Clowns mit Horror-Gesichtern und unsäglichem Benehmen haben die Zunft negativ  sind ins Gerede gebracht. Dabei gibt es in den letzten Jahrzehnten eine Bewegung der Clowns, die uns alle berühren sollte.

Patch Adams hat vor 46 Jahren begonnen, mit Clowns im Krankenhaus zu arbeiten. Seither beteiligten sich immer mehr Menschen ddaran, Kindern in Not zu helfen, indem sie ihnen durch Spaß und Heiterkeit Zugang zu einer Kraft ihrer eigenen Seele zu geben. Rantlos hat mit Guillaume Vermette aus Quebec in Kanada gesprochen – einem Clown der Menschlichkeit, und mit Kira Paas, einer Artistin und Zirkuspädagogin aus Köln, die mit Kindern in Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt arbeiten. Ob ob diese Initiative auch in Deutschland umgesetzt werden könnte?

rantlos: „Wann hast du entschieden, Clown zu werden?“

Guillaume: „Das war vor etwa zehn Jahren. Ich war Psychologiestudent und arbeitete mit einer Inuit-Gemeinschaft imimage3 Norden Kanadas. Die vielen Ungerechtigkeiten, unter denen diese Gemeinschaft zu leiden haben, und die Einsamkeit der Kinder haben mich tief berührt. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas tun musste. Und da passierte es einfach: Ich packte ein paar Kostüme ein und begann, als Clown zu improvisieren. Kurz gesagt: Ich ging anschließend an die Clown Comédie Francine Côté in Montreal ließ mich zum Clown ausbilden, um “Clown der Menschlichkeit” (Clown humanitaire) zu werden. Und jetzt ist das mein ganzes Leben.

Rantlos: „Muss man an eine Schule gehen, um sich zum Clown ausbilden zu lassen?

Guillaume: „Nein, es gibt keinen typischen Weg für einen “Clown der Menschlichkeit”. Das ist noch recht neu, wir alle haben unterschiedliche Herkunft und Ausbildungen. Meine Schule hilft mir sehr für die Auftritte, aber die Auftritte sind oft zweitrangig in dieser Arbeit.

Rantlos: „Welcher Moment in diesem Jahr hat dich am meisten berührt?“

Guillaume: „ Das ist schwer zu beantworten.  Oh, ich will etwas vom Mai erzählen im griechischen Idomeni-Flüchtlingslager – ein paar Wochen, bevor es geräumt wurde. Wir waren eine Gruppe Clowns und traten auf, unmittelbar neben einem stillgelegten Bahngleis. Etwa 200 Kinder waren da, denke ich. Alles lief sehr gut. Alle hatten Riesenspaß. Plötzlich hörten wir zwei Gewehrschüsse oder etwas, das so klang. Ich weiß immer noch nicht, was es war. Jedenfalls schien die Zeit stehenzubleiben. Die Show, die Kinder, die Clowns – alle hielten für einige Sekunden den Atem an. Dann kam ein Kind angelaufen und schrie mir zu: Run Mister (Lauf weg, Mann)! Sofort sagte einer von uns “Chaplin“. Das ist unser Notfallcodewort und bedeutet: Pack alles, was du hast, frag nichts, flieh! Also hauten wir ab. Zehn Clowns packten ihre Koffer, Musikanlage, Zauber und Zircus in fliegender Eile. Wir sprangen über Züge und Wagen, einige krabbelten durch den Dreck unter den Anhängern. Die Spannung war riesig. Kurz bevor ich über den Hänger sprang, blickte ich zurück. Plötzlich war der Platz voller zorniger Männer mit Waffen, mit Metallrohren und Messern. Als wir in Sicherheit waren, merkten wir, dass uns die meisten Kinder gefolgt waren und wollten, dass die Show weitergeht, als wäre nichts passiert. Wir waren noch im Schock – wir Clowns, aber die Kinder waren noch im Zauberland des Zirkus. So purzelten wir uns zusammen und hatten den Auftritt unseres Lebens. Die Kinder lachten, während die Erwachsenen in Hörweite miteinander kämpften. Es war schrecklich, und doch zugleich auch schön. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Rantlos:„Gibt es Menschen, die ihre Arbeit In Frage stellen?”

image4Guillaume: „ Kaum.  Also im Ernst, wer sollte einen Clown der Menschlichkeit auch anfeinden? Das müsste schon eine sehr unglückliche Person sein oder ein herzloser Mensch. Selbst Menschen mit völlig anderen politischen Überzeugungen finden es grundsätzlich gut, was ich tue. Kinder befinden sich sowieso jenseits von Politik, Religion und Wirtschaftlichkeit. An der französischen Kanalküste der Nähe von Calais gab es aber kritische bis wütende Menschen – Franzosen. Sie wussten überhaupt nicht, wie die Flüchtlinge leben und wie ihr Leben wirklich aussieht. Sie wollten sie nur aus ihrer Stadt weg haben.

