Rückblende: Vor achtzig Jahren
von Dr. Günter Müchler

Umfragen, die der Gesellschaft den Puls fühlen, kommen zu einem weitgehend übereinstimmenden Ergebnis. Die mit Abstand meisten Bundesbürger sind zufrieden mit ihrer privaten wirtschaftlichen Situation. Zugleich fürchten sie, dass unser Land gerade an die Wand gefahren wird. Was soll man davon halten? Der Befund könnte paradoxer kaum sein und trifft dennoch vielleicht gerade deshalb das aktuelle Befinden. Es ist nicht optimistisch, aber auch nicht krass pessimistisch. Auf der Titanic herrscht weder Panik noch Aufbruchstimmung. Stattdessen sieht es so aus, als stünden die Deutschen an der Schwelle zum neuen Jahr 2026 ratlos, planlos und antriebslos. Vor achtzig Jahren, 1946, war das anders.
1946 gehört nicht zu den Pflichtdaten im Geschichtsunterricht; es war ein Durchgangsjahr. Als es anhub, lag das ruhmlose Ende des „Dritten Reiches“ acht Monate zurück. Die großen Weichenstellungen – Währungsreform, doppelte Staatsgründung, Kalter Krieg – ließen sich noch nicht absehen. Für die Gegenwart gab es kein Wort, kein Vergleich bot sich an. Sie schien bodenlos, die Welt war aus den Fugen, alles Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, das nackte Überleben zu sichern. Wie dies gelang, das zu begreifen fällt heute, achtzig Jahre danach, sogar denjenigen schwer, die damals ihre ersten Schritte taten. Für die Enkel gilt das erst recht. Für sie ist Deutschland 1946 fremder als der Kontinent Mittelerde im „Herr der Ringe“.
Deutschland gehörte 1946 mitnichten den Deutschen. Rechtlich war es eine Art Niemandsland, in dem die Siegermächte das Sagen hatten. Im Osten herrschten die Sowjetrussen. Den Westen teilten sich anfangs Amerikaner und Briten. Später bekamen auch die Franzosen eine eigene Zone, was den Kölner Karnevalisten Karl Berbuer zu dem heiter-sarkastischen Song „Wir sind die Einwohner von Trizonesien“ inspirierte. Da schrieb man bereits das Jahr 1948.
Was auf den vagen Landkarten der Zeit als Deutschland firmierte, war eine Trümmerlandschaft. Der Bombenkrieg hatte vor allem die Großstädte in Schutt und Asche gelegt. Das Quantum der Trümmer belief sich nach Schätzungen auf 500 Millionen Kubikmeter. Um die unfassbare Menge zu veranschaulichen, stellten die „Nürnberger Nachrichten“ folgende Rechnung auf: Schütte man die ganze Trümmermasse auf das sogenannte Zeppelinfeld des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes, einen 300 Meter breiten und ebenso langen Patz, erhalte man einen 4000 Meter hohen Berg, auf dem ewiger Schnee liege. Eine andere Rechnung besagte, mit den 55 Millionen Kubikmetern Schutt von Berlin lasse sich ein Damm von 30 Metern Breite und 5 Metern Höhe errichten, der von der Hauptstadt bis Köln reiche. Nachzulesen ist das in Harald Jähners Bestseller „Wolfszeit“, der wohl eindringlichsten Schilderung der Nachkriegsverhältnisse.
Die Opferbilanz des Weltkriegs, den Hitler-Deutschland 1939 vom Zaun gebrochen hatte, war mit 60 Millionen Kriegstoten grausig. Sechs Prozent der Europäer hatten ihr Leben verloren, unendlich viele ihre Gesundheit. Besonders betroffen war Polen. Kriegsbedingt wurde die polnische Bevölkerung um ein Sechstel reduziert.
Falsch wäre es, sich Deutschland 1946 als große Ödnis vorzustellen. Das Gegenteil war der Fall. Eine ungeheure Binnenwanderung flutete den Westen des Landes. Von den 75 Millionen Menschen, die in den Besatzungszonen lebten, „waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten“ (Harald Jähner). Vereinfacht gesagt, gehörten die Entwurzelten vier Gruppen an: Zur ersten Gruppe zählten die rund 10 Millionen deutsche Kriegsgefangenen, von denen die Mehrzahl Ende 1946 aus der Gefangenschaft entlassen war. Für die dreieinhalb Millionen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion galt das nicht.
