von Karl Hafen

Nadeschda Rossinskaja – uneigennützige Helferin für ukrainische Kriegsopfer  –  In Russland verurteilt zu 22 Jahren Haft

Nadeschda Rossinskaja © privat

Man kann die Akten manipulieren. Man kann einschüchtern und Zeugen erschaffen. Aber man kann die Wahrheit nicht zerstören, die in den Zehntausenden Menschen steckt, denen geholfen wurde, und den Millionen Menschen, die Zeugen davon sind. Ich habe um jedes menschliche Leben auf alle möglichen und unmöglichen Weisen gekämpft. Ich habe mir den Luxus erlaubt, eine persönliche Meinung zu haben und sie öffentlich zu äußern. Ich habe die Wahrheit gesagt, die man verbergen wollte.“ Worte aus dem Schlussplädoyer von Nadeschda Rossinskaja vor ihrer Verurteilung.

Nadeszhda Rossinskaya, auch bekannt unter ihrem russlanddeutschen Mädchennamen Nadine Geisler, geboren am 04.08.1985 und wohnhaft in Belgorod in Russland, etwa 30 km von der ukrainisch-russischen Grenze entfernt, arbeitete als Fotografin und Model. Nach Beginn der russischen Invasion begann sie, Flüchtlingen aus den von russischen Militärs besetzten Gebieten der Ukraine mit Lebensmitteln und Medizin zu helfen und suchte Unterkünfte für sie. Am 20. März 2022 ging sie mit ihrer Schwester Elena Egorova in gelber und blauer Kleidung auf den Kathedralsplatz von Belgorod und verteilte Blumensetzlinge kostenlos an Passanten. Wie sie kurze Zeit später von unbekannten Männern, die sich erst später als Polizisten zu erkennen gaben, weggeschleppt wurden, wurde gefilmt. Am 29. April 2022 stellte eine Richterin von einem Bezirksgericht in Belgorod fest, dass die jungen Frauen ohne Zustimmung des Bürgermeisteramtes einen Anti-Kriegs-Streikposten abgehalten hatten und belegte sie wegen Verstoßes gegen die Regeln für öffentliche Veranstaltungen zu einer Geldstrafe von 15.000 Rubeln (ca. 166 €). Eine Berufungsinstanz bestätigte die Entscheidung. Um den Bewohnern der Frontlinien sowie ukrainischen Flüchtlingen zu helfen, gründete sie mit gleichgesinnten Frauen die Freiwilligenbewegung „Armee der Schönheiten“. Als Rossinskaja hörte, dass die russischen Besatzungsbehörden in der Region Charkiv von den Bewohnern für den Verkauf von Gemüse aus deren eigenen Gärten eine Steuer erhoben und humanitäre Hilfen, die Freiwillige gebracht hatten, gestohlen hatten, begann sie sofort Lebensmittel und Medizin in die besetzten Gebiete zu bringen. Weil die Führung in den besetzten Gebieten nicht wollte, dass unabhängige Freiwillige wussten, was in der Region geschah, erhielt sie Drohungen; das Gewächshaus ihrer Eltern brannte ab. Im Mai ging sie in die Türkei und von da nach Georgien und koordinierte von dort die Hilfe. Ende Januar 2024 kehrte Nadeszhda nach Russland zurück und wurde am 1. Februar 2024 festgenommen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen u.a. wegen Organisation zur Terrorismusfinanzierung und Hochverrats und forderte 27 Jahre Haft. Am 20. Juni 2025 befand der Richter des Militärgerichts des 2. Westlichen Bezirks (Moskau) bei einer Verhandlung in Belgorod Rossinskaja für schuldig und verurteilte sie zu 22 Jahren Haft, einer Geldstrafe von 320.000 Rubel und einer der Haft anschließenden zweijährigen Freiheitsbeschränkung.

Derzeit befindet sie sich in der Strafvollzugsanstalt IK-6 Schipunowo, in der Region Altai.

658390, Алтайский край, с. Шипуново, ул. Заводская, 48 А; ИК-6 Шипуново, Россинская Надежда Алексеевна, 1995 г.р

Nadeschda Rossinskaja – Szenen aus der Hauptverhandlung am 20. Juni 2025 Fotos: Fonar.tv

