Vor 150 Jahren, am 5. Januar 1876, wurde Konrad Adenauer geboren. Aus diesem Anlass bringt rantlos einen Vorabdruck aus dem neuen Buch unseres Autors Günter Müchler: „Der Rhein – eine Zeitreise“, das Ende Februar im Herder-Verlag erscheint. Das hier abgedruckte Kapitel handelt von der Beerdigung des ersten Bundeskanzlers 1967, die ein weltweites Medienereignis war.

Konrad Adenauer ©Wikipedia

Die letzte Fahrt des Patriarchen führte über den Rhein. Unter den Augen der ganzen Welt wurde am 25. April 1967 der Leichnam des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland auf einem Schnellboot der Bundesmarine von Köln nach Rhöndorf gebracht und dort bestattet. Eine bessere Choreographie hätte sich für den Staatsakt nicht finden lassen. Denn der Rhein war für Konrad Adenauer, der nun einem König gleich zu Grabe getragen wurde, der geographische und politische Mittelpunkt seines Lebens gewesen. Verbunden mit dem Rhein sind auch die erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit: die Errichtung der Bonner Republik und die Wiedergeburt Europas. Zu beidem hatte Konrad Adenauer maßgeblich beigetragen.

Kurz nach seinem 91. Geburtstag hatte Adenauer einen Herzinfarkt erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte. Sein Tod kam für die Öffentlichkeit also nicht überraschend, zumal Adenauer für die meisten Bundesbürger auch zu Zeiten, da er die junge Republik noch mit starker Hand regierte, „der Alte“ gewesen war. Wer den Beinamen verwandte, tat es unbefangen und musste den Vorwurf, eine vulnerable Minderheit zu diskriminieren, nicht fürchten. Er zog den Hut vor Erfahrung, Souveränität und Schläue eines Staatsmannes, der gerade wegen seiner Betagtheit bewundert wurde. Adenauer selbst spielte, wenn es ihm zupass kam, sein Alter als Trumpfkarte aus, zum Beispiel bei einer folgenreichen Konferenz mit Parteifreunden im Sommer 1949. Thema der Zusammenkunft in seinem Rhöndorfer Privathaus war die noch offene Frage, wer von der CDU/CSU im Fall eines Wahlsieges Kanzler werden sollte. In rheinischem Tonfall trug der 73jährige Gastgeber die wohl ungewöhnlichste Bewerbungsrede vor, die je in der Parteiengeschichte gehalten worden ist. Wie jeder wisse, sagte er jovial in die Runde, sei er ja nicht mehr der Jüngste. Sein Arzt, Professor Martini, gebe ihm „noch ein – zwei Jährchen“. Die Bemerkung genügte, etwaigen Rivalen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wer brachte schon den Mut auf, einem verdienten älteren Herrn in den Weg zu treten, der versprach, seine letzten Atemzüge dem Dienst am Vaterland weihen? Dass aus den „ein-zwei Jährchen“ vierzehn Kanzlerjahre werden sollten, konnte niemand ahnen.

Lange Amtszeiten sind die Ausnahme in der Demokratie. In Adenauers Amtszeit leistete sich Italien acht Ministerpräsidenten, Frankreich 22. Steherqualitäten sind das mindeste, was jemand braucht, der sich 14 Jahre an der Spitze einer Regierung hält. Bei Adenauer kamen ein entschiedener Gestaltungswille sowie ein virtuoser Umgang mit der Macht hinzu. Diese Fähigkeiten hatte er schon in seinem ersten politischen Lebensabschnitt bewiesen. 16 Jahre lang behauptete er sich als Kölner Stadtoberhaupt, zwölf Jahre als Präsident des Preußischen Staatsrats. Als er 1917 Oberbürgermeister wurde, schrieb man Köln noch mit ‚C‘, in Deutschland herrschte Wilhelm II., und nichts deutete darauf hin, dass dem Kaiser beschieden war, alsbald in Holland Holz zu hacken. Bei Amtsantritt war Adenauer mit seinen 41 Jahren der jüngste Oberbürgermeister im Freistaat Preußen. Kurz vorher hatte er einen schweren Verkehrsunfall gehabt. Sein Fahrer war eingeschlafen, der Dienstwagen rammte eine Straßenbahn. Adenauer wurde durch die Trennscheibe geschleudert. Vom Unfall blieben ihm die Male der Schnittwunden, die sein Gesicht so charakteristisch machten und ihm den Ruf eintrugen, er habe den Kopf eines Indianerhäuptlings.