Eine eigene Gruppe bildeten die ungefähr neun Millionen Menschen, die in den letzten Kriegsmonaten aus den Städten aufs Land geflohen oder evakuiert worden waren. Sie wollten nun zurück, was schwierig und manchmal unmöglich war, denn die Häuser, in denen sie gewohnt hatten, gab es nicht mehr. Das Heer der Umherirrenden vergrößerten jene acht bis zehn Millionen, die besonders unter der Nazi-Herrschaft gelitten hatten: Menschen, die aus Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern befreit worden waren und die jetzt nach Hause wollten, wo immer das war.
Komplettiert wurde der Lindwurm der „Wanderer“ durch 12,5 Millionen Vertriebene aus den Ostgebieten. Meist waren es Frauen, Kinder und Alte, die in Trecks die Flucht angetreten hatten und nach Westen strebten. Zum Verlust von Heimat und Besitz addierten sich die Schrecken der Flucht. Auf zwei Millionen wird die Zahl der Frauen geschätzt, die gegen Ende des Krieges vergewaltigt wurden, die Mehrzahl von Soldaten der Roten Armee. Über ihr Los wurde lange geschwiegen, bis 2003 das Buch „Eine Frau in Berlin“, geschrieben von einer „Anonyma“, die Siegel des Tabus brach.
Ein Irrtum ist zu glauben, Flüchtlinge wären dort, wo sie landen, willkommen. Die Geschichte kennt nur das Gegenteil. Die harte Realität bekamen auch die Ostflüchtlinge zu spüren. Wohlgemerkt, es handelte sich nicht um Syrer, um Marokkaner oder Schwarzafrikaner. Es handelte sich um Deutsche, die nun auf eine Mauer der Ablehnung stießen. Das hatte natürlich auch mit der großen Zahl zu tun. Ende der vierziger Jahre verfügte Westdeutschland aufgrund des Zuzugs über 10 Prozent mehr Einwohner als zuvor. Die spätere DDR musste sogar noch mehr Flüchtlinge verkraften. Ins Gewicht fiel, dass die 12,5 Millionen Vertriebenen nicht in ein Land kamen, wo Milch und Honig floss. Vielmehr addierte sich Not zur Not. Auch ohne die Hinzukommenden fehlte es dramatisch an Wohnraum, und zu Essen gab es wenig. Es wurde zwangseinquartiert, was keine Freude auslöste. Zugleich wurden in aller Eile Barackenlager geschaffen („Nissenhütten“), von denen die letzten erst in den sechziger Jahren verschwanden. Die Gefühle, die den Neuankömmlingen entgegenschlugen, spiegelten sich auch in den Spitznamen, die die Einheimischen den Barackensiedlungen verpassten. Sie hießen „Klein-Moskau“, „Neu-Polen“ oder „Mau-Mau“.
Im Krieg hatten die Menschen mehr zu Essen gehabt. Das „Hungerjahr“ 1946 war eine neue Heimsuchung. Obendrein war der Winter1946/47 einer der kältesten des Jahrhunderts. Weite Strecken des Rheins waren zugefroren. Die Versorgung der Bevölkerung wurde über Lebensmittelkarten gesteuert. Mit 1550 Kalorien pro Tag sollte Otto Normalverbraucher – die Bezeichnung kam tatsächlich in der Zeit auf – erhalten, aber das war blasse Theorie. Oft mussten 1000 Kalorien oder weniger reichen. Die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlichte 1946 ein Foto, das dokumentierte, was pro Tag wirklich auf den Tisch kam. Um Harald Jähner zu zitieren: „Ein halber Kaffeelöffel Zucker, ein fingernagelgroßes Stück Fett, eine Käseportion von der Größe eines halben Streichholzes, ein radiergummigroßes Stück Fleisch, ein Schluck Milch und, immerhin, zwei Kartoffeln.“
Um sich über Wasser zu halten, wurde getauscht und gehamstert. Mundraub, lehrte der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings, sei unter den gegebenen Umständen erlaubt. „Gefringst“ wurde allerorten. Auffällig war, wie sich in der breiten Phalanx der Minderbemittelten eine neue Form des Klassenkampfes auftat. Konrad Adenauer schrieb 1946 einem Freund: „Es gibt nur einen Unterschied, und zwar ist das, ob man Selbstversorger ist oder nicht“. Mit anderen Worten: Stadtbewohner standen gegen Landbevölkerung. Die Bauern, die etwas „hatten“ und ihre Hühnereier und Schweinerippen für Fahrräder und Teppiche eintauschten, waren bald verhasster als die Flüchtlinge.
