Politik: Der russische Vorschlaghammer

Mit seiner Söldnergruppe Wagner ist Jewgeni Prigoschin für Putin in der Ukraine unentbehrlich geworden. Fordert er nun den Kreml-Chef heraus?

Wladimir Putin und Jewgeni Prigoschin besichtigen die Concord food catering (2010). ©wikipedia

Der russische Präsident Wladimir Putin hat offenbar endlich zur Kenntnis genommen, dass ihm mit dem Krieg in der Ukraine ein gefährlicher Konkurrent erwachsen ist: Jewgeni Prigoschin, Gründer der privaten Söldnergruppe Wagner, dessen Leute an der Seite der russischen Armee kämpfen. Je nach Standpunkt kann man Prigoschin als Mann des Jahres oder als Bösewicht des Jahres bezeichnen. Zahlreichen Moskauer Quellen zufolge zeigt sich Putin zuversichtlich, Prigoschin, der sich mit dem militärischen Generalstab angelegt hat, schwächen zu können. Allerdings könnte auch das Gegenteil eintreten, weil Prigoschin nunmehr als wahrscheinlichster Favorit für Putins Nachfolge gilt.

Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat Putin den Aufstieg jeglicher Rivalen unterbunden und mit allen Mitteln verhindert, dass der Konflikt eine populäre militärische Führungsfigur hervorbringt, die ihm gefährlich werden könnte. Damit hatte er Erfolg. Im Sommer 2022 stand zum Beispiel der ehrgeizige General Alexander Lapin im Mittelpunkt einer kleinen PR-Kampagne im Internet, die ihn glorifizierte. Das kostete Lapin umgehend den Job, und Prigoschin, der mehrere Trollfabriken im Internet kontrolliert, setzte eine kurze, aber wirksame Medienkampagne gegen ihn in Gang.

Wie ich von meinen, der russischen Regierung nahestehenden, Quellen höre, betrachtete Putin den Wagner-Chef damals lediglich als Gegengewicht zu den Generälen. Für den russischen Präsidenten war Prigoschin sein Mann: ein gehorsames und einfach zu bedienendes Werkzeug. Doch Prigoschin hat in den letzten Jahren eine recht überraschende Karriere hingelegt. Zunächst war er als „Putins Koch“ bekannt, der den staatlichen Auftrag für die Bereitstellung von Schulessen in ganz Russland an Land gezogen hatte. Dann gründete er eine eigene Trollfabrik, die Internet Research Agency, deren Rolle US-Sonderermittler Robert Mueller in seiner Untersuchung zur Wahlbeeinflussung der Präsidentschaftswahlen 2016 hervorhob. Darüber hinaus wurde Prigoschin als Gründer der Gruppe Wagner berühmt, deren Söldner in Afrika, Syrien und heute in der Ukraine kämpfen.

Prigoschins kometenhafter politischer Aufstieg begann, als er in russischen Gefängnissen für seine Söldnergruppe Wagner Häftlinge rekrutierte.

Allein diese Errungenschaften garantierten Prigoschin die Verantwortung für die heikelsten Aufgaben von Putin. Dieses Jahr wechselte er noch einmal in eine andere Liga, wobei er andere mächtige Freunde Putins überflügelte. Dazu gehören Verteidigungsminister Sergej Schoigu, der Sekretär des russischen Sicherheitsrates Nikolai Patruschew, der Geschäftsführer des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec Sergej Tschemesow und Putins engster Freund Juri Kowaltschuk. Prigoschin umging sie alle und scheint mittlerweile der wichtigste und populärste Akteur in der russischen Politik zu sein, den auch  hohe Beamte und Wirtschaftsvertreter fürchten.

Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin: Unentbehrlich oder Konkurrent für Putin?

Prigoschins kometenhafter politischer Aufstieg begann im Sommer, als er in russischen Gefängnissen für seine Söldnergruppe Wagner Häftlinge rekrutierte: Wer bereit war, an der Front in der Ukraine zu kämpfen, dem bot er die Begnadigung an – nach sechs Monaten Dienst winkte die Freiheit. Für diesen Coup musste Prigoschin es mit mehreren wichtigen russischen Sicherheitsbehörden gleichzeitig aufnehmen: dem Föderalen Strafvollzugsdienst, in Russland ein Staat im Staat, dem Inlandsgeheimdienst FSB, dem Innenministerium, der Generalstaatsanwaltschaft und dem Ermittlungskomitee. Da all diese Instanzen einen Sonderstatus genießen und Präsident Putin direkt unterstellt sind, wagt es niemand, sich mit ihnen anzulegen. Doch damit ist jetzt Schluss, denn mit Prigoschin tauchte ein Joker auf, der sämtliche Asse gleichzeitig übertrumpfen konnte. Wenn er in der Lage ist, nach Belieben jeden Gefangenen zu befreien, ist seine Macht grenzenlos.

Das nächste Signal für Prigoschins neuen Status war die offene Konfrontation mit dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab des Militärs. In der russischen Politik war dieser Konflikt ein völlig neues Phänomen. In der Vergangenheit hatten es sich Putins Untergebene in der Regel nicht erlaubt, einander öffentlich zu kritisieren, doch das änderte sich 2022. Seit Beginn der Invasion ist Putin nur noch mit dem Krieg beschäftigt. Er interessiert sich für nichts anderes, behaupten Quellen. Nur wer an vorderster Front steht, hat noch direkten Zugang zu ihm, sodass ehemalige Mitglieder seines innersten Zirkels mittlerweile deutlich an Bedeutung verloren haben.

