, ist keine Auflösung des Konflikts. Nicht das große Finale, sondern eine Ouvertüre. Wie man dieses Land in den kommenden Jahrzehnten dazu bewegen will, eine stabile Ordnung mitzutragen, ist mehr als fraglich. Das Tischtuch ist zerrissen. Ordnung braucht Vertrauen und dieses Vertrauen ist zerstört. Wie viele Regimewechsel auch folgen mögen – kein künftiges Regime wird noch Vertrauen in diese Ordnung setzen oder an ihre Verlässlichkeit glauben.

Man könnte einwenden, revisionistische Akteure ließen sich grundsätzlich nicht dauerhaft einbinden. Ihr Ziel sei nicht die Stabilisierung, sondern die Überwindung der bestehenden Ordnung. Ebenso ließe sich argumentieren, Gleichgewichtspolitik sei stets ein historisches Übergangsphänomen gewesen: temporär, fragil, keine Ordnung auf Dauer. Hinzu kommt: Der Iran hat durch sein Netz an Proxies de facto einen permanenten Kriegszustand aufrechterhalten, in asymmetrischer und schwer fassbarer Form.

Damit stellt sich die strategische Kernfrage: Belässt man es bei einer instabilen Stabilität? Hält man Konflikte begrenzt, solange keine Seite das Gleichgewicht offen angreift – wie es bis zum Bombardement im Wesentlichen der Fall war? Oder versucht man, Irans militärische Macht gezielt zu brechen, um eine Ordnung zu schaffen, die ihn nicht mehr berücksichtigen muss?

Die historische Erfahrung ist eindeutig: Ordnung entsteht nicht durch Moral, sondern durch Balance. Jede Ordnung musste notfalls militärisch abgesichert werden – oder zumindest durch eine glaubwürdige Drohung. Funktionierende Ordnungen zeichneten sich nicht durch Gewaltfreiheit aus, sondern durch die Begrenzung der Gewalt. Diplomatie verhinderte die Anwendung oder das Ausufern militärischer Auseinandersetzungen, die Konflikte blieben eingehegt. Balance war nie das Gegenteil von Ordnung. Sie war ihre Voraussetzung.

Man kann argumentieren, dass sich die USA und Israel, gemeinsam mit den meisten anderen Nahoststaaten, über Jahrzehnte in einem solchen Gleichgewicht mit dem Iran befunden haben. Diese Ordnung hatte keine moralische Grundlage, sie basierte einzig und allein auf dem Gleichgewicht der militärischen Macht. Aus der damit verbundenen Vorsicht ergab sich auch ein gewisser diplomatischer Umgang miteinander. Diese Ordnung war fragil, aber sie funktionierte auf ihre Weise. Es gab zumindest minimale Regeln in diesem rohen Balanceakt. Nun sind sie gefallen.

Wie sah das Gleichgewicht kurz vor dem Bombardement aus? De facto hatten die USA, Israel und ihre arabischen Partner den Iran vollständig ausbalanciert. Wirtschaftlich, technologisch und militärisch war das westliche Übergewicht erdrückend. Die Hamas war zerschlagen, die Hisbollah geschwächt. Der Iran war diplomatisch isoliert, ökonomisch am Boden, innenpolitisch unter wachsendem Druck, und ein Atomabkommen schien in Reichweite. Es hätte genügt, diesen Druck aufrechtzuerhalten. Das Regime wäre über kurz oder lang in eine Phase der Konsolidierung gezwungen worden. Stattdessen erlag man der Versuchung des Moments und schuf Chaos dort, wo zuvor Ordnung herrschte, wenn auch eine brüchige.

Denn es war nicht das Gleichgewicht, das den Westen antrieb – es war längst zu seinen Gunsten entschieden. Das eigentliche Ziel war die Ausschaltung des Iran als Gegengewicht schlechthin. Man wollte freie Hand bei der Neuordnung des Nahen Ostens. Das Bombardement ist Ausdruck genau dieser Logik und deshalb so gravierend.

Der Iran wird nicht zur Ruhe kommen. Wer seine politische Führung existenziell bedroht, produziert dauerhafte Instabilität. Diese Instabilität wird nicht zuerst Amerika treffen, sondern Europa. Europa hat über Jahrzehnte die Kollateralschäden fremder Großmachtspiele im Nahen Osten abgefedert. Die Flüchtlingsbewegungen von 2015 waren ein eindringliches Signal. Gelernt hat man wenig.

Wenn aber Regeln nichts mehr gelten, warum sollte dann irgendjemand noch Rücksicht auf Europas Interessen nehmen?

Europa ist ein Verbund von Klein- und Mittelmächten. Wohlstand, Sicherheit, das gesamte Gesellschaftsmodell; all das setzt eine stabile internationale Ordnung voraus. Europa ist nicht mächtig genug, um sich wie die Großmächte militärisch durchzusetzen. Wenn aber Regeln nichts mehr gelten, warum sollte dann irgendjemand noch Rücksicht auf Europas Interessen nehmen?

Man stelle sich vor, Napoleon oder Bismarck hätten nach ihren Feldzügen jeden feindlichen Monarchen, Heerführer und Diplomaten einfach hinrichten lassen. Die Instabilität wäre universell gewesen; nicht aus sentimentalen Gründen, sondern aufgrund von nüchternem Kalkül. Nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges haben die europäischen Mächte im Westfälischen Frieden von 1648 aus gutem Grund ein Minimum an völkerrechtlichen Regeln verankert: kein diplomatischer Verkehr ohne Schutz der Gesandten, keine Verhandlung ohne die Prämisse, dass der Feind von gestern der Gesprächspartner von morgen sein kann. Diese Regeln waren nicht naiv, sondern Ausdruck strategischer Vernunft. Sie waren die Bedingung dafür, dass verfeindete Parteien überhaupt noch miteinander reden konnten.

Wer dieses Minimum an Regeln aufkündigt und Gesetzlosigkeit zum Prinzip erhebt, sollte nicht überrascht sein, wenn andere es ihm gleichtun – und im nächsten günstigen Moment ebenso töten. Das wird enden, wie es enden muss, im Chaos. Was hat Europa aber von Chaos im Nahen Osten? Nichts. Nur Probleme und die Rechnung für Spiele, die andere gespielt haben. Das Letzte, was die Europäer tun sollten, ist, das zu begrüßen. Der eigentliche strategische Fehler liegt jedoch tiefer: Europa besitzt keine Macht, das Gleichgewicht im Nahen Osten aktiv mitzugestalten. Es reagiert, es gestaltet nicht. Und obwohl Europas Interessen in der Region größer sind als die der Großmächte, lässt es sich von ihnen vor vollendete Tatsachen stellen.

Muamer Bećirović forscht zu Diplomatiegeschichte und internationaler Politik. Im April 2024 erschien von ihm eine Biografie über den österreichischen Diplomaten und Staatsmann Fürst Klemens von Metternich.