2. Lesung der Pariser Verträge im Deutschen Bundestag am 25. Februar 1955 © Bundesarchiv_B_145_Bild-F002449-0027_

In der Ägide Adenauer nahm die Colonia Claudia Ara Agrippinensium einen weithin beachteten Aufschwung. Die neue Mülheimer Brücke verbesserte die Anbindung an das hochindustrialisierte rechtsrheinische Köln, die ominöse „schäl sick“ der Domstadt. Adenauer sorgte dafür, dass Köln wieder eine Universität erhielt. Seine Begründung war bemerkenswert. Es müsse das Rheinland, nachdem es durch den Ersten Weltkrieg Straßburg und die dortige Kaiser-Wilhelm-Universität verloren habe, wieder eine Heimstatt von Wissenschaft und Forschung besitzen. Die Gründung der Koelnmesse baute Kölns Position als führende Handelsstadt aus. Lieblingsprojekt Adenauers war die Umwandlung des die Stadt einschnürenden Festungsgürtels in Grünanlagen. Damit verschaffte er Köln neue Entwicklungsmöglichkeiten sowie den Ruf einer „grünen Stadt“ avant la lettre. Vorausschauend erkannte Adenauer, dass die immer mobiler werdende Gesellschaft bessere und schnellere Straßen brauchte. Es war nicht der „Führer“, der den Bau der ersten Autobahn veranlasste, wie die Nazis später behaupteten, sondern der Kölner Oberbürgermeister. Die heutige A 555 zwischen Köln und Bonn wurde 1932 eingeweiht.

Ein Jahr später war Adenauer arbeitslos. Für die Nationalsozialisten kam ein Vertreter des katholischen Zentrums im Kölner Rathaus nicht infrage. Sie hatten auch nicht vergessen, dass Adenauer, als Hitler kurz vor der „Machtergreifung“ auf einer Wahlveranstaltung in die Stadt kam, die Beflaggung der Deutzer Brücke mit der Hakenkreuzfahne untersagt hatte. Adenauer wurde entlassen und nach dem Röhm-Putsch verhaftet. Ein weiteres Mal geriet er in Gestapohaft nach dem 20. Juli 1944. Mehrere Wochen verbrachte er im Gefängnis Brauweiler. Obwohl er allenfalls am Rande dem Widerstand gegen Hitler angehört hatte, rettete er nur mit Glück sein Leben.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Adenauer in der kurzzeitigen rheinischen „Los-von-Preußen-Bewegung“ eine Rolle gespielt (vgl. Kapitel 15 „Ein Mord in Speyer“). Nach 1945 stand das Stück mangels Grundlage nicht mehr auf dem politischen Spielplan. Preußen hatte aufgehört zu existieren, und bei der Festlegung der Ländergrenzen ließen sich die Besatzungsmächte nicht hineinreden. Briten und Franzosen verständigten sich darauf, die ehemals preußische Rheinprovinz zu teilen. Aus dem nördlichen Teil wurde unter Hinzufügung Westfalens das Bundesland Nordrhein-Westfalen, aus dem südlichen Rheinland-Pfalz. Die Startrampe für sein politisches Comeback suchte und fand Adenauer in einer Partei neuen Typs, der CDU. Er stellte sich gegen die Wiedergründung des katholischen Zentrums, eine nicht leichte Entscheidung, die sich aber auszahlte. Erst dadurch, dass die CDU auch für Protestanten wählbar war, konnte sie Volkspartei werden. In der CDU-Rheinland, deren Vorsitz er 1946 übernahm, nachdem er mehrere Konkurrenten ausgebootet hatte, schuf sich Adenauer eine Hausmacht. Er wurde Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, dann Präsident des Parlamentarischen Rats, schließlich Bundeskanzler. Was im Rückspiegel wie ein glatter Durchmarsch erscheint, war in Wirklichkeit ein mit mannigfachen Hindernissen gespickter Parcours. Adenauer meisterte ihn mit der ihm eigenen Unerschütterlichkeit und mit Fortune. Die Kanzlerwahl im September 1949 gewann er mit einer Stimme Vorsprung. Es war die seine. „Et hätt noch immer jut jejange“, raunte er nach der Auszählung seinem Sitznachbarn und Freund Robert Pferdmenges gut gelaunt zu (1) (Wer sich über Adenauer informieren will, wird bestens bedient mit der zweibändigen Biographie von Hans-Peter Schwarz, Adenauer. Der Aufstieg: 1876–1952. und Adenauer: Der Staatsmann: 1952–1967).

