Medizin: Teil 2: Impfen oder nicht impfen – das ist hier (nicht) die Frage
Impfungen werden nur zugelassen und für die deutsche Bevölkerung empfohlen, wenn ihr potenzieller Nutzen größer ist als ihr potenzielles Risiko. Dazu werten die Mitglieder der „STIKO“ – ein unabhängiges, ehrenamtliches Expertengremium – Unmengen an wissenschaftlichen Daten aus. Das Robert Koch-Institut (RKI) betont: „Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen.“
Die Fakten
- Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein unabhängiges Expertengremium, das aktuell aus 19 Fachleuten besteht. Sie entwickeln auf Basis von Kriterien der evidenzbasierten Medizin Impfempfehlungen für die Bevölkerung in
Deutschland. - Bei den Impfquoten in Deutschland ist Luft nach oben – bei Kindern und Erwachsenen. Dabei könnten für jeden in Erwachsenen-Impfungen investierten Euro gesamtgesellschaftliche Erträge von bis zu 19 Euro entstehen.
Viele Impfstoffe – etwa gegen Masern – sind bereits seit mehreren Jahrzehnten weltweit im Einsatz; mehrere Milliarden Kinder haben die Vakzine vermutlich inzwischen erhalten. Ihre Wirksamkeit und Sicherheit wurden nicht nur vor der Zulassung untersucht. Im Gegenteil: Auch danach stehen sie unter genauer Beobachtung. Für Deutschland gilt: Ärzte sind „dazu verpflichtet, Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zu melden“, erklärt das RKI. Auch Patienten können das jederzeit tun. Das PEI untersucht dann, ob die Impfung der Grund für die gemeldeten Symptome sein kann. „Durch das Meldesystem werden manchmal neue Risikosignale sehr seltener Nebenwirkungen erkannt“; für das RKI zeigt das, „wie ernst das Thema der Impfstoffsicherheit genommen wird.“ Im Zweifel kann so schnell reagiert und zum Beispiel eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) abgeändert werden. Und auch Fake News lassen sich widerlegen, indem unaufhörlich geforscht und analysiert wird: In vielen großangelegten internationalen Studien wurde etwa untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen Masern-Mumps-Röteln-Impfungen und Autismus-Spektrum-Störungen gibt. Dadurch ist heutzutage klar: Die Impfung kann „als mögliche Ursache von Autismus ausgeschlossen werden“, fasst das RKI zusammen.
Impfen auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz
Trotzdem werden Mythen wie etwa vom Impfautismus weiterhin erzählt. Klar ist: Den Überblick über alle wissenschaftlichen Daten, Erkenntnisse und Entwicklungen behalten – das kann kein Mensch allein. Aber das muss auch niemand allein: Denn dafür gibt es Gremien wie die STIKO: Sie besteht aktuell aus 19 ehrenamtlichen Mitgliedern – sie sind Experten aus Fachdisziplinen wie etwa Pädiatrie, Allgemeinmedizin, Infektiologie, Immunologie und Epidemiologie und haben umfangreiche wissenschaftliche und praktische Erfahrungen mit Schutzimpfungen und anderen Prophylaxe-Maßnahmen. Sie treffen sich in regelmäßigen Abständen, um gemeinsam über aktuelle Fragestellungen zu beraten. Bei der Bewertung von Daten und der Erarbeitung von Impfempfehlungen folgt die STIKO der systematischen Methodik der evidenzbasierten Medizin. Sie hat dabei eine Standardvorgehensweise, die online einzusehen ist – das soll hohe wissenschaftliche Qualität und Transparenz sicherstellen. Neue oder angepasste Impfempfehlungen werden ausführlich wissenschaftlich begründet und im sogenannten „Epidemiologischen Bulletin“ publiziert. Der STIKO-Impfkalender zeigt auf einem Blick, welche Impfungen, mit wie vielen Dosen zu welchen Zeitpunkten standardmäßig empfohlen sind.
Impfungen wirken
„Keine Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen, ebenso wie kein Medikament bei allen Patienten gleich gut wirkt“, ergänzt das RKI. „Trotzdem sind Impfungen wirksam: Sie senken die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren, zu erkranken und den Erreger weiterzuverbreiten und sie können zudem die Erkrankungsschwere deutlich abmildern.“
Impfen: Das ist ein individuelles Recht. Aber es ist auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Denn viele Menschen sind angesichts von Krankheitserregern besonders gefährdet – zum Beispiel Säuglinge, die noch keinen (umfangreichen) Impfschutz haben, oder Kinder und Erwachsene mit Immunschwächen. Doch gibt es in einer Bevölkerung eine „Herdenimmunität“ (s. Grafik), hat der jeweilige Krankheitserreger kaum noch eine Chance. Voraussetzung: eine hohe Impfquote. Bei hochansteckenden Krankheiten wie den Masern müsste sie bei etwa 95 Prozent liegen – Deutschland schafft das bislang nicht. Dabei wäre das Potenzial der Krankheitsvermeidung enorm.
Und auch die empfohlenen Erwachsenen-Impfungen werden „zu selten“ genutzt, wie das RKI kritisiert (s. Grafik unten). Das ist nicht nur gesundheitlich gesehen schlecht. Eine Analyse der Forschungsorganisation Office of Health Economics (OHE) zeigt: Für jeden in Erwachsenen-Impfungen investierten Euro können gesamtgesellschaftliche Erträge von bis zu 19 Euro entstehen. Denn wenn Krankheiten durch Impfungen vermieden werden, schont das die Gesundheits- und Sozialsysteme; Produktivitätsverluste werden reduziert, Widerstands- und Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes nachhaltig gestärkt. Gerade in alternden Gesellschaften ist das wichtig.
Teil 1: https://www.rantlos.de/medizin-impfen-oder-nicht-impfen-das-ist-hier-nicht-die-frage.html
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