Politik: Das System frisst seine Kinder

Der Druck im russischen Machtapparat steigt, erste Risse werden sichtbar. Wie lange kann das noch funktionieren?

Die Methoden erinnern zunehmend an stalinistische Repression. Auch Loyalität und Beziehungen bieten keinen verlässlichen Schutz mehr.

Der folgende Satz wird mal dem Politbüromitglied Nikolai Bucharin, mal dem NKWD-Chef Nikolai Jeschow zugeschrieben: „Genosse Stalin, esmuss sich um einen schrecklichen Irrtum handeln!“ Beide wurden Opfer der stalinistischen Repressionen und zum Tode verurteilt. Die Worte stehen in Russland sinnbildlich für die verzweifelte Hoffnung vieler Verfolgter: Man müsse dem Führer nur die eigene Treue versichern, und schon halte die Repressionsmaschine an.

Ganz ähnlich klang es vor Kurzem wieder. Der kremlnahe Politologe und frühere Duma-Abgeordnete Sergej Markow protestierte in seinem Telegram-Kanal gegen seine Einstufung als „ausländischer Agent“. Seit 25 Jahren unterstützt er die Politik Wladimir Putins und steht sogar unter kanadischen Sanktionen. Markow, Dauergast in Propaganda-Talkshows und einst offizieller Vertrauensmann Putins im Wahlkampf 2012, erklärte, man habe ihn schlicht verleumdet. Die Wortwahl erinnert verblüffend an verzweifelte Hilferufe von stalinistischen Repressionsopfern. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Noch vor kurzem forderte Markow, man müsse „ausländische Agenten“ härter anfassen und von allen Informationsressourcen abschneiden. Nun steht er selbst unter der Nummer 1053 auf genau dieser Liste.

Das Regime zieht keine verlässliche weltanschauliche Grenze. Über Nacht kann man vom Verbündeten zum Verdächtigen werden.

Oppositionelle stehen in Russland seit Jahren unter Druck, werden strafrechtlich verfolgt oder ins Exil gedrängt. Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine sind jedoch auch erklärte Kriegsbefürworter und Z-Patrioten verstärkt von repressiven Maßnahmen betroffen. Solange die Repression die „ideologischen Gegner“ traf, klatschten viele von ihnen Beifall oder sahen zumindest ruhig zu, im Glauben, selbst auf der „richtigen“ Seite zu sein. Genau darin lag ihr Denkfehler: Das Regime zieht keine verlässliche weltanschauliche Grenze. Über Nacht kann man vom Verbündeten zum Verdächtigen werden. Die liberalen Gegner des Systems sind weitgehend ausgeschaltet. Und jetzt richtet sich Saurons Blick auf die eigenen Reihen. Weder Amt noch Rang, weder alte Seilschaften noch Netzwerke garantieren Sicherheit.

Seit Anfang des vergangenen Jahres rollt eine regelrechte Welle spektakulärer Verhaftungen und Entlassungen unter hochrangigen Beamten und Großunternehmern, die als loyal galten. Im vierten Kriegsjahr wirkt diese Entwicklung wie ein struktureller Umbau unter Hochdruck. Nach Recherchen der unabhängigen Zeitung Nowaja Gazeta wurden allein bis Oktober 2025 über 155 Spitzenfunktionäre festgenommen – darunter Senatoren, Duma-Abgeordnete, Regionalparlamentarier, Minister, Gouverneure und ihre Stellvertreter sowie Vertreter des Verteidigungsressorts. Auch Richter, Sicherheitsfunktionäre und Kulturschaffende geraten ins Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen.

Mehrere Todesfälle und mutmaßliche Suizide unter ranghohen Regionalbeamten geben dieser Entwicklung eine besonders düstere Note. Den wohl größten Schock für die Machteliten löste im Juli 2025 der Suizid des Verkehrsministers und ehemaligen Gouverneurs der Region Kursk, Roman Starowoit, aus. Berichten zufolge stand sein Tod im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Bestechung sowie mit Gerüchten über seine bevorstehende Entlassung.

Auch vor Justiz und Sicherheitsapparat macht die Repressionswelle nicht Halt. Regionale Führungskräfte von Sicherheitsbehörden werden verhaftet, leitende Ermittler angeklagt. Bereits in diesem Jahr wurden sechs hochrangige Mitarbeiter des Moskauer Ermittlungskomitees in einem Korruptionsverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Fall ist besonders aufschlussreich: Einer der Verurteilten, Sergej Romodanowski, muss für 19 Jahre ins Gefängnis. Er ist der Sohn des früheren Leiters des Föderalen Migrationsdienstes, Generaloberst Konstantin Romodanowski, eines der prägenden Sicherheitsfunktionäre der späten Putin-Ära. Romodanowski senior starb im Herbst 2024; die Umstände seines Todes wurden nicht öffentlich gemacht. Dass sein Tod in die Zeit des aufsehenerregenden Strafverfahrens gegen den Sohn fällt, wird vielfach als symbolischer Schlusspunkt einer ganzen Epoche und zugleich als Warnsignal für die Eliten gelesen: Selbst größte Nähe zur Macht schützt die eigene Familie nicht mehr.

Auf den ersten Blick könnte man diese Entwicklung als überfällige Antikorruptionsoffensive begrüßen. Wer jedoch Tempo, Größenordnung und regionale Streuung der Verfahren genauer betrachtet, erkennt schnell ein anderes Muster: Unter den Bedingungen eines lange andauernden Krieges wird die politische Zuverlässigkeit der gesamten Machtvertikale neu vermessen und strenger kontrolliert. Die Botschaft an Funktionäre und Spitzenmanager ist unmissverständlich: Niemand ist unantastbar, der Repressionsapparat bleibt jederzeit einsatzbereit.

Noch 2022 schien der Kreml den wirtschaftlichen und administrativen Eliten einen stillschweigenden Deal angeboten zu haben: Der Westen verhängt zwar Sanktionen, im Gegenzug eröffnen sich im Inland neue Chancen. Wer loyal bleibt, kann weiterhin gut verdienen, aufsteigen und an Einfluss gewinnen. Doch diese Spielregeln haben sich offenkundig geändert. Je länger der Krieg dauert, desto größer wird der Druck auf den staatlichen Leitungsapparat – ohne klare Sicherheitsgarantien. Der Soziologe Viktor Vakhstayn beschreibt die Stimmung in den oberen Machtetagen mit dem