Henning Sußebach – Anna oder was von einem Leben bleibt
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Henning Sußebach: Anna oder was von einem Leben bleibt

Der Journalist Henning Sußebach hat sich eine Menge Arbeit gemacht, um die wenigen Fakten über das Leben seiner Urgroßmutter zu einem Bild zusammenzufügen. Dazu hat er in der Verwandtschaft zusammengetragen, was an wenigen Überbleibseln noch vorhanden war: Fotos, Poesiealben, Postkarten und andere Erinnerungsstücke. Das Stückwerk ergänzt er durch seine eigenen Gedanken dazu, spielt diverse Möglichkeiten durch, wie die Einstellung der Protagonistin gewesen sein könnte. Natürlich kann das nur Spekulation bleiben, da man die Wertvorstellungen der Personen und ihrer Zeitgenossen nur vermuten kann. Dennoch gelingt es dem Autor, die Zeit bis zu einem gewissen Grad lebendiger zu machen.
Das Besondere dieses Lebens war die Selbstbestimmung und Durchsetzungskraft im dörflichen Milieu durch eine Frau, die sich nicht an Vorbildern orientieren konnte. Anna ist eine Frau, die vielen Zwängen unterliegt und sich dennoch behauptet. Durch Beratung von einer ganzen Liste von Experten und mit Heranziehung von Literatur, Dokumenten, Gesetzessammlungen und Parallelen in Archiven ergänzt Sußebach die Interpretationen und setzt sie in ein historisches Zeitgerüst. Durch ständigen Wechsel vom alltäglichen zum weltgeschichtlichen Kontext entsteht ein anschauliches Puzzle.
Was passierte gleichzeitig in den Jahren, wovon könnte Anna gewusst haben? Was könnte ihr Orientierung gegeben haben oder wieviel tangierte ihre kleine Welt in den Jahrzehnten, in denen Zeitungen, Radio und Telefon erst in den Kinderschuhen steckten, in denen ein Fahrrad den Radius der Postkutsche erweiterte?
Insofern informiert das Buch auch über die Möglichkeiten von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anna hat kein Erbe zu erwarten, will nicht die geduldete Tante oder Magd auf irgendeinem
Hof werden, sondern entschließt sich zur Lehrerausbildung, wohl wissend, dass sie den Beruf aufgeben muss, sobald sie heiratet. Das engt die Ziele ein, zwingt auch zur Heimlichkeit, als sie sich verliebt. Schule und Bildung für Mädchen werden durchleuchtet.
Der Autor hat dieser Ahnin ein Denkmal gesetzt und sie vor dem Vergessen zum Teil bewahrt. Damit inspiriert er andere Familienforscher, sich über die bloßen Lebensdaten hinaus mit den historischen Veränderungen und Ausgangspositionen auseinanderzusetzen. Als gesellschaftliche Figuren sind wir alle in die Umstände eingefügt und hängen nicht im luftleeren Raum, wie reagieren auf das, was an uns herangetragen wird, auf Forderungen, Rücksichten, Gerede – damals wie heute. Mit Empathie und Bewunderung schildert Sußebach die Schicksalsschläge und wie diese Frau sie meisterte.
Henning Sußebach, Jahrgang 1972, ist Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT. Für seine Reportagen wurde er mit einigen der wichtigsten deutschen Journalistenpreise ausgezeichnet, darunter: der Deutsche Reporterpreis, der Theodor-Wolff-Preis, der Henri-Nannen- Preis und der Egon Erwin Kisch-Preis.
Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG
978-3-406-83626-8
Erschienen am 10. Juli 2025
5. Auflage, 2025
205 S., mit 17 Abbildungen
Hardcover



