von Dr. Günter Müchler

Dr. Günter Müchler © privat

Unser Fernsehen ist gar nicht so schlecht. Die Nachbarn in Österreich oder in Frankreich haben kein besseres. Trotzdem gibt es da ein paar Entwicklungen, die verstören. Beispielsweise die Vulgarisierung der Sprache. Ein Neunzig-Minuten-Streifen ist offenbar nur dann gut, wenn mindestens fünfzehnmal das Wort Scheiße verwandt wird und zehnmal Ficken vorkommt. Die Verantwortlichen in den Anstalten wissen hoffentlich, was sie da zulassen. Sie haben einen Albtraum, die fortlaufende Alterung ihrer Nutzer. Um ein jüngeres Publikum für die Programme zu schanghaien, ist ihnen die sprachliche Verrohung kein zu hoher Preis. Ältere Stammkunden mögen sich empören. Für die Anstalten sind die Oldies Goldies. Wohin sollen sie denn emigrieren? Ins digitale Fremdland? Dazu fehlen ihnen einfach die Skills. Man kann ihnen sogar Filme zumuten, die so billig und stimmlich so schlecht produziert sind, dass sie nur mit Hörgerät konsumiert werden können.

Verstörend ist auch weitere Beobachtung. Man greife in den übervollen Korb der Krimis. Frage: Wann haben Sie zuletzt einen „Tatort“ gesehen, in dessen Rollenregister Migranten, Schwule oder Lesben fehlten? Antwort: Es muss lange her sein. In neueren Krimis sind die Kommissare überwiegend weiblich, starke Frauen sind sie allesamt, während die männlichen für gewöhnlich einen biographischen Knacks haben oder gar einen Dachschaden. Beim nächsten Film, darauf kann man Gift nehmen, wird man auf ein ähnliches Muster stoßen. Das Vielfalts-Management liefert zuverlässig.

Gegen das Sichtbarmachen gesellschaftlicher Vielfalt, für die die Sender eigene Beauftragte vorhalten, lässt sich wenig einwenden. Vielfalt ist eine Tatsache als solche weder gut noch schlecht. Ärgerlich ist ihre Überhöhung, ist der erzieherische Gestus, der den Kündern der Vielfalt anhaftet. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Doch wehe dem, der es unternimmt, das Übermaß zu kritisieren! Er begeht ein Majestätsverbrechen und riskiert den Exorzismus. Denn inzwischen hat es die Vielfalt zum gesellschaftlichen Schlüsselbegriff gebracht, zu einer Art Grenzstein zwischen heller und dunkler Welt. Ihn nonchalant zu ignorieren, ist nicht anzuraten.

Wie alle Glaubenskrieger sind die Apostel der Vielfalt penetrant. Sie geben keine Ruhe. Es genügt ihnen nicht, dass die Regenbogenflagge bloß am 17. Mai auf dem Reichststag gehisst wird, weil an diesem Tag der Rehabilitierung jener homosexueller Menschen gedacht wird, die Opfer der Nazi-Justiz wurden. Die Flagge soll gleich immer über dem Sitz des Parlaments wehen. Begründet wird das mit der anhaltenden Diskriminierung von LGBTQ. Diskriminierung wird hierzulande von der Justiz verfolgt; die Gesetzeslage ist eindeutig und erschöpfend. Damit geben sich die Aktivisten jedoch nicht zufrieden. Sie stehen auf dem Standpunkt, Minderheiten bedürften des aktiven „Empowerment“. Für sie bestehe ein Nachholbedarf, der sich nur durch den Wirkstoff „Gleichheit plus“ heilen lasse. „Affirmative action“ nennt man das in den USA. Der schwächere Spieler beim Schach der Lebenschancen bekommt eine zusätzliche Dame und vier Türme.

Eine Variante der „affirmative action“ ist die Quotierung. Überall dort, wo keine Parität existiert, sollen gesetzliche Vorgaben für Gleichstand sorgen. Dieser Tage las man in der Zeitung, dass der Anteil weiblicher Abgeordneter in den Landtagen bei rund einem Drittel liege und in letzter Zeit nur kaum in die Höhe gegangen sei. Man kann darauf wetten, dass alsbald der Ruf nach Landeslisten nur noch im 50:50-Geschlechterformat ertönen wird. Nicht zum ersten Mal. Mehrere Gerichte haben das Konstrukt schon für undemokratisch erklärt. Allein, die Gläubigen lässt das kalt. Das Quotendenken hat sich eingenistet, nicht nur bei Grünen und Linken.

