Stille Risiken mit großer Wirkung

Bluthochdruck und die Chronische Nierenerkrankung (CKD) haben vieles gemeinsam. Beide sind medikamentös sehr gut beherrschbar. Beide werden in ihren Auswirkungen unterschätzt – vermutlich ein Grund dafür, dass zu viele der Betroffenen nicht gut eingestellt sind. Das macht beide Erkrankungen zu großen Kostentreibern im Gesundheitssystem. Eine Behandlung nach medizinischen Leitlinien würde mittelfristig einem milliardenschweren Konjunkturprogramm gleichkommen – vom unnötigen Leid einmal abgesehen, das verhindert werden könnte. Doch davon sind wir weit entfernt.

„Bluthochdruck tut nicht weh. Im Gegenteil: Wir merken gar nicht, dass er uns pusht – er ist wie ein kleines Doping-Mittel.“ Das sagte Professor Dr. Markus van der Giet von der Berliner Charité auf der Konferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) mit dem Titel: Gesundheit und Ernährung. Die Zahlen sind nicht ermutigend, so der Nephrologe: Fast zwei Drittel der über 60-Jährigen hätten eine Blutdruckstörung, das führe langfristig zu „verminderter Lebenszeit bzw. zu Endorganschäden.“ Das kann ein Herzinfarkt sein, ein Niereninfarkt oder ein Schlaganfall. „Das Schlimme ist, dass das mit großer Verzögerung auftritt. Wenn man nach 20 Jahren einen unbehandelten Blutdruck diagnostiziert, hat der 20 Jahre Schäden produziert, die man nicht mehr rückgängig machen kann.“ Deshalb muss die Zahl der frühen Diagnosen erhöht werden; van den Giet sieht hier vor allem die hausärztliche Versorgung gefordert.

Denn: „Wir haben wirklich fantastische Medikamente“, so der Mediziner. Das Problem ist, „dass wir den Blutdruck erkennen müssen, und dann muss er lebenslang therapiert werden.“ Das ist der Pferdefuß der Behandlung: Die Interventionsmöglichkeiten sind hervorragend, aber nur etwa jeder zweite Betroffene ist gut auf die Zielwerte eingestellt. Die häufigsten Ursachen dafür sind: fehlende Diagnose, zu seltene Kontrolle, unregelmäßige Medikamenteneinnahme, Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, zu viel Salz, Alkohol, Bewegungsmangel.

Neue „Gamechanger“ in der Behandlung der Hypertonie

Lange hat sich in der Hypertonie-Behandlung in Sachen Innovationen wenig getan. Aber das ändert sich gerade – vor allem für Menschen mit einem schwer einstellbaren bzw. resistenten Bluthochdruck. Für sie werden verschiedene neue Wirkstoffe getestet; als besonders vielversprechend gelten dabei die so genannten Aldosteron-Synthase-Inhibitoren (ASI), eine neue Wirkstoffklasse, die eine zentrale Ursache der Hypertonie direkt adressiert (das Hormon Aldosteron), bei schwer behandelbaren Patienten gut wirkt und möglicherweise auch Herz- und Nierenerkrankungen positiv beeinflussen kann. Als die Daten eines dieser ASIs auf einer Konferenz präsentiert wurden, sprach die Fachwelt von einem „Gamechanger“ und dem „Triumph von Wissenschaft.“ Der Leiter der Studie sagte: „Ich habe noch nie eine so starke Senkung des Blutdrucks durch ein Medikament gesehen.“

Für zu hohen Blutdruck gibt es zwei wesentliche Treiber. Das eine sind die Gene, „deshalb bekommen es auch so viele“, so van der Giet. Das andere sind Lebensstilfaktoren und das Alter. „Es lässt die Gefäße altern; auch das produziert Hochdruck.“ Weil Lebensstil so ein wichtiger Faktor ist, kann auch jede:r Einzelne viel tun, so der Nephrologe. Neben der Bewegung und einer gesunden „mediterranen“ Kost sowie der Reduktion des Salzes („Man muss Gifte wegnehmen“) und des Alkoholkonsums („Es gibt leider kein gesundes Maß an Alkohol“), ist für den Arzt entscheidend, Stress zu minimieren: „Wir brauchen einen langweiligen Lebensrhythmus. Das ist das A und O.“