Durch ihren Rechtsanwalt Alexei Pryanischkow wurden nun Details der Hauptverhandlung, die teilweise hinter verschlossenen Türen ablief, bekannt, die die Absurdität des Verfahrens mit beeinflussten und bestellten Zeugen und manipulierten „Beweisen“ belegen. Danach wurde Rossinskaja vorgeworfen, Drohnen im Gebiet Charkiv gesteuert zu haben, obwohl es in ihrem Pass keine Einreisevermerke der Ukraine gab. Es wurde die Aussage im Protokoll einer angeblichen Zeugin vorgelesen, die wegen Aufenthalts im Ausland nicht hatte persönlich erscheinen können, aber bereit gewesen war, sich durch einen Beamten des Inlandsgeheimnisses FSB per Video befragen zu lassen; nach Aussage des Anwalts hat er eine Abschrift des Protokolls nicht erhalten. Diese „Zeugin“ hatte behauptet, Rossinskaja habe Überweisungen in die Ukraine getätigt; doch Rossinskaja hatte keinen Zugriff auf das von der Zeugin angegebene Konto. Die Staatsanwaltschaft warf Rossinskaja vor, einen 11-jährigen Jungen geholfen zu haben, zu seiner Mutter zurückzukehren, die früher bei den ukrainischen Streitkräften Dienst getan hatte. Rossinskaja entgegnete, dass es ihr darum ging, dass das Kind mit der Mutter wiedervereint werde, die es seit Beginn des russischen Angriffskrieges nicht gesehen hatte. Rossinskajas eigene Schwester, die kurz zuvor wegen Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln in der Psychiatrie war, wurde gegen sie als Zeugin mit der Aussage positioniert, dass Rossinskaja Schriftverkehr mit dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Selenskyi selbst gehabt habe. Anwalt Pryanischkow, der die Zeugin als eingeschüchtert bezeichnete, vermutet, dass Druck auf ihre Schwester ausgeübt worden ist: „Nachdem sie in der Untersuchung ausgesagt hatte, bereute sie dies sehr. Sie versuchte irgendwie, vor Nadeschda Rechtfertigung zu finden. Meine Vermutung ist, dass sie während der Befragung offenbar in einem Zustand war, in dem sie sich ihrer Worte nicht bewusst war. – Anscheinend konnte sie ihre Aussagen bereits vor Gericht korrigieren.“

Anwalt Pryanischkow berichtete, dass Rossinskaja während der Untersuchungshaft eine Mitinsassin hatte, die angeblich wegen Terrorismus einsaß und Rossinskaja auf auffällige Weise ausfragte. Er vermutet, dass die kommunikative Zellengenossin von den Untersuchungshaftbeamten gezielt auf sie angesetzt worden war. Seine Vermutungen bestätigten sich später, denn ihre Aussagen wurden in die Akte als Aussage einer geheimen Zeugin aufgenommen und bildeten die Grundlage einer der Anklagen. Doch Rossinskaja hatte das frühzeitig bemerkt, „und so gibt es nicht Wertvolles in den Aussagen dieser geheimen Zeugin“, so Pryanischkow. Er berichtet weiter davon, dass Nadeschda Rossinskaja im Untersuchungshaftzentrum regelmäßig von einem Vermittler besucht wurde, der davon überzeugt war, dass, wenn sie Ukrainern geholfen habe, sie den Feinden geholfen habe. Er habe sie einerseits bedroht, andererseits Angebote gemacht, dass wenn sie die Schuld eingesteht, ihr eine geringere Strafe auferlegt werde. Pryanischkow deutete das als Zeichen, dass die Anklage auf wackeligen Füßen stand.

Eine besondere Rolle im Verfahren spielte Rossinskajas Pass, dessen Existenz das FSB über ein Jahr verleugnete und der dann doch in den Akten auftauchte. Anwalt Pryanischkow kommentierte: „Die Absurdität der ganzen Situation liegt darin, dass es einen Reisepass gibt und darin keine Einträge darüber, dass sie in die Ukraine eingereist ist, und sie ist auch nicht über Gebiete eingereist, in denen Kampfhandlungen stattfinden. Zu dem Zeitraum, der ihr vorgeworfen wird, war sie nicht in der Ukraine, und die Sicherheitskräfte wissen das selbst sehr genau, denn sie haben ihren Reisepass, sie sehen alles.“ Rossinskaja entgegnete dazu in ihrem Schlussplädoyer: „Ich nehme an, sie brauchten ein Jahr Vorsprung, um die Fallunterlagen glaubwürdiger fälschen zu können.“

Da Rossinskaja während des gesamten Verlaufs der Verhandlungen selbst nicht nach ihrer Tätigkeit gefragt wurde, legte sie im Schlussplädoyer nach: „In der Kriegszone erhielten die Menschen von mir Hilfe in Form eines Monatssets mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Haushaltschemikalien. Das Monatsset pro Person bestand aus einem 50-Liter-Baumwollsack, und jeden Monat hatte ich Lieferungen für jeden Ort. Und das waren fast alle Orte, die unter der Kontrolle der Streitkräfte der Russischen Föderation standen. … Neben der direkten Hilfe für Menschen wurden auch Medikamente in Krankenhäuser gebracht, in denen es nicht nur keine blutstillenden Mittel gab, sondern nicht einmal Kochsalzlösung. Natürlich wurde auch Tieren geholfen, damit habe ich angefangen: Haustieren, streunenden Tieren, Tierheimen und Auffangstationen. Futter, Getreide, Tierarzneimittel, Transportkäfige wurden besorgt, sogar damit Menschen mit ihren Haustieren fliehen konnten. Den Flüchtlingen in der Region Belgorod wurde je nach Familienzusammensetzung, Mobilität und Gesundheitszustand geholfen. Wir haben für sie Unterkünfte gemietet und sie mit allem Lebensnotwendigen versorgt: Luftmatratzen, Bettwäsche, Geschirr, Kleidung und Schuhen, Lebensmitteln, Haushaltschemikalien, Hygieneartikeln, Medikamenten und Mitteln zur medizinischen Rehabilitation. Wir haben Operationen, Arztberatungen und Hausbesuche von Krankenschwestern bezahlt. Kranke und Verwundete wurden im Krankenhaus besucht und alles Notwendige gebracht. Die Hilfe für Flüchtlinge wurde in den meisten Fällen zu uns gebracht, aber auch Leute kamen zu unserem Lager. Dabei begann alles damit, dass sie von mir aus dem Belgrader Roten Kreuz geschickt wurden, das staatlich finanziert wird, während ich nichts habe. … Leider gehörten auch die Bezahlung und Organisation von Beerdigungen zu der von uns geleisteten Hilfe.“

