von Dr. Günter Müchler

Dr. Günter Müchler © privat

Der Tag der Einheit wurde dieses Jahr in Bremen gefeiert. Wie viele der 83,5 Millionen Einwohnern Deutschlands davon Notiz genommen haben, ist unbekannt. Es dürfte nur eine verschwindende Minderheit gewesen sein. Weil die Feier auf einen Samstag fiel, also keinen Freizeit-Mehrwert brachte? Man muss wohl tiefer bohren. Anders als der 14. Juli bei den Nachbarn im Westen hat der 3. Oktober bei uns im Festtagskalender nie eine nennenswerte Strahlkraft entfaltet. Dabei haben die meisten Landsleute den Tag, an dem die erzwungene Teilung ihr Ende fand, bewusst miterlebt. Bei den Franzosen dagegen ist jeder „quatorze juillet“ ein Volksfest, obwohl mit ihm einer Angelegenheit gedacht wird, die in grauer Vorzeit passierte.

Wir Deutsche tun uns schwer mit allem, was nach „national“ klingt. Das ist nicht neu. Ausländern fällt es besonders auf. Sie sind von zuhause anderes gewohnt und halten das Fremdeln mit dem Eigenen für einen von zahlreichen Ticks, die die Deutschen so rätselhaft machen. Immerhin fällt einem für diesen Tick eine Erklärung ein. So viel Schande haben die Nazis und ihr Drittes Reich über Deutschland gebracht, so fundamental ist der Bruch unserer Geschichtslinie, dass eine unverkrampfte Beziehung zur Nation und allem, was Engländern oder Franzosen identitätsstiftend ist, kaum möglich erscheint.

Schon ante Hitler war Deutschland den Deutschen ein schwieriges Vaterland. Man hat Deutschland als verspätete Nation bezeichnet. „Deutschland, aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“, stellte Schiller einst sarkastisch fest. Wie Goethe betrachtete er Deutschland als Kulturnation. Den Umstand, dass dieses Land kein Staat, sondern in hundert Einzelteile zerspalten war, von denen die meisten nur über liliputanische Maße verfügten, betrachteten die beiden Großdichter einfach als Gegebenheit. Ihr Wohlbefinden nahm daran keinen Anstoß. „Ubi bene, ibi patria“. „Heimat ist, wo es mir gutgeht“. So dachten auch die meisten ihrer Zeitgenossen.

Das änderte sich erst im Zuge der Revolutionskriege. Die anfängliche Begeisterung für den frischen Wind, der von jenseits des Rheins hinüberwehte, verlor sich mit der Zeit, auch bei den Intellektuellen. Napoleon sprang mit den Deutschen herum wie er wollte. „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“, lautete der Buchtitel eines Anonymus. Der Buchhändler, der es in Umlauf brachte, starb unter den Schüssen eines französischen Exekutionskommandos. Mehr und mehr wucherte ein Gefühl der Demütigung und des Abgehängtseins. Zugleich wuchs der Neid auf Frankreich, das es zu staunenswerter Größe gebracht hatte und zwar als moderner Zentralstaat, als „nation une et indivisible“. Frankreich, dem Gegenbild zum deutschen Partikularismus, schwor man nachzueifern, mochte der Beharrungswille Metternichs und der Duodezfürsten auch dagegenstehen. Ab den Befreiungskriegen war das Thema „Einheitsstaat“ nicht mehr von der Tagesordnung wegzudenken.

Bis zur Ausrufung des Kaiserreiches unter Bismarck dauert es allerdings noch lange, nämlich mehr als ein halbes Jahrhundert, und das war kein Zufall. Schon die Frage, wer alles zu dem ersehnten Nationalstaat gehören dürfe und wer ihn führen solle, erwies sich als so knifflig wie die Lösung eines Zauberwürfels. Die Paulskirchenabgeordneten von 1848 bissen sich daran die Zähne aus. Bevor es so weit war, musste Österreich aus Deutschland hinausgeworfen werden, was 1866 mit Blut und Eisen geschah. Das Reich von 1871, Bismarcks Reich, war Kleindeutschland, doch immerhin war es der Einheitsstaat.

Auf der Reise dorthin hatte nicht bloß die politische Rivalität Preußen-Österreich gebremst, auch ein ideeller Zwiespalt machte zu schaffen. Das bekamen die Liberalen zu spüren. Die Liberalen vertraten philosophisch eine Doppelspitze. Sie waren für die persönliche Freiheit und für die im Staat geeinte Nation und dachten sich beides als ideales Dioskurenpaar. Doch irgendwann merkten sie, dass Einheitsprogramm und Freiheits-Credo nicht so einfach zur Deckung gebracht werden konnten. Gegebenenfalls musste das eine hinter dem anderen zurücktreten.