CKD: Die vergessene Volkskrankheit

Auch die Chronische Nierenerkrankung (CKD) ist unterschätzt; als „Volkskrankheit“ haben sie wohl die wenigsten auf dem Schirm. Professor Dr. Jan C. Galle, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), glaubt, dass die kursierenden Zahlen eher vorsichtige Schätzungen sind. „Ich gehe davon aus, dass circa 10 Prozent der Bevölkerung eine Nierenerkrankung haben. Wir haben Millionen von Menschen, die bereits eine eingeschränkte Nierenfunktion haben und es nicht wissen.“ Der Mediziner beklagt, dass die Prävention in Deutschland unterentwickelt ist (s. „Sechs, setzen: Die deutsche Präventionspolitik im Vergleich“), denn nur eine aktive Vermeidungsstrategie würde hier etwas ändern: „Es tut nicht weh, man spürt es nicht, aber wir können da mittlerweile richtig etwas tun, wenn man die Patienten entdeckt und konsequent behandelt. Da können wir Endpunkte verhindern.“ Was er meint: Unbehandelt führt die CKD unweigerlich zum Tod. Sie beschleunigt Arteriosklerose und damit das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz – die häufigste Todesursache bei CKD-Patient:innen. Ist die Krankheit weit fortgeschritten, hilft nur noch eine regelmäßige Dialyse; eine Blutwäsche, bei der Maschinen die Funktion der Niere übernehmen müssen.

Eine CKD zu diagnostizieren ist relativ einfach – eigentlich. Dafür setzen die Ärzt:innen auf zwei Parameter: eGFR (die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate aus dem Serum-Kreatin) und uACR (Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin). eGFR zeigt, wie gut die Nieren das Blut filtern, uACR hingegen, ob Eiweiß aus dem Blut in den Urin austritt, was ein frühes Zeichen von Nierenschäden ist. Doch hier kommt Geld ins Spiel: Die uACR-Testung kostet ungefähr drei Euro, so Galle, „eigentlich nicht viel.“ Aber Ausgaben für Labore sind mit einer Prämie für die Praxis verbunden, wenn sie unter einem gewissen Schwellenwert bleiben. „Das ist ein Hemmschuh für den breiten Einsatz“, so der Internist und Nephrologe. Die DGIM hat das adressiert, auch einen Vorschlag entwickelt, wie man aus dem Dilemma herauskommt – und nun mahlen die Mühlen in der Selbstverwaltung des Gesundheitssystems. Dafür brauche man einen langen politischen Atem, sagt Galle. Es wird also noch dauern, bis ein Drei-Euro-Test nicht mehr das Problem ist, eine der teuersten Erkrankungen früh zu diagnostizieren und zu behandeln.

CKD: Neue Arzneimittel sind ein Durchbruch

An der medizinischen Leitlinie, die vor drei Jahren aktualisiert wurde, liegt es auf jeden Fall nicht. „Wenn man nur machen würde, was da drinsteht“, so Galle, „würden wir viel mehr, nicht nur 20 Prozent, sondern mehrere Faktoren, mehr Patienten identifizieren.“ Vereinfacht sagt die Leitlinie den Hausärzt:innen: Menschen mit Bluthochdruck und Diabetes Mellitus sollten auf CKD getestet werden. Grundsätzlich. Die beiden Krankheiten beeinflussen sich stark: Bluthochdruck schädigt die Gefäße in den Nieren. Das befördert eine CKD. Die wiederum erhöht den Blutdruck – es entsteht ein sich selbstverstärkender Kreislauf.

Auch vor der CKD hat die pharmazeutische Forschung nicht Halt gemacht. Hier haben vor allem die sogenannten SGLT-2-Hemmer die Behandlung verändert, die in großen Studien gezeigt haben, dass sie die Nieren schützen und das Fortschreiten der CKD deutlich verlangsamen. Und die Kosten? Galle sagt: „Das kann man gegenrechnen. Die Tagestherapiekosten mit einem SGLT-2-Hemmer sind nicht besonders hoch.“ Sie liegen bei rund zwei Euro pro Tag. „Damit sind wir außerordentlich günstig, denn wir sparen die Nierenersatztherapie. Die kostet pro Jahr rund 50.000 Euro.“ Eine gesundheitsökonomische Modellierung (die DAPA-CKD-Studie) hatte gezeigt, dass bei früher Therapie mit einem SGLT-2-Hemmer die Notwendigkeit einer Dialyse im Mittel um etwa 13 Jahre hinausgezögert werden kann. Der Nephrologe beobachtet jetzt schon seit Jahren, dass die Zahl der Dialyse-pflichtigen Menschen stabil bleibt und nicht weiter ansteigt – der besseren Therapie sei Dank.

Bluthochdruck und CKD: Die Kosten der Untätigkeit

Bluthochdruck und CKD sind mit Arzneimitteln sehr wirksam zu bekämpfen. Weil das nicht passiert, hinterlassen beide eine tiefe Bremsspur in den Bilanzen der Deutschland AG. Die Kosten von Bluthochdruck sind schwer zu beziffern, weil er häufig der Auslöser für Folgekrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz ist. Deshalb werden sie oft im Rahmen der Gesamtausgaben für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgewiesen. Demnach belaufen sich die direkten Behandlungskosten auf 64,6 Milliarden Euro pro Jahr. Die CKD belastet das Gesundheitssystem mit rund 24 Milliarden Euro. Dies sind nur die direkten Kosten – die indirekten Kosten wie Arbeitsausfälle oder Produktivitätsverluste sind da noch gar nicht erfasst.

Quelle: https://pharma-fakten.de