Bei der Bestimmung des Ortes, an dem die Regierung der neuen Bundesrepublik ihren Sitz haben sollte, ließen die Alliierten den Deutschen freie Hand. Berlin schied von vornherein aus, weil es geteilt war. Außerdem stand es für Zentralismus, preußischen Militarismus und Drittes Reich, und mit alledem wollte man nichts mehr zu tun haben. „Lieber gehe ich zu den Hottentotten als zu den Preußen!“ So schrill wie der Bayernpartei-Generalsekretär Falkner redeten nur die Wenigsten, aber große Sympathien besaß Berlin außerhalb Berlins nirgendwo.

Der Sarg Adenauers am Kölner Dom

Gute Karten hatte Bonn. Die Beste war, dass es gleichsam als Gegenentwurf zu Berlin durchgehen konnte. Durch die kleinstädtische Prägung erschien die Stadt am Rhein mit ihren gerade einmal 100 000 Einwohnern als die schlechthinnige „Absage an jegliche Form von neu aufkeimenden Allmachtfantasien“ ((2) der Politikwissenschaftler Manuel Becker, Becker, S. 14f) und passende Antwort auf den Größenwahn der Nationalsozialisten mit seinen unübersehbaren Resultaten. Verglichen mit den meisten kriegszerstörten Städten war Bonn gut davongekommen. Es hatte den Flair einer Pensionistenpolis bewahrt und verfügte rheinabwärts über Villenviertel sowie über eine Reihe ansehnlicher, aber nicht protziger öffentlicher Anwesen, die sich jetzt nutzen ließen. So fand sich für den Bundeskanzler Adenauer, ehe er ins Palais Schaumburg umziehen konnte, ein erstes Arbeitszimmer im Zoologischen Museum Koenig, in dem schon der Parlamentarische Rat getagt hatte. Für den Bundestag wurde die direkt am Fluss liegende Pädagogische Akademie hergerichtet, ein flach hingestrecktes Gebäude im Bauhausstil. Bescheidener ging es nicht, aber auch nicht überzeugender. Denn man wollte ja nicht Hauptstadt sein, sondern ein Provisorium, ein Wartesaal für den Tag der Wiedervereinigung, der, wie man mit abnehmender Festigkeit glaubte, irgendwann kommen musste. Und für diese Funktion war Bonn, „A small town in Germany“, wie der Titel eines Krimi-Bestsellers von John Le Carré lautete, ohne Zweifel hervorragend geeignet.