Einer, der dem Zwiespalt kraftvoll Ausdruck verlieh und dem Entscheidungszwang nicht auswich, war Karl von Rotteck, der Wortführer der badischen Liberalen in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Wenige Tage nach dem Hambacher Fest, dessen Besuch ihm die Obrigkeit verboten hatte, erklärte er bei einer Veranstaltung in Badenweiler am 11. Juni 1832: „Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit und will lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit“. Es ist bemerkenswert, dass 120 Jahre später ein deutscher Bundeskanzler dieselbe Priorität setzte, Konrad Adenauer. Die Einheit darf nicht um den Preis der Freiheit erstrebt werden. Das war Kern seiner Deutschland- und Außenpolitik in den fünfziger Jahren. An diesem Grundsatz hielt er eisern fest, auch wenn sich die SPD unter Kurt Schumacher dagegen stemmte und Teile der eigenen Partei, der CDU, nicht mitzogen. Gustav Heinemann, einer der Mitbegründer der CDU und Bundesinnenminister, ging im Richtungsstreit mit Adenauer von der Fahne. Er gründete die Gesamtdeutsche Volkspartei, um hernach der SPD beizutreten.

Ein Grund, weshalb der erste Kanzler die Westbindung wollte, war seine Überzeugung, dass nur die Verankerung in starken Bündnissen (Nato, Vereintes Europa) die junge Bundesrepublik vor der aggressiven Sowjetunion schützen konnte. Ein zweites Motiv trat hinzu. Als junger Kommunalpolitiker hatte Adenauer erlebt, wie der Nationalismus Europa in die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs stürzte. Der zur Rücksichtslosigkeit gesteigerte Nationalismus, dem bei weitem nicht nur die Deutschen huldigten, hatte sich als historischer Irrweg erwiesen. Er musste überwunden werden.

Diese Einsicht setzte sich in den siebziger und achtziger Jahren auf der politischen Ebene durch, von kleinen Rücklichtern wie der NPD abgesehen. Der Nation Preislieder zu singen oder nationale Symbole zu zeigen, war, vorsichtig ausgedrückt, aus der Mode und wurde leichthin mit Faschismus-Verdacht belegt. Der oben erwähnte Gustav Heinemann, der 1969 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, antwortete auf die Frage, ob er Deutschland liebe: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau, fertig!“

Unter dem Eindruck der Studentenbewegung, einer wahren Kulturrevolution, veränderte sich die Statik der adenauerschen Grundordnung. Die Entspannungspolitik lockerte die Westbindung. Massendemonstrationen gegen das Aufstellen von US-Mittelstreckenraketen wurden ermutigt durch führende SPD-Politiker und weite Teile der veröffentlichten Meinung. Unter dem Teppich landete, dass die von Helmut Schmidt angeforderten Pershings der amerikanischen Freunde doch nur einen Ausgleich schaffen sollten für die fertig installierten SS-20-Raketen der Sowjets.

Es war nicht zu übersehen: Die Bundesrepublik bewegte sich in Richtung Äquidistanz zwischen den Blöcken des Kalten Krieges. Die deutsche Teilung wurde als friedenserhaltend hingestellt oder als „Strafe für Auschwitz“ (Günter Grass), wobei man geflissentlich darüber hinwegsah, dass die Haft nur von den Deutschen im Osten abgesessen werden musste. Wenige Wochen vor dem Fall der Mauer sprachen sich namhafte westdeutsche Wissenschaftler dafür aus, das Wiedervereinigungs-Gebot aus der Präambel des Grundgesetzes zu tilgen. Als dann die Mauer fiel, gab es zwei Verlierergruppen, eine davon in der DDR, deren Parteibonzen samt Überwachungspersonal jetzt nichts Gutes zu hoffen hatten. Die andere Verlierergruppe stellten die Lafontaines in der SPD und intellektuelle Linkskonformisten im Westen, die mehr oder weniger laut den Verlust der sozialistischen Utopie beklagten.

Letzteres ging im Getöse der Festtagsböller, die am 3. Oktober 1990 gezündet wurden, unter. Doch es blieb dabei, dass nicht überall die Aufhebung der Teilung als Geschenk angesehen wurde. Was würde Deutschland mit der neuen Größe anfangen? Was würde aus dem Verfassungspatriotismus werden, der die verbotene Liebe zum Vaterland hatte ersetzen sollen? Würde er weggewischt werden von neuer Großmannssucht? Ein Buch, das damals viel gelesen und besprochen wurde, sah Deutschland „Im Nationalrausch“.

