Suchtmedizinerin fürchtet sinkendes Problembewusstsein und fordert mehr Prävention

Die von der Bundesregierung lange geplante Cannabis-Legalisierung soll zum 1. April 2024 Realität werden. Dr. med. univ. Sabine Barry, Chefärztin von Bayerns größter stationärer Einrichtung zur Behandlung von Suchterkrankungen, plädiert im Zuge der Freigabe für einen verstärkten Fokus auf eine frühzeitige Aufklärung und zu mehr offenen Gesprächen sowie einer Sensibilisierung auch in den Familien. Die renommierte Suchtmedizinerin, die die Johannesbad Fachklinik Furth im Wald in Ostbayern leitet, sieht die politischen Weichenstellungen in Richtung Liberalisierung äußerst kritisch: “Ich erlebe seit Jahren die dramatischen Auswirkungen hautnah mit, die der Konsum von Cannabis auf Menschen haben kann”, so Dr. Barry.

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Die erfahrene Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie warnt vor einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber den Gefahren des Cannabis-Konsums. “Insbesondere junge Erwachsene sind sich der möglichen Konsequenzen nicht bewusst”, sagt sie. In Bezug auf die Vorteile der Legalisierung von Cannabis zeigt sich die Chefärztin äußerst skeptisch: “Für medizinische Zwecke, beispielsweise bei Krebspatienten und Schmerzpatienten, ist Cannabis schon seit 2017 erlaubt – allerdings streng limitiert und reglementiert.”
 
Suchtmedizinerin rechnet mit einer steigenden Zahl an Konsumenten
Grundsätzlich rechnet Dr. Barry mit einer Steigerung der Konsumentenzahlen in Deutschland. Ein internationaler Vergleich mit Kanada, das 2020 den Cannabis-Konsum legalisierte, verdeutlicht für Dr. Barry die zu erwartenden Auswirkungen. “Vor 2020 gaben fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Kanada an, regelmäßig Cannabis zu konsumieren, nach 2020 waren es acht Prozent”, sagt sie und ergänzt: “Kanada und Deutschland sind aus meiner Sicht in diesem Punkt vergleichbar und ich erwarte eine ähnliche Entwicklung.”

Dr. Barry betont jedoch auch: dieser Trend muss nicht zwangsläufig zu einer Zunahme von Patienten führen. Dennoch sieht sie vor allem ein Risiko: Mit der Legalisierung droht das Bewusstsein für die Gefahren des Cannabis-Konsums weiter abzunehmen: “Ganz nach dem Motto: Wenn der Staat nichts dagegen hat – warum sollte es dann gefährlich sein?”, so Dr. Barry.
 
Schädlicher Einfluss auf die Hirnentwicklung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Die Suchtmedizinerin warnt vor den Folgen längerfristigen Konsums in größeren Mengen und hebt hervor, dass Menschen oft nicht verstehen, welche Risiken sie eingehen. Gerade auf das junge Gehirn, das sich noch entwickelt – die Hirnreifung ist erst im Alter von etwa 25 Jahren abgeschlossen – hat Cannabis einen schädlichen Einfluss in der Hirnentwicklung. “Je eher man mit dem Konsum beginnt, desto heftiger können die Auswirkungen sein”, so Dr. Barry. “Der Konsum kann auf die Stimmung schlagen, Patienten können Ängste und Panik entwickeln bis hin zu einer Psychose.” Zu den weiteren Nebenwirkungen gehören Orientierungslosigkeit, Halluzinationen, Übelkeit und auch Kopfschmerzen. Dr. Barry weiß aber auch: “Die Aufklärung gerade in dieser Altersgruppe ist schwierig, oft wird der Konsum als ‚Lifestyle’ angesehen.”
 
Mehr Prävention und mehr Jugendschutz

Foto: Johannesbad Gruppe/Katrin Roiger

Die Chefärztin der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald fordert daher einen massiven Ausbau der Prävention und des Jugendschutzes: “Das klare Ziel sollte sein, dass viele junge Menschen gar nicht erst das Bedürfnis verspüren, Cannabis einmal ausprobieren zu wollen”, sagt Dr. Barry. Sie plädiert dafür, bereits ab einem Alter von 12 oder 13 Jahren verstärkt aufzuklären, vor allem an Schulen. Sie schlägt vor, dass Jugendliche andere Jugendliche aufklären, um die höhere Glaubwürdigkeit untereinander zu nutzen. Studien belegen beispielsweise: Regelmäßiger Konsum senkt die Intelligenz und macht es viel schwerer, seinen Schul- oder Studienabschluss zu schaffen. “Cannabis kann besonders bei jungen Erwachsenen unter anderem ein amotivationales Syndrom auslösen, dabei kommt es zu Antriebsstörung, Leistungsminderung und Gleichgültigkeit”, so Dr. Barry.

Die Suchtmedizinerin rät deshalb auch Familien dazu, Cannabis zum Thema zu machen – und nicht nur dann, wenn die Eltern eventuell auch selbst Pflanzen anbauen wollen. Die Sensibilisierung auch für die Gefahren ist aus medizinischer Sicht enorm wichtig: Dazu gehört beispielsweise auch, dass die Teilnahme am Straßenverkehr nach dem Cannabis-Konsum tabu ist.

Verständnis statt Vorwürfe

Was können Eltern oder Freunde tun, die vermuten oder wissen, dass der eigene Sohn, die Tochter oder ein Freund Cannabis konsumiert? “Wichtig ist aus meiner Sicht: reden, reden und nochmals reden”, so Dr. Barry. “Sie sollten erklären, dass einem die Person wichtig ist und dass man gerne hätte, dass derjenige oder diejenige aufhört”, so Dr. Barry. Sie rät zu professioneller Hilfe, wenn die Situation schon fortgeschritten ist. “Oft fällt es den Betroffenen auch leichter, mit einer Suchtberatungsstelle zu reden als mit den Eltern”, ergänzt sie. Wenig hält die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie von Erziehungsmaßnahmen wie Geldentzug oder die Androhung des Rauswurfs. “Vielleicht beeindruckt dies kurz, aber langfristig wird sich dies negativ auswirken, oft in Form einer Trotzreaktion: Jetzt erst recht.”
Dr. Barry rät stattdessen zu Verständnis, zu wohlwollenden und motivierenden Gesprächen statt zu Ausgrenzung und Bestrafung. “Wichtig ist dabei immer, bei den Betroffenen das Bewusstsein zu schärfen, wie gefährlich der Konsum ist, welche negativen Konsequenzen es haben könnte – wie die Gefährdung des Schulabschlusses.” Würden Eltern sehen, dass das Kind täglich konsumiert, die schulischen Leistungen schlechter werden und sie nicht mehr weiterkommen, dann sollten sie nach Worten der Chefärztin auf jeden Fall professionelle Hilfe holen und handeln. Ein Weg sind Kinder- und Jugendpsychologen.

Dr. Barry fordert deshalb auch, solche Beratungsangebote im Zuge der Legalisierung deutlich auszubauen, um Betroffenen niedrigschwellige Hilfe zu bieten: “Ich wünsche mir, dass die Mehreinnahmen des Staats durch die Legalisierung in Aufklärung, Jugendschutz und wissenschaftliche Begleitung fließen.”

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