Nadeschda Rossinskaja – Szenen aus der Hauptverhandlung am 20. Juni 2025 Fotos: Fonar.tv

Im Plädoyer berichtete sie von eindeutigen Drohungen für die Zeit ihrer Inhaftierung: „Während der gesamten Untersuchung wurde ich dazu gedrängt, eine unverdiente Schuld auf mich zu nehmen. Man hat mich nicht mit einem Verbrechen, sondern mit Tugend erpresst. Mir wurde versprochen, dass ich in den Mauern des Systems verfaulen werde, dass ich in die Fußstapfen von Alexej Nawalny treten würde, dass ich niemals gebären würde.“

Ihr Plädoyer endete mit einem Appell für Humanität und Verantwortungsübernahme für Menschen in Not: „Während meiner gesamten Tätigkeit habe ich versucht, dafür zu sorgen, dass ein Mensch, der buchstäblich alles verloren hat, sogar seine Dokumente, in menschlichen Bedingungen lebt, weiß und spürt, dass er nicht allein ist, dass sein Leben wertvoll und wichtig ist und dass für sein Recht zu leben gekämpft wird. Mein Wunsch zu helfen, wird durch den Wert dieser Menschen und ihres Lebens sowie durch die Tatsache angetrieben, dass sie unverdient leiden. … Ich bin kein Verbrecher und kein Mörder, und an meinen Händen klebt kein Tropfen Blut. Trotzdem haben Sie 27 Jahre (Forderung der Staatsanwaltschaft, Anm. Redaktion) gefordert. Mein vorrangiges Ziel ist nicht, frei zu sein, sondern ein Mensch zu sein.“

Inzwischen ist Nadeschda Rossinskaja mit Untersuchungshaft über zwei Jahre in Haft. Aus Berichten des Anwalts und ihrer Mutter geht hervor, dass ihr allgemeiner Gesundheitszustand nicht gut ist und sie zwischenzeitlich für 15 Tage in eine Isolationszelle gesteckt wurde und sich dort ihr Gesundheitszustand abrupt verschlechtert hatte. In einem Brief, der die Zensur überwunden hat, an ihre Unterstützergruppe – Privatpersonen im In- und Ausland – schreibt sie: „Bei mir tut rund um die Uhr alles weh, in der Hälfte der Fälle fühle ich mich kurz vor der Ohnmacht. Es fällt mir sogar schwer, einfach nur stillzustehen. … Ich habe einfach physisch keine Kraft; zu keiner Arbeit werde ich gehen; ich will und hasse jetzt schon meinen Körper dafür, dass ich bis jetzt noch nie gefallen oder ohnmächtig geworden bin. Der Kopf brummt ständig, mal tut es weh, mal pocht, mal schießt der Schmerz, dann überkommt mich die Hitze.“ Auf Nachfrage erklärte der Anwalt, dass Nadeschda Rossinsskaja eine auffallend weiße Haut hat und das lange Stehen auf dem Appellplatz bei starker Sonneneinstrahlung ihr große Schmerzen und Unwohlsein bereitet. Hinzu kommen aktuell Zahnschmerzen: „Helft mir, ich brauche dringend einen kostenpflichtigen Zahnarztservice – starke Schmerzen. Wenn es irgendwie aus der Ferne möglich ist, organisiert es. Ich brauche einen Hals-Spray, Halsschmerzbonbons wie ‚Rinza‘ oder so etwas, ‚Nimesil‘ für den Zahn“, heißt es in einem Brief an ihre Unterstützergruppe. Die junge Frau hat Anträge auf Untersuchungen von Herz, Kopf und Gefäßen gestellt, die bisher nicht genehmigt wurden. Zudem beschwert sie sich, dass ihr seit dem 22. Juni keine Briefe zugestellt werden, obwohl Freunde ihr mitgeteilt haben, dass sie abgeschickt wurden. Ihr Anwalt, der sie seit April nicht besuchen konnte, hat nun einen Besuchstermin für den 25. Und 27. Juli erhalten. Dann erfährt er, wie es Rossinskaja gesundheitlich geht.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt ist Teil des Netzwerks und steht über Mittelsleute mit Rossinskajas Mutter und mit Anwalt Pryanischkow in Kontakt.

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