Prigoschin gelang es, sich das Image des effektivsten militärischen Akteurs aufzubauen. Er ist nicht dem Verteidigungsministerium unterstellt und nicht in das System der Militärbürokratie eingebunden, sondern definiert seine Aufgaben, Ziele und Zeitvorgaben selbst. Meinen Quellen zufolge war Putin mit diesem Arrangement einverstanden. Er ließ es außerdem zu, dass Prigoschin andere Generäle öffentlich scharf kritisierte. Da auch Putin diese Leute geringschätzt, verzichtete er auf eine Maßregelung des Wagner-Gründers.

Die radikalsten Politiker und Geschäftsleute fühlen sich zu Prigoschin hingezogen.

Im vergangenen Herbst wurde Jewgenij Nuschin, ein ehemaliger russischer Häftling, der nach seiner Rekrutierung durch die Gruppe Wagner zur Ukraine übergelaufen und nach einem Gefangenenaustausch wieder nach Russland gelangt war, mit einem Vorschlaghammer umgebracht. Im November tauchte ein Video dieses Mordes auf, höchstwahrscheinlich als Warnung an alle potenziellen Deserteure. Diese Barbarei hat erstaunlich viele Fans. In Russland kamen „Wagner-Vorschlaghammer“ ebenso in den Handel wie Souvenirs und Autoaufkleber mit Wagner-Symbolen. Prigoschin, der in einer öffentlichen Erklärung Nuschins Ermordung guthieß, stieg zu einer Art Volksheld auf.

Die radikalsten Politiker und Geschäftsleute fühlen sich zu Prigoschin hingezogen. Meine Kontaktleute berichten, dass Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow, der früher einen direkten Draht zu Putin hatte, nun Prigoschin unterstellt ist. Der Geschäftsmann Konstantin Malofejew, Besitzer des ultrakonservativen Senders Tsargrad TV, der den Angriff Russlands auf den Donbass 2014 unterstützte, sowie der Ideologe des modernen russischen Faschismus, Philosoph Alexander Dugin, sind voll des Lobes für Prigoschin. Auch die Führer der sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk stehen unter seinem Einfluss. Das sind die einflussreichsten Kräfte im heutigen Russland, weil sie an der Front stehen und in Putins Augen somit das größte Gewicht haben.

Prigoschin ist mittlerweile auch der Held „patriotischer“ Militärreporter, die für propagandistische Medien tätig sind und offen faschistische Ansichten äußern. Und wie es aussieht, ist er als politischer Akteur bereits völlig unabhängig. So hat er den Gouverneur von St. Petersburg, Alexander Beglow, ins Visier genommen, einen langjährigen Verbündeten Putins. „Menschen wie Beglow werden von unserer Gesellschaft früher oder später zerquetscht wie Wanzen“, schrieb er kürzlich. Viele Moskauer Unternehmer und Beamte nahmen bereits Ende 2022 Prigoschin als echte Bedrohung wahr. „Der Vorschlaghammer ist eine Botschaft an uns alle“, sagte ein Oligarch im Gespräch mit mir. Monatelang kursierte die Frage, warum Putin Prigoschin nicht in seine Schranken weist, wie er es zuvor mit so vielen anderen getan hat.

Nun erkannte wohl auch Putin, dass Prigoschin ein bisschen zu populär sein könnte.

Am 10. Januar berichtete Prigoschin auf dem Telegramkanal seines Unternehmens, Wagner-Söldner hätten die ukrainische Stadt Soledar eingenommen. Dies war sein stärkster Propagandasieg, ein klarer Beweis dafür, dass die Gruppe Wagner zu den kampferprobtesten russischen Einheiten zählt. Meinen Quellen in Moskau zufolge begannen hochrangige Beamte – angeblich im Scherz – darüber zu diskutieren, ob nun der Zeitpunkt gekommen sei, Prigoschin die Treue zu schwören, ehe es zu spät ist. Das Verteidigungsministerium reklamierte die Eroberung von Soledar für sich, was Prigoschin und zahlreiche Militärkorrespondenten umgehend bestritten. Propagandisten stürzte dieser unbedeutende Sieg in absolute Verzückung. Hier einer der typischen Kommentare: „Wagner PMC hat die russische Stadt Soledar gestürmt und die gesamte Bevölkerung getötet. Nicht ausgetauscht wohlgemerkt, sondern getötet. Wie tollwütige Hunde. Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin ist somit ein echter russischer Politiker. Er sagt, was das gute russische Volk hören will, und tut, was es von seiner Armee erwartet.“

Nun erkannte wohl auch Putin, dass Prigoschin ein bisschen zu populär sein könnte. Daher stärkte er Prigoschins wichtigste Gegner – die Generäle Lapin und Waleri Gerassimow – und ernannte Letzteren zum Oberbefehlshaber der Operation in der Ukraine. Das entspricht Putins üblichem bürokratischen Spiel, das bislang immer Erfolg hatte, aber diesmal möglicherweise nicht aufgehen wird.

Viele Russen, die blind der Propaganda folgen, sind frustriert, weil ihre Armee nicht gewinnt. Kiew wurde nicht, wie versprochen, in wenigen Tagen eingenommen. Mit der Ernennung General Gerassimows zum Oberbefehlshaber übernimmt Putin die Verantwortung für alle nachfolgenden Niederlagen. Und Prigoschin, der diese Ernennung nicht kritisiert hat, wird dadurch nicht geschwächt. So könnte Prigoschin dem Präsidenten in naher Zukunft den Rang streitig machen. Putin ist dann möglicherweise nicht mehr in der Lage, sich gegen seinen ehemaligen Koch durchzusetzen.

© New York Times.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

Mikhail Zygar ist russischer Journalist und Autor. Er arbeitet für den Spiegel und war Chefredakteur des unabhängigen TV-Senders Doschd. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine lebt er in Deutschland.

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