HOHE VENN | HIGH VENN |
Manchmal schaurig, das Hohe Venn

Wem war es damals nicht wohlig-gruselig über den Rücken gelaufen, als – ja, lang ist´s her – im gymnasialen Deutschunterricht Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Der Knabe im Moor“ vorgelesen, durchgearbeitet und (natürlich) auch auswendig gelernt werden musste? „Oh schaurig ist´s, übers Moor zu gehen,/ wenn es wimmelt vom Heidenrauche./ Sich wie Phantome die Dünste drehen,/ und die Ranke häkelt am Strauche./ Unter jedem Tritt ein Quellchen springt…“. Der Text weckte Vorstellungen – bange, aber auch abenteuerliche. Von spurlos verschwundenen Menschen, von gespenstischen Geräuschen, von hoffnungslos Verirrten bei Nebel oder Schnee.
Das Moor hat freilich auch ein ganz anderes, ein faszinierend-schönes Gesicht. Und das sogar sehr oft. Ja, sogar meistens. Und zwar zu allen Jahreszeiten. Da ist die Fülle von Knospen und Blüten, wenn im Frühjahr die Natur erwacht und sich zart weiß-rosa Tupfen von Moosbeere und Rosmarinheide zeigen. Da präsentiert sich der weiße Wollgras-Teppich im Sommer, um im Herbst dem Lila der Heide Platz zu machen. Und was für eine Stimmung überträgt sich auf den Wanderer, wenn im Winter Frost, Reif und Schnee skurrile Formen und Bilder in die Landschaft zaubern!

Das größte Hochmoor Europas

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Malerisch, das Hohe Venn

Das so beschriebene Stück Erde gibt´s tatsächlich. Es trägt auch einen Namen: Hohes Venn. Südlich von Aachen, beiderseits der deutsch-belgischen Grenze und eingebettet zwischen die Städtchen Monschau im Osten, Eupen im Norden, Spa im Westen und Malmedy im Süden, liegt das mit 4500 Hektar größte Hochmoor Europas. Hochmoor nicht, weil es in diesem Fall tatsächlich auf der Höhe von Eifel und Ardennen liegt und mit dem Naturkundezentrum „Signal de Botrange“ (694 m!) sogar die größte Erhebung Belgiens aufweist, sondern weil diese Art von Mooren nach oben wächst, dabei alles unter sich begräbt und schließlich zu Torf wird. Nur 1 Millimeter nimmt das Hochmoor auf diese Weise pro Jahr zu.
Wer die Natur und deren Verwandlungen während eines Jahres liebt, kommt am Hohen Venn eigentlich nicht vorbei. Wobei jeder Besuch lohnend ist – gleichgültig, ob es sich um einen Tagesausflug handelt, oder um eine mehrtägige Tour über Knüppelstege, fußfreundlich federnde Grasflächen und durch einsame Wälder. Und dabei kann es durchaus passieren, dass – etwa bei Regen oder wenn ein stürmischer Westwind Nebelfetzen über die gestaltlose Hochebene jagt – ein gelinder Schauder den Besucher erfasst.

140 Liter Wasser pro Quadratmeter

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Holzwege führen durch das Moor

Wer seinen Ausflugsplanungen meteorologische Statistiken zugrunde legt, könnte sich tatsächlich beim Gedanken an das Hohe Venn abschrecken lassen. Eifel und Ardennen sind halt die ersten Barrieren, die sich den Winden und Wolken aus Westen entgegen stellen. Entsprechend weisen die Zahlen pro Jahr 140 Liter Wasser aus, die pro Quadratmeter in 172 Regentagen auf das Venn runterprasseln, dazu noch 175 Nebel- und 43 Schneetage. Allein die Lektüre dieser Daten ist in der Tat geeignet, frösteln machen. Wenn da eben nicht auch die andere Seite dieses Hochmoors wäre. Jenes Gesicht, das sich zu allen Jahreszeiten strahlend sonnig zeigt und sich selbst an heißesten Tagen von einem kühlenden Seewind umspielen lässt. In wenigen Wochen (gegen Mitte bis Ende April) werden oben auf dem Venn kleine Fleckchen mit wilden Narzissen dem Besucher signalisieren, welch überwältigendes Erlebnis ihn erwarten würde, wenn er – nur wenige Kilometer westlich am Rande des Eifel/Ardennen-Naturparks – vielleicht nach einer Besichtigung der malerischen, alten Tucherstadt Monschau zu einem Marsch entlang dem Perlenbach (oder durch das enge Fuhrtsbachtal) ins Zentrum der wilden Eifel-Narzissen vorstieße.