Mit Bonn konkurrierte eine Weile Kassel und vor allem Frankfurt. Dass Bonn in zwei knappen Abstimmungen Frankfurt, den von der SPD präferierten Hauptgegner, ausstechen konnte, lag gewiss auch an Adenauer, der alle Register zog. „Der Alte“ lebte seit seiner Vertreibung aus dem Amt als Oberbürgermeister im beschaulichen Rhöndorf. Von dort aus war es nicht weit bis Bonn. Man musste nur mit der Fähre über den Rhein setzen und dann mit dem Auto ein paar Kilometer einer Straße folgen, an der die Römer des Castra Bonnensis einst ihre Toten begraben hatten, und schon war man im späteren Regierungsviertel. Indessen präferierte Adenauer Bonn nicht nur, weil es für ihn bequem war. Es machte einen Unterschied, ob man Politik aus Berlin, aus Frankfurt oder eben aus Bonn gestaltete. Das Rheinland war eine Ansage. Es war die Brücke nach Frankreich. Was lag näher, als von hier aus die Verständigung mit dem „Erbfeind“ anzugehen, die unabdingbar war, wollte Deutschland im Westen ankommen?

Natürlich stürzten sich Karikaturisten und Kabarettisten genussvoll auf die gnomhafte Ersatz-Hauptstadt. Bonn bot sich für das Abziehbild des Provinziellen förmlich an. Das Angebot an Ablenkung und Zerstreuung für die Abgeordneten war höchst überschaubar. Schon gar mangelte es an hochkulturellem Input. Festzuhalten bleibt, dass sich kaum jemand darüber beschwerte. Der Bundestag war als Arbeitsparlament angelegt, und dem kamen die urbane Engherzigkeit der Bundeshauptstadt und die Abwesenheit alles Glamourösen entgegen. Bezeichnend für den Parlamentarismus der Bonn-Ära war, dass ihm die für den heutigen Politikbetrieb charakteristische, nicht zuletzt vom Instantjournalismus geprägte Dauererregtheit abging. Die großen Debatten fanden im Parlamentsplenum statt, nicht in Talkshows. Weil die Nachrichten Zeit brauchten, bis sie die Öffentlichkeit erreichten, war man nicht genötigt, „aus der Lameng“ auf Geschehnisse zu reagieren, deren Tragweite sich noch gar nicht ermessen ließ. Insgesamt war der Fluss der Politik ruhiger, was der Qualität der Gesetzgebung zugutekam.

Woran sich in Bonn bis zum Schluss nichts änderte, war das Wechselspiel von Enge und Offenheit. Ausländische Presseleute, die nur die hoheitlich-hermetischen Usancen in Regierungszentren wie Paris oder London kannten und die nach Bonn versetzt wurden, waren regelmäßig erstaunt darüber, wie leicht man hier an Informationen herankam. Allerdings blieb ihnen auch nicht die Enge des Regierungsviertels verborgen, das bloß aus wenigen Straßenzügen bestand. Die Künstlichkeit trat besonders an den Wochenenden hervor, wenn die Hausmeister zwischen Bonn und Bad Godesberg, Rhein und B9 weitgehend unter sich waren. An Sitzungstagen dagegen wuselten in dem Geviert Politiker, Beamte und Journalisten bunt umeinander. Die Wege dieser drei Volksstämme kreuzten sich, ob man wollte oder nicht, gleich mehrfach am Tag und oft auch bei Dunkelheit. Das Ergebnis war eine mitunter riskante Intimität, die Wolfgang Koeppen in seinem Bonn-Roman „Das Treibhaus“ anschaulich, aber deutlich übertrieben geschildert hat. Während im Roman der Abgeordnete Felix Keetenheuve aus der Spur gerät und sich desillusioniert von der Brücke stürzt, war in der Realität das Klima im Treibhaus milde und übte eine mäßigende Wirkung aus. Mentalitätshistoriker würden wohl einen Zusammenhang zwischen rheinischer Lebensart und dem besonderen Bonner Politikstil sehen, dem das Lautsprecherische und Auftrumpfende fehlte. Selbst dann, wenn die Leidenschaften im politischen Kampf hochkochten, war der Grundton selten eifernd, der Gegner war nicht der Feind, und am Ende zollten alle, mehr oder weniger, dem Grundgesetz Respekt. „Bonn ist nicht Weimar“, hieß ein viel zitiertes Buch des Schweizer Publizisten Fritz René Allemann aus dem Jahr 1956. Und das stimmte.