Entstehen konnte es durch einen wenig beachteten Strategiewechsel des Feminismus. Dem klassischen Feminismus ging es darum, Rechtsbarrieren einzureißen, die Frauen in grotesker Art und Weise benachteiligten. Ihm ging es um Gleichberechtigung bzw. um Chancengleichheit. Nun heißt das Kampfziel Ergebnisgleichheit und ist etwas völlig anderes. Diesem Prinzip zufolge muss der Staat überall dort intervenieren, wo keine Geschlechterparität (der Pöstchen) herrscht: bei den Parlamentsmandaten, in den DAX-Vorständen, in der Professorenschaft. Sogar vor der Sprache macht der Gleichheitswahn nicht halt. Frauen wird eingebläut, was sie eine Ewigkeit offenbar vollkommen übersahen: Ein Ding namens generisches Masculinum sei schuld an ihrer Unterdrückung. Es zementiere die patriarchalische Herrschaftsstruktur und müsse unverzüglich durch das generische Femininum ersetzt werden – um eine neue Herrschaftsstruktur zu errichten.

Die Erhebung des Grundsatzes Ergebnisgleichheit zu den Altären hat weitreichende Folgen. Das Verhältnis von Staat und Individuum wird aus den Angeln gehoben. Nach dem Verständnis der liberalen Demokratie muss der Staat Diskriminierung beseitigen, wo sie besteht, und durch Gesetze Chancengleichheit schaffen, wo diese nicht besteht. Wie die Menschen dann ihre Chancen nutzen, ist ihre Privatsache. Ist dagegen Parität höchster Zweck, wird der Staat der Große Bruder, der die Bürger wie ein Blindenhund ans Ziel führt. Was Wunder, wenn, wie in diesen Tagen so oft beklagt, eine Lieferando-Mentalität um sich greift, die vom Staat alles verlangt, von sich selbst nichts?

Dass häufig dieselben Kräfte in Politik und Kultur, die sich für die Vielfalt ins Zeug legen, auch das Lied der Quote singen, möchte man kaum glauben. Da ist keine Harmonie, da kommt es zu einem Aufprall, bei dem das fröhlich-bunte Wimmelbild der Vielfalt brutal übermalt wird durch eine Ansicht uniformierter Marschkolonnen, die sich als Opfergruppen ausgeben. Diese Gruppen stehen unweigerlich in Konkurrenz zueinander, was die Sache nicht einfacher macht. Weshalb soll die Quote nur Frauen fördern? Wo bleiben auf der binären Quotenliste diejenigen, die sich contra-binär verstehen? Was ist mit älteren Menschen, die doch gemeinhin als besonders vulnerabel gelten? Und was mit den Jungen, die morgen ausbaden müssen, was die Politik heute anrichtet? Verdienen sie keinen Opferschutz?

Die Bestimmung des Opferstatus, und da wird es richtig gruselig, erfolgt per Handheben. So wollen es die Aktivisten. Egal, wie der Volkssouverän, d.h. der Gesetzgeber, den Tatbestand der Diskriminierung definiert: Entscheidend ist das subjektive Empfinden der Betroffenen. Das sieht dann so aus: Indianer, von denen nicht besonders viele in der Bundesrepublik leben, fühlen sich verletzt durch das Wort Indianer. Also raus aus den Schulbüchern. Muslime (oder besser ihre nicht-muslimischen Vormünder) ertragen den Anblick von Bikini-Mädchen nicht. Also ran an den Bau von Apartheid-Freibädern mit Burkini-Zwang. Die Ossis, behauptet die AfD, fühlten sich von den Wessis ständig untergebuttert. Also los, man wiedererschaffe die DDR als „safe space“ für die Gekränkten!

„Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden“. Der kantische Satz lässt sich paraphrasieren. So schräg (und intellektuell unterkomplex), wie die Lobsänger von Vielfalt und Quote argumentieren, war die ganze Aufklärung umsonst. Drehbücher im TV, die nur angenommen werden, wenn die Rollen nach Tortendiagramm verteilt sind; ein Staat, der damit beschäftigt ist, selbst ernannte Opfergruppen zu alimentieren; eine Sprache, die vor sich selbst auf der Hut ist – aus alledem wächst kein Fortschritt, sondern eine öde neue Welt.