Aller Erschütterungen zum Trotz war der Lebensmut bei denen, die überlebt hatten, keineswegs erloschen. Man begann damit, den Schutt wegzuräumen, die Straßenbahngeleise wurden freigelegt und ausgebessert, die provisorischen Schlafstätten, die man in zerbombten Häusern eingerichtet hatte, wurden wohnlichen gestaltet. Frauen verschafften sich als „Trümmerfrauen“ bleibenden Respekt. Sie nahmen die Zügel in die Hand, wer sollte es sonst tun? Die Männer waren im Krieg geblieben. Sie kamen nicht zurück und wenn doch, erwartete den Spätheimkehrer nicht in jedem Fall eine freudestrahlende Begrüßung, weil die Ehefrau oder Braut, des langen Alleinseins müde, inzwischen neu verpartnert war.
Angst und Entbehrung fanden in gieriger Vergnügungssucht ihr Antidot. In Köln fand Anfang 1946 wieder ein Rosenmontagsumzug statt. Arm in Arm zogen die Karnevalisten durch die Ruinenlandschaft der rheinischen Metropole, die vor dem Kriegs 770 000 Einwohner gezählt hatte und in der jetzt nur von 40 000 Menschen lebten. Im ganzen Land wurde der Ausbruch einer veritablen Tanzwut registriert. Getanzt wurde in Bunkern und Hinterhöfen. Wer wie der Berliner Kunstsammler Max Leon Flemming Wert darauf legte, als Mann von Esprit zu glänzen, lud zu einem „Tanz über den Ruinen“ ein.
Noch war das Leben fernab von normal, aber man arrangierte sich. Die Politik? Von der hatte man genug, und teilhaben durfte man sowieso nicht. Wer wollte, konnte sich jedoch informieren. In Lizenz der Besatzungsbehörden kamen die ersten Zeitungsblätter heraus. Im Februar 1946 erschien in Hamburg die erste Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. In den Nachrichten konnte man die neuen Töne verfolgen, die sich in das Konzert der Siegermächte mischten. Im März hielt der britische Kriegspremier Winston Churchill in Fulton/Missouri eine Aufsehen erregende Rede, in der er feststellte, von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria sei ein „Eiserner Vorhang“ niedergegangen. Das Knirschen zwischen den Alliierten war unüberhörbar.
Waren die Deutschen damit aus dem Schneider? Viele, die es sich im „Dritten Reich“ zu ihrer Schande hatten gut gehen lassen, hätten das nur zu gern gesehen. Aber sie sollten sich täuschen. In Nürnberg sprach das Militärgericht im Oktober das Urteil über die nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher. 12 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. In den Niederlanden erschien das „Tagebuch der Anne Frank“, die das Schicksal eines jüdischen Mädchens dokumentierte, in holländischer Sprache. Die erste deutsche Ausgabe folgte vier Jahre später.
Ganz allmählich kam das Wirtschaftsleben wieder in Gang. Die Flüchtlinge hatten daran großen Anteil. Weil sie alles verloren hatten, waren sie enorm leistungsorientiert und eher zu Innovationen bereit als die Einheimischen. Mitte des Jahres öffneten die Amerikaner ihr CARE-Programm, das den notleidenden Europäern unter die Arme greifen sollte, auch für Deutschland. Von nun an gingen zehntausende von CARE-Paketen mit dem Standardinhalt Rindfleisch in Kraftbrühe, Corned-Beef, Zucker, Margarine, Kaffee und Schokolade an westdeutsche Haushalte. Das CARE-Paket wurde zum Inbegriff des neuen (west-) deutschen Vertrauens in die großmächtigen Vereinigten Staaten von Amerika. In Hamburg wurde mit der Ausschachtung für die „Grindelhochhäuser“ begonnen, den Prototyp später entstehender Trabantenstädte. Auch das Kulturleben kam langsam wieder in Schwung. 1946 ging Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ mit Hildegard Knef in die Kinos. In Zürich wurde Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ uraufgeführt. Den Literaturnobelpreis erhielt mit Hermann Hesse ein Deutsch-Schweizer – auch dies ein Zeichen der Hoffnung.
Der Abstand zwischen 2026 und 1946 ist groß und das nicht nur nach Jahren. Damals befand sich Deutschland am Tiefpunkt seiner Geschichte und wenig deutete auf einen raschen Aufstieg hin. Heute gehört Deutschland wirtschaftlich zur Spitzengruppe in der Welt und ist politisch angesehen. Zweifellos haben die Heutigen an der Schwelle zum Neuen Jahr eine Menge ungelöster Probleme im Rucksack. Aber verglichen mit den Schuttbergen von 1946 ist das Kleinkram. Die Rückblende zeigt, dass sich die Menschen damals trotzdem nicht unterkriegen ließen. Davon könnte man lernen.
Dr. Günter Müchler ist Journalist, Politik- und Zeitungswissenschaftler, war viele Jahre Korrespondent in Bonn und zum Schluss Programmdirektor beim Deutschlandfunk.