Auf den Erfolg der Bonner Republik hatte niemand gewettet. Am Start war Nicht-Untergehen schon ein ehrgeiziges Ziel. Es vertrat dieser sonderbare Staat ja noch nicht einmal die ganze Nation, er war nur halb souverän und stellte sich selbst unter Vorbehalt, indem er seine Verfassung nicht Verfassung nannte, sondern mit begrifflicher Scheu Grundgesetz. Deutschland hatte militärisch kapituliert, moralisch war es ruiniert, politisch isoliert. Seine Städte lagen in Trümmern, das Land war zerteilt, mehr als zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene drängten in seine westliche Hälfte. Entsprechend gewaltig war das Aufgabenpensum. Die Wirtschaft musste wiederbelebt, der Wohnungsbau angekurbelt, die Flüchtlingsmasse integriert und die Daseinsvorsorge auf ein verlässliches Fundament gestellt werden – das alles bei hoher Gleichzeitigkeit. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Die Wirtschaft sprang an. Der neue Wohlstand erreichte weite Teile der Bevölkerung und verhalf dem jungen Staat zu einer Stabilität, die Weimar nie besessen hatte. 1957 errang die CDU/CSU mit dem Slogan „Keine Experimente“ und mit Adenauers „Indianerkopf“ auf den Wahlplakaten 50,2 Prozent der Stimmen und damit einen Wert, der bei späteren Bundestagswahlen nie mehr erreicht wurde.

Weil der Aufstieg alle Wahrscheinlichkeitsrechnungen widerlegte, fiel Beobachtern nichts Besseres ein, als von einem Wunder zu sprechen. In Wirklichkeit resultierte der Erfolg aus dem Ineinandergreifen zweier Faktoren. Erstens hatte die Bonner Republik, salopp gesagt, Glück. Der Kalte Krieg brach aus. Plötzlich brauchte man die Paria-Deutschen. Statt das besiegte Land wie nach Weltkrieg Eins in den Dauerschwitzkasten zu nehmen, waren jetzt besonders die Amerikaner bemüht, ihm auf die Beine zu helfen. Der zweite Faktor hatte mit Verdienst zu tun. Mit den meisten Entscheidungen lagen die Adenauer-Regierungen richtig. Manche sind derart in den Bestand eingegangen, dass man heute kaum noch versteht, weshalb sie in der Zeit so umstritten waren. Beispiel Soziale Marktwirtschaft: Der Kanzler musste hart kämpfen, ehe sich das von seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verfochtene Konzept gegen planwirtschaftliche Vorstellungen der SPD durchsetzen, die anfangs auch in Teilen der CDU zirkulierten.

Mut und Überzeugungskraft erforderte die Wiederbewaffnung. Populär war sie nicht und wäre gescheitert, hätte Adenauer nur auf Sympathiepunkte geschielt. Für ihn war der deutsche Wehrbeitrag ein notwendiger Baustein der Westbindung, auf die er kerzengerade hinsteuerte. Unumstritten war auch sie nicht. Der Anschluss an den Westen, an seine Werte und an sein kollektives Sicherheitssystem bedeutete den Bruch mit der Tradition preußisch-deutscher Schaukelpolitik. Kein Neutralismus, kein Dritter Weg zwischen den Blöcken, sondern Parteinahme ohne Hintergedanken – dafür ließ sich Adenauer sogar als „Kanzler der Alliierten“ beschimpfen und der nationalen Unzuverlässigkeit bezichtigen. Die Wiedervereinigung, die Jahrzehnte später errungen wurde, war die späte Rechtfertigung der Adenauerschen Prioritätensetzung „Freiheit vor Einheit“ und belohnte den langen Atem, den mitunter auch der richtige Kurs braucht.