Das Kreuz der Verlobten

Doch auch bei den Wanderungen über das Moor stößt der aufmerksame Betrachter nicht selten auf Überraschungen, auf Ungewöhnliches, oft auch auf zum Nachdenken Anregendes. Dazu gehören ganz sicher in erster Linie die zahlreichen Wegkreuze. Jedes davon hat eine eigene Geschichte, und nur wenige sind erfreulich; sie erzählen von Mord, Raub, ja auch von HOHE VENN | HIGH VENN |mysteriösem Verschwinden. Eine aber geht besonders zu Herzen – jene vom „croix des fiancés“, dem „Kreuz der Verlobten“, von der Katastrophe, die sich dort am 21. Januar 1871 abgespielt hat. Es ist ein Drama, in dessen Mittelpunkt ein junges Paar steht – Franz Reiff und Maria Josepha Solheid. Die Magd und der Bauarbeiter hatten sich beim Tanz im nahe gelegenen Jalhay kennengelernt und wollten heiraten. Gegen den dringenden Rat von Freunden machten sie sich an jenem 21. Januar auf, um sich im rund 20 Kilometer entfernten Xhoffaix die notwendigen Papiere zu besorgen. Erst zwei Monate später fanden Arbeiter die Leichen. Die Liebenden hatten sich verirrt im Nebel und Schneegestöber und waren erfroren – nur ein paar hundert Meter vom rettenden Haus, der „Barraque Michel“ entfernt.

An der einstigen Staatsgrenze

Baraque Michel 20070827
Restaurant Barraque Michel

Ja, die „Barraque Michel“ – Kenner schnalzen beim Nennen dieses Namens mit der Zunge, und unter Genießern gilt der Ort als Geheimtipp. Unschwer zu erraten, dass es sich um ein Restaurant handelt. Eigentlich mehr um so etwas wie ein bewirtschaftetes Berghaus mit gemütlicher Atmosphäre und einem Inneren, wie man es sich erträumt, wenn einem draußen, nach langem Marsch, die Kälte langsam durch die Kleider dringt. Legendär freilich ist die Küche. Genauer: Es sind die Künste von Chefkoch Patrick Bodarwe, dem man es ansieht, dass er seine auf dem Ofen garenden Kreationen ausgiebig testet, bevor sie den Gästen vorgesetzt werden. Steht Wild auf der Karte – unbedingt zugreifen. Und zwar auch dann, wenn der Meister sich wieder und wieder weigert, seine unwiderstehlichen Soßen doch bitte, bitte mit Nudeln, Reis, oder Kartoffeln statt mit Fritten zu garnieren. Also mit Beilagen, die aufsaugen und nicht knatschig werden und ihre Knusprigkeit verlieren.
Heute führt an „Barraque Michel“ eine breite Staatsstraße vorbei, die das zum Maasland zählende, deutsch-sprachig belgische Eupen mit dem wallonichen Städtchen Malmedy verbindet. Zwischen 1816 und 1919 freilich konnte von einer „Straße“ kaum die Rede sein. Bei Nebel und Schneetreiben wurde regelmäßig eine Glocke geläutet, um Verirrten den Weg zu weisen. Hier endete im Westen die Preußische Rheinprovinz, wovon noch viele Grenzsteine zeugen. Die Parkplätze auf der Hochebene sind beliebte Ausgangspunkte für Wanderungen und Spaziergänge durch das Venn. Viele davon sind nur über Knüppelstege möglich, weil allein dadurch die Begehung des Moors erfolgen kann. Das Venn ist mittlerweile eine hochgradig geschützte Naturlandschaft und deshalb auch in vier Zonen eingeteilt. In Zone A kann der Naturfreund sich völlig frei bewegen. In „B“ ist dagegen das Befolgen der markierten Wege vorgeschrieben. Zone „C“ wiederum ist an die Begleitung eines zertifizierten Führers gebunden, und der Abschnitt „D“ ist für Außenstehende völlig gesperrt. Eine Folge davon: Inzwischen haben sich – weil völlig ungestört – dort sogar wieder Tierarten angesiedelt, die als ausgestorben galten.

Gesundheit, Geschichte und Formel 1

Es sind freilich keineswegs nur Natur, frische Luft und Wildschwein-Ragout, mit denen die ostbelgische Grenzregion locken kann. Von der Höhe von „Barraque Michel“ braucht, zum Beispiel, der Autofreak maximal 45 Minuten, um die Formel-1-Rennstrecke von Francorchamp zu erreichen. Von dort aus ist es nur ein Katzensprung bis zum 7500-Seelen-Städtchen Stavelot (deutsch: Stablo). Das malerische Örtchen kann sowohl mit einem bemerkenswerten Rennwagen-Museum aufwarten, als auch dem kunst- und geschichtsbewussten Gast eine bewegte Historie verkünden. Denn über viele Jahrhunderte gestaltete das bereits von den Karolingern gegründete und lange reichsunabhängige Kloster die Politik im Heiligen römischen Reich deutscher Nation entscheidend mit. Na, und wem seine Gesundheit ganz vorn auf der persönlichen Prioritätenliste steht, der hat auf Prospekten und Landkarten gewiss längst die drei Buchstaben entdeckt, die den weltbekannten (und zum Glück mittlerweile auch architektonisch wieder hübsch restaurierten) Kurort Spa in den Ardennen seinen Namen gegeben hat.
Gisbert Kuhn

Der Autor ist direkt zu erreichen unter “gisbert.kuhn@rantlos.de”

Infos:
Tourismusagentur Ostbelgien
Hauptstraße 54
B 4700 St. Vith
Tel.: 00328 80 22 76 64
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