Politik: Jung, qualifiziert, arbeitslos

Die Jugendarbeitslosigkeit in China erreicht ein Rekordhoch. Peking muss handeln, sonst droht politische Instabilität.

China hat in diesem Monat offizielle Statistiken veröffentlicht, die zeigen, dass seine Arbeitslosenquote bei jungen Leuten – im Alter zwischen 16 und 24 Jahren – im April ein Rekordhoch von 20,4 Prozent erreicht hat. Schlimmer noch: Bereits in einem Monat werden weitere 11,6 Millionen neue Hoch- und Berufsfachschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt drängen.

11,6 Millionen neue Hoch- und Berufsfachschulabsolventen drängen bald auf den Arbeitsmarkt. Doch wie viele von ihnen finden auch einen Job? © Locies auf Pixabay.com

Die Lockdowns im Rahmen der staatlichen Null-Covid-Politik fielen in China viel drakonischer und wirtschaftlich einschneidender aus, als die Eindämmungsmaßnahmen anderer Länder und hatten in den meisten Fällen mehr als ein Jahr länger Bestand. Daher überrascht es nicht, dass Chinas wirtschaftliche Erholung der anderswo hinterherhinkt. Zum Vergleich: Die Arbeitslosenquote unter jungen Leuten erreichte in den USA auf dem Höhepunkt der Pandemie (2020) 14,85 Prozent, bevor sie 2021 auf 9,57 Prozent und inzwischen auf 6,5 Prozent sank. Doch obwohl die meisten pandemiebedingten Beschäftigungshürden beseitigt wurden, verbessern sich die grundlegenden Bedingungen zur Verringerung der chinesischen Jugendarbeitslosigkeit nicht. Obwohl die Arbeitslosenquote langfristig weiter sinken wird, dürfte sie höher bleiben als in den Jahren vor der Pandemie. Das hat viele Gründe, doch ein zentrales Problem ist die große Kluft zwischen dem „Schwellenlohn“, den junge Absolventen zu akzeptieren bereit sind, und den Gehältern, die die Unternehmen zu zahlen bereit sind.

Die steigenden Lebenshaltungskosten laufen dem Lohnwachstum davon.

Dieses Missverhältnis spiegelt das Ausmaß wider, in dem die steigenden Lebenshaltungskosten dem Lohnwachstum davonlaufen. Laut einer Umfrage im Jahr 2021 betrugen die Monatsgehälter für neue Absolventen in Großstädten wie Shanghai und Peking im Schnitt lediglich 5 290 Yuan (695 Euro). Das reicht gerade, um eine 25-Quadratmeter-Wohnung zu mieten (die chinesischen Städte haben mit die höchsten Immobilienpreise der Welt). Und diese jungen Leute können sehen, dass eine Arbeit mit derart niedrigem Anfangsgehalt ihnen kaum die erforderliche Gehaltsentwicklung bietet, um in zehn Jahren eine Familie ernähren zu können. Da von Angestellten in der Regel erwartet wird, dass sie sechs Tage pro Woche von 9 bis 21 Uhr arbeiten, ist ein Paar mit Kind stark auf ein Kindermädchen angewiesen. Doch in Shanghai und Peking verdienen Kindermädchen, die gewöhnlich vom Land kommen und häufig nicht einmal einen Schulabschluss haben, im Schnitt 6 000 Yuan im Monat – mehr als neue Hochschulabsolventen.

Man könnte nun fragen, warum junge Absolventen nicht einfach in kleinere Städte mit geringeren Lebenshaltungskosten ziehen. Das ist es, was viele jüngere US-Arbeitnehmer getan haben, die aus dem Großraum San Francisco Bay oder aus New York City in den Sunbelt oder Rustbelt gezogen sind. Doch ist ein derartiger Schritt für chinesische Arbeitnehmer viel kostspieliger, weil die Versorgung (wie in den meisten Ländern mittleren Einkommens) in kleineren Städten deutlich schlechter ist als in den Großstädten. Während Teile der chinesischen Städte der ersten Reihe sich wohlhabender anfühlen als selbst New York oder Tokio, tun sich viele Städte der dritten Reihe noch immer schwer, eine zuverlässige Stromversorgung und grundlegende Abwasserversorgung (etwa private Innentoiletten) zu gewährleisten.

Es ist kein Wunder, dass die meisten Hochschulabsolventen einen Umzug in diese „bezahlbaren“ Gegenden scheuen. Stattdessen verlassen sie sich darauf, dass ihre Eltern ihnen helfen, die grundlegenden Kosten zu tragen. Laut einer landesweiten Umfrage aus dem Jahr 2014 wohnten damals etwa 30 Prozent der chinesischen Hochschulabsolventen noch bei ihren Eltern. Doch ist elterliche Unterstützung, was die Jugendarbeitslosigkeit angeht, ein zweischneidiges Schwert. Während einige junge Arbeitnehmer nicht ohne elterliche Unterstützung auskommen, entscheiden sich andere, nicht zu arbeiten, eben weil ihre Eltern es sich leisten können, sie zu unterstützen.

China braucht daher nicht nur mehr Arbeitsplätze, sondern auch mehr gut bezahlte Arbeitsplätze.

Junge Chinesen, die in städtischen Gegenden geboren wurden, haben gewöhnlich Eltern oder Großeltern, die Wohnungen in der Innenstadt besitzen, was an der massenhaften Übertragung von Eigentumsrechten vom Staat an die Bewohner während der Reformen im Wohnungssektor in den 1990er Jahren liegt. Und die Ein-Kind-Politik, die zwischen 1978 und 2016 in Kraft war, hat zur Folge, dass diese jungen Leute keine Geschwister haben und daher hochwertige Immobilien erben werden. Wenn Sie in dieser Lage sind und Ihre Eltern Ihren Lebensunterhalt abdecken können, warum sollten Sie dann für ein Trinkgeld arbeiten?

China braucht daher nicht nur mehr Arbeitsplätze, sondern auch mehr gut bezahlte Arbeitsplätze. Das ist für jede Volkswirtschaft schwierig, aber China wird sich mit zusätzlichem Gegenwind konfrontiert sehen. So verursacht die Jugendarbeitslosigkeit tendenziell weitere Probleme, wie etwa einen Anstieg der Straftaten und soziale und politische Instabilität. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Jugendarbeitslosigkeit das Lebenseinkommen verringert, denn sie hat zur Folge, dass die jungen Leute wichtige Qualifizierungschancen verpassen. Am Beispiel Großbritannien zeigt sich, dass ein Jahr Jugendarbeitslosigkeit im Alter von 22 Jahren das Lohneinkommen 20 Jahre später um 13 bis 21 Prozent verringert.

Langanhaltende, weit verbreitete Jugendarbeitslosigkeit kann überall enorm negative langfristige gesamtwirtschaftliche Folgen haben. Doch ein besonderes Problem ist sie für China, das inzwischen eine der größten und am schnellsten alternden Bevölkerungen der Welt hat. Die chinesische Wirtschaft braucht dringend neue Kohorten hochproduktiver Arbeitnehmer, die helfen, eine rasch wachsende alte Bevölkerung zu versorgen. Die chinesische Politik muss sich daher mehr denn je auf das Wirtschaftswachstum konzentrieren.

© Project Syndicate

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Nancy Qian ist Professorin für Managerial Economics & Decision Sciences an der Kellogg School of Management der Northwestern University und Direktorin des China Lab. Ihre Forschungsinteressen umfassen unter anderem politische Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte. Sie ist eine führende Entwicklungsökonomin und Expertin für die chinesische Wirtschaft.

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