Die Vereinigten Staaten von Europa waren die beste Utopie, die je auf dem alten Kontinent ersonnen wurde und ein Angebot der Geschichte, das nicht ausgeschlagen werden konnte. In der Vergangenheit hatte die Idee gegen den eingewurzelten nationalegoistischen Eigensinn nie eine reelle Chance gehabt. Erst jetzt, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, gelangte sie zur Reife. In Deutschland wurde sie zunächst von den Christdemokraten aufgegriffen. Adenauer trieb das Projekt voran, eröffnete es doch die Perspektive eines deutschen Wiedereintritts in die Völkergemeinschaft. Ein europäisches Gelöbnis findet sich schon im Grundgesetz. Empathisch versichert die Präambel, die Bundesrepublik sei „vom Willen beseelt“, als „gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“.

Der Gedanke, sich in Europa zusammenzutun, statt sich zu bekriegen, war nicht neu. In der Zwischenkriegszeit kamen Impulse von der von Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, einem Intellektuellen, gegründeten Paneuropa-Bewegung. Sie war gut vernetzt in Politik und Wirtschaft und hatte namhafte Geldgeber, konnte sich aber nicht wirklich Gehör verschaffen. Daneben gab es Gruppen mit religiösem Hintergrund, die für die Idee eines christlichen Abendlandes warben. Adenauer nahm den Faden nach dem Krieg auf. 1948 äußerte er einem Zeitungsinterview: „Zwischen Loire und Weser schlug einst das Herz des christlichen Abendlandes. Der Stil des Kölner Doms, des ehrwürdigen Wahrzeichens des deutschen Westens, hat seine Wurzeln im französischen Boden. Eine Erneuerung des abendländischen Gedankens kann nur das Ergebnis einer fruchtbaren Begegnung zwischen Deutschland und Frankreich sein“ (3) (Interview mit dem „Rheinischen Merkur“ vom 21.2.1948, zit. nach Schwarz, Vom Reich zur Bundesrepublik, S 435).

Europäern des 21. Jahrhunderts kommt Adenauers Darlegung sehr rheinisch, sehr katholisch und einigermaßen fremd vor. Aber „der Alte“ war zutiefst davon überzeugt, dass das Vereinte Europa mehr sein müsse als eine utilitaristische Veranstaltung. Es brauchte eine geistige Grundlage und die war für ihn das christliche Abendland. In seiner Zeit stand er mit dieser Auffassung keineswegs allein. Der Anteil des katholischen Elements unter den Europäern der ersten Stunde war auffällig hoch. Noch 1957, als durch die Römischen Verträge die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) aus der Taufe gehoben wurde, gingen die beteiligten Staatsmänner wie selbstverständlich erst einmal in die Kirche. „In der abendländischen Symbolik jenes 25. März 1957 schwangen neokarolingische Integrationserwartungen mit, die wie eine ungeschriebene Präambel der Verträge wirkten“, urteilt der Staatsrechtler Frank Schorkopf (4) (In einem Beitrag für die FAZ, 29.3.2024). Tatsächlich wies die Gestalt der Sechsergemeinschaft eine starke Ähnlichkeit mit dem fränkischen Lotharingien auf (dazu mehr in Kapitel 5).

