Sonnen im Sieger-Glanz
von Dieter Weirich

Der Curacao-Cocktail, optisch ein Hingucker, auch für verwöhnte Zungen ein Gedicht, schmeckte zum Auftakt der Fußball-WM schon einmal prächtig. Die erste Runde hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen den Zwerg aus der Karibik mit einem Kantersieg überstanden. Noch bis zum 19.Juli währen die Titelkämpfe in USA, Kanada und Mexiko, am Samstag wartet ein härterer Brocken, die Elfenbeinküste.
In einem von der schrillen Begleitmusik von Kriegen, Repressionen und Einreisestopps begleiteten Championats hält sich der DFB nach den unguten Erfahrungen der letzten WM in Katar „politisch extrem“ zurück, FIFA-Präsident Gianni Infantino wird nicht müde, den friedlichen und zugleich unpolitischen Charakter der Spiele zu betonen, obwohl keine WM so politisiert wie diese war.
Der im Stile eines Sonnenkönigs regierende Chef der internationalen Fußballorganisation hat sich mit der peinlichen Verleihung des Friedenspreises an US-Präsident Donald Trump selbst in ein trübes politisches Fahrwasser begeben, seine Politik der hemmungslosen Kommerzialisierung des Großevents stößt viele Anhänger weltweit ab, müsste eigentlich schon aus Gründen der Selbstachtung vom DFB kritischer begleitet werden.
Fußball kann starke politische Wirkungen entfalten, ist für Narrative von Aufschwung und Abstieg gut. Mit ihrem sensationellen Sieg bei der Fußball-WM 1954, dem „Wunder von Bern“, brachte unser Nationalteam das geächtete Deutschland ein Stück auf die Weltbühne zurück, die Weltmeisterschaft 1990 unterstrich deutsche Stärke nach der Wiedervereinigung, Ex-Kanzlerin Merkel hatte die richtige Nase mit ihrer Brasilien-Reise 2014 zum künftigen Weltchampion, das sogenannte „Sommermärchen“, die perfekte Ausrichtung der WM 2006 , schuf ein neues deutsches Image von Lockerheit und Heiterkeit. Die Kabinenbesuche von Helmut Kohl mit Glückwünschen oder Trost für seinen Freund Berti Vogts, die Gratulation von Kanzlerin Merkel für den halbnackten Özil gingen um die Welt.
Politiker sonnen sich gerne im Glanz von Siegen. Erreicht die deutsche Elf das Viertelfinale, werden „late minute-tickets“ gebucht. Der Kanzler allerdings hat sich nur das Finale vorgemerkt. Kapitän Kimmich hat er schon mal telefonisch angespornt.