Die auch im befreundeten Ausland bestehende Sorge, das wiedervereinigte Deutschland könne in den Vormachtmodus schalten, wurde in Bonn durchaus gesehen. Helmut Kohl, der schon den ganzen Einigungsprozess mit kluger Besonnenheit gesteuert hatte, zerstreute diese Sorgen. Die von ihm maßgeblich unterstützte Einführung des Euro unterstrich den Willen der Bundesrepublik, die europäische Integration voranzutreiben, selbst wenn das bedeutete, auf die geliebte D-Mark zu verzichten. Der geunkte „Nationalrausch“ erwies sich als Gespinst. 2006 war die Fußball-WM ein Heimspiel. Die Fußball-Nation bemalte sich die Wangen schwarz-rot-gold. Die Fahnenfabriken erzielten Umsatzrekorde. Nie zuvor hatte man so begeistert und unbedenklich zu nationalen Utensilien gegriffen. War das Nationalismus? Haften geblieben ist die Fußball-WM von 2006 als fröhliches Come-together, als „Sommermärchen“.

Wann kippte die Stimmung um? Ausschließlich auf 2015 als Kipppunkt zu zeigen, wäre zu simpel. Doch unzweifelhaft warf die Flüchtlingskrise die alte Deutschland-Frage wieder auf. Die Antworten konnten gegensätzlicher kaum sein. Links transzendierte man die Willkommenskultur als Hebel zu einer umwerfend neuen Sinnngebung. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt formulierte: „Unser Land wird sich verändern, und zwar drastisch. Und ich freu mich darauf.“ Zur selben Zeit begann auf der anderen Seite des Spektrums der Umbau der AfD von einer lahmen Anti-Euro-Professoren-Partei zu einer rechten Rakete.

Seit Dienstag stellt die AfD nun in einem föderalen Parlament den Landtagspräsidenten. Ende des Jahres wird Sachsen-Anhalt womöglich einen Regierungschef haben, der von der AfD kommt. Die Wähler haben es so gewollt. Was haben sie gewollt? Mit über vierzig Prozent in Sachsen-Anhalt und mittlerweile 30 Prozent Sympathisanten im Bund hat die AfD eine unrealistische Konfektionsgröße erreicht. Der harte braune Kern ist kleiner als der schlotternde Anzug, in dem er steckt. Immerhin, und das ist das eigentlich Bedenkliche, hat das Völkisch-Chauvinistische, für das jemand wie der thüringische Abgeordnete Björn Höcke steht, die Unzufriedenen unterschiedlicher Couleur nicht davon abgehalten, für die AfD das Kreuz zu machen.

Der harte Kern dieser Partei will, worüber das heutige Sprachverständnis stolpert. Revolution heißt eigentlich Zurückbewegung. In diesem Sinne ist die AfD eine revolutionäre Partei. Sie will sich rausschleichen aus der Wirklichkeit der globalen Welt, raus aus der Nato, raus, aus dem vereinten Europa, raus aus dem Euro, raus aus den Bindungen des Völkerrechts. Putin soll die Ukraine in Stücke hauen, wenn ihm danach ist, Trump in Grönland einmarschieren. Das Rechts des Stärkeren ist zu respektieren. Und natürlich, die deutsche Geschichte muss umgeschrieben werden. Etwas mehr Bismarck und Otto der Große, etwas weniger Hitel und Goebbels. So führt die Revolution der AfD zurück ins 19. Jahrhundert, zurück in die Denkmuster des Nationalismus.

Für die diffus Unzufriedenen, die sich die AfD angefressen hat, muss das nicht in gleicher Weise gelten. Sie sind heimatlos und ankern wie alle, die – aus guten oder weniger guten Gründen übelgelaunt sind – bei denen, die die besten Sonderangebote machen. Sie sind Streusand; sie aufzugeben (und nichts anderes bedeutet das Jonglieren mit dem Parteiverbot!) dürfen sich Demokraten nicht leisten. Sie müssen der AfD in die Parade fahren, wenn sie versucht, schwarz-rot-gold, die Farben der Freiheit, zu okkupieren. Sie müssen erklären, dass Patriotismus etwas anderes ist als Überheblichkeit und dass man sein Land lieben darf, Deutschland, dem am 3. Oktober 1990 ein großes Glück zuteilwurde.