 

Adenauer Grab in Rhöndorf ©wikipedia

Als Adenauer 1963, nicht ganz freiwillig, nach 14 Jahren aus dem Amt des Bundeskanzlers schied, waren Markierungen gesetzt, die bis heute wenig von ihrer Gültigkeit verloren haben. Die Bonner Republik hatte eine Stabilität erlangt, die sie für kommende Bewährungsproben wappnete. So war es wohl auch ein Ausdruck der Zufriedenheit mit seinem Werk, dass Adenauer sich im Angesicht des nahen Todes von seiner Familie mit den Worten verabschiedete, „Da jitt et nix zo kriesche!“, was zu hochdeutsch heisst: „Da gibt es keinen Grund zu weinen“. Beim Begräbnis nahm die Bonner Republik ausnahmsweise von der ihr eingeborenen Zurückhaltung Abstand. Im Staatsakt inszenierte sie sich selbst. Die Organisatoren bewiesen eine glückliche Hand, indem sie eine Rheinfahrt in den Mittelpunkt der Trauerzeremonie rückten. Schließlich war der Rhein die Achse von Adenauers politischen Kombinationen gewesen die Achse auch des neuen Europa, auf das der Verstorbene so lange hingearbeitet hatte. Die Flussfahrt als letzte irdische Etappe konnte auf Vorbilder zurückgreifen. 1840 waren die Gebeine Napoleon I. auf der Seine von Cherbourg nach Paris übergeführt worden. Zeitlich näher lag das Vorbild Churchill. Der britische Kriegspremier war zwei Jahre vor Adenauer gestorben. Als das Schiff mit seinem Leichnam die Themse in London herabfuhr, senkten die Lastkräne am Ufer hochachtungsvoll ihre Tragarme.

Die Begräbnisfeierlichkeiten begannen am 22. April. Der mit der Bundesflagge bedeckte schlichte Eichensarg wurde bei Rheinkilometer 647 auf die Fähre Königswinter-Dollendorf verladen und sodann zum gegenüber liegenden Plittersdorf transportiert. Die Fährverbindung hatte Adenauer üblicherweise genutzt, wenn er nach Bonn zur Arbeit fuhr. Im Palais Schaumburg wurde der tote Kanzler für zwei Tage aufgebahrt. Der protokollarische Höhepunkt der Trauerfeiern fand im Bundestag statt. Die Repräsentanten von mehr als hundert Staaten waren an den Rhein gekommen, darunter Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle, US-Präsident Lyndon B. Johnson, Großbritanniens Premierminister Harold Wilson, der langjährige Premierminister Israels, David Ben Gurion sowie der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko. Nächste Station im Ablaufplan war Köln. Im Dom nahmen zehntausende Bürger von ihrem ehemaligen Oberbürgermeister Abschied. Kardinal Frings zelebrierte ein Pontifikalamt. Dann begann die letzte Fahrt auf dem Rhein. Ein Schnellboot der Bundesmarine, mit einem Dutzend weiterer Schiffe Schlepptau, beförderte den toten Bundeskanzler zurück nach Hause. Trauben von Menschen drängten sich auf den Rheinbrücken. Zwölf „Starfighter“ überflogen donnernd den Konvoi. Feldhaubitzen schossen 91mal Salut, ein Schuss für jedes Lebensjahr.

Adenauers Beisetzung war ein Medienereignis, wie es die Bundesrepublik noch nie gesehen hatte. Das Fernsehen übertrug live. Weltweit schauten 400 Millionen Menschen zu, unter anderem in Japan und in den USA. „Der Alte“ sei wie ein König zu Grabe getragen worden, schrieben die Zeitungen und strichen die globale Anteilnahme heraus. Sie war in der Tat keine Selbstverständlichkeit. Noch war die Erinnerung an Hitlers Krieg frisch. Der Eichmann-Prozess lag sechs Jahre zurück. In den Frankfurter Auschwitzprozessen waren die Urteile gerade erst gesprochen. Umso mehr machte die Beisetzung des Kanzlers sinnfällig, „daß die Bundesrepublik unter Adenauer und durch Adenauer in die Gemeinschaft der westlichen Demokratien eingetreten“ war (der Adenauer-Biograph Hans-Peter Schwarz). Man nahm der Bonner Republik den Neubeginn ab, wenigstens im Westen. Und das Gesicht dieser Republik war Konrad Adenauer.