Joachim Meyerhoff – Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Joachim Meyerhoff: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Der Schauspieler Meyerhoff beschreibt in diesem autofiktionalen Roman die Jahre seiner Berufsausbildung. Nur weg, ist seine Devise nach dem Abitur, weg von der drohenden Scheidung der Eltern, weg aus der Provinz. Dazu verhilft ihm ein Studienplatz an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Da die Stadt ein teures Pflaster ist, zieht er bei seinen Großeltern ein, die eine Villa nahe dem Nymphenburger Schloss bewohnen.
Die Oma war eine berühmte Schauspielerin und hat früher an derselben Schule unterrichtet. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann, einem pedantischen Philosophieprofessor, ein von strengen Ritualen durchzogenes Leben. Alkohol gliedert den Tagesablauf in feste Abschnitte, ebenso wie die Tischgespräche oder wahnwitzige Gewohnheiten, die der Enkel beobachtet. Das Paar lässt sich auch von der Anwesenheit des Enkels nicht irritieren, fast meint man, das großelterliche „Korsett“ stütze auch ihn.
Sehr einfühlsam werden die eigenwilligen Charaktere vermutlich überzeichnet, wobei unklar bleibt, wie viel Fiktion da wohl einfließen mag. Mitunter blicken wir durch die Brille der Kinder, die von den langweiligen Diaabenden mit den immer gleichen Kommentaren fast in Trance versetzt werden, denn der Urlaub findet seit Jahrzehnten an immer demselben Ort statt. Die Beweisfotos unterscheiden sich lediglich durch die Kleidung der Protagonisten. Nichts darf variieren in ihrer Welt.
Der Roman beschreibt dieses Paar in tragikomischen Szenen, blendet auf Kindheitsbesuche über und wechselt mit Kapiteln über die Ausbildung an der Schule ab. Letztere bilden die Klammer des Textes. Hanebüchene Aufgaben stürzen den jungen Mann, der sich als Versager erlebt, von einem Selbstzweifel in den anderen, ob das die richtige Berufswahl sei oder doch besser der Zivildienst im Krankenhaus angebracht wäre.
Der Heranwachsende, der seine Kindheit auf dem Gelände einer Psychiatrie verbracht hat, weil sein Vater dort Arzt war, ist und bleibt Einzelgänger in der privaten Parallelwelt. Psychologisches Aufarbeiten findet nicht statt. Hier wird nichts wirklich besprochen, erzählt oder hinterfragt. Er bleibt allein mit dem Unfalltod seines Bruders und die Trauer darüber, die unverarbeitet seine Entwicklung bremsen. Folgerichtig erlebt er ausgerechnet mit seiner Darstellung des Selbstmords in Werthers Leiden auf Tournee die ersten Erfolge. Meyerhoff zeigt in seiner unterhaltsamen Erzählweise mehr Empathie als er den Akteuren zugesteht. Der Roman ist mittlerweile verfilmt.
Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, hat als Schauspieler an verschiedenen Theatern gespielt, unter anderem am Burgtheater in Wien, am Schauspielhaus in Hamburg, an der Berliner Schaubühne und den Münchner Kammerspielen. Dreimal wurde er für seine Arbeit zum Schauspieler des Jahres gewählt. 2011 begann er mit der Veröffentlichung seines mehrteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch«. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
- Verlag: KiWi-Taschenbuch
- Erscheinungstermin: 09.09.2021
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- ISBN: 978-3-462-00189-1
- 464 Seiten