Rantlos:„Was hast du in Zukunft vor?“

Guillaume: „ Ich arbeite im November in Waisenhäusern in Russland gemeinsam mit Patch Adams. Im Dezember werde ich im afrikanischen Burkina Faso sein. Im Januar und Februar trete ich in burmesischen Flüchtlingslagern in Thailand auf, und von März bis Mai arbeite ich mit benachteiligten Kindern in Kanada. Dann komme ich zurück zu europäischen Flüchtlingslagern.

Rantlos: „Das klingt großartig! Wie kann man deiner Arbeit unterstützen?“

Guillaume: “Ich habe eine Facebook Seite: Guillaume Vermette – clown humanitaire. Ich brauche weniger als 10.000 kanadische Dollars im Jahr um zu tun, was ich tue. Das entspricht etwa 7000 €.”

Rantlos:„ Kira, du hat bereits mit Guillaume gearbeitet. Bist du auch Clown?

Kira: „Ich bin hauptsächlich Artistin und Zirkuspädagogin, mit Spezialisierung auf Partner- und Luftakrobatik. Ich hatte mich schon immer gerne bewegt und den Traum, im Zirkus aufzutreten. Ich finde den Zirkus als Medium für die Arbeit mit Kindern so toll, weil er sehr vielfältig ist. Jedes Kind findet hier seine Lieblingsdisziplin. Außerdem können neben technischen und motorischen Fertigkeiten viele soziale und emotionale Dinge gelernt. Das gilt auch und nicht zuletzt für die Stärkung des Selbstbewusstseins. Gerade für benachteiligte Kinderimage11 kann es sehr wertvoll sein, an sich an einem Zirkusprojekt zu beteiligen.

Rantlos: „Was möchtest du erreichen?”

Kira: „ Ich wünsche mir in erster Linie, dass die Arbeit mit den Kindern und dem Medium Clownerie/Zirkus noch mehr Anklang in der Gesellschaft findet und auch noch mehr in die Arbeit mit bedürftigen Menschen – egal ob Kinder oder Erwachsene – einbezogen wird, auch im Ausland! Oft ist ja die Finanzierung das Problem. Das Projekt in Thailand wird komplett von Spenden finanziert. Jeder Teilnehmer muss für Flug, Visa etc. selber aufkommen… Das ist natürlich nicht so einfach, da die meisten Clowns, Artisten, Zirkuspädagogen selbstständig sind und es ohnehin oft schon schwer haben, ihr eigenes Leben zu finanzieren! Es wäre toll, wenn Projekte wie z.B. Sparkcircus eine bessere Lobby in der Gesellschaft hätten.

Rantlos:„Wie kamt ihr an die Schulen heran, und wie haben die Kleinen auf euch reagiert?”

Kira: „Das Projekt läuft schon seit geraumer Zeit. Gegründet wurde es von einer Kanadierin namens Andrea Russel. Sie hat jahrelange Kontakte zu Schulen und Hilfsorganisationen an der thailändisch-burmesischen Grenze gesammelt, davon profitieren wir nun. Die Kinder in Thailand mit denen wir gearbeitet haben, waren sehr dankbar. Sie sind Nachkommen von Flüchtlingen aus Burma, die damals vor dem Bürgerkrieg geflüchtet waren. Die meisten Flüchtlinge, die in Thailand leben sind statuslos, d.h. sie besitzen keinen Pass oder sonstigen Ausweis. Sie können somit auch nicht verreisen, Berufe lernen, Ausbildungen machen, sind nicht versichert usw… ein sehr schwieriges und aussichtsloses Leben. Die Kinder mit denen wir gearbeitet haben, sollen durch die Zirkusprojekte, zumindest für ein paar Stunden, aus ihrem Alltag fliehen. Durch die zirkuspädagogische Arbeit versuchen wir, die Kinder wenigstens zum Lächeln zu bringen und durch Workshops sollen sie neue Beschäftigungen kennenlernen und Selbstbewusstsein erlangen.”

image6Rantlos: „Wäre so ein Projekt auch in Deutschland denkbar und sinnvoll?”

Kira:„ auf jeden Fall wäre es auch in Deutschland denkbar. Es gibt ja auch schon einige Projekte, die mit dem Thema Clownerie/Zirkus (zum Beispiel die Aktivitäten des Arztes und Entertainers Eckart von Hirschhausen, d. Red.) und Flüchtlingen arbeiten. Ich denke, das Medium Zirkus hat den Vorteil gegenüber anderen Projekten hat, dass es praktisch keine Sprachbarriere gibt.Viele Zirkus-Tricks können ohne Sprache gezeigt und dann von den Teilnehmern einfach nachgemacht werden.”

rantlos: Vielen Dank euch Beiden! Tatsächlich gibt es schon zahlreiche Initiativen in Deutschland mit Clowns, die in Flüchtlingsunterkünfte zu gehen. Es wäre wünschen, dass sie auch in Schulen mithelfen, interkulturelle Kommunikation zu ermöglichen und Selbstbewusstsein zu vermitteln.

Für rantlos sprach Birgit Steffani mit den Künstlern

Wenn Sie eines dieser erwähnten Projekte weiter interessiert, folgen Sie doch diesen Links:

https://www.facebook.com/ClownHumanitaire/

http://sparkcircus.org/

http://galli-erfurt.de/galli-theater-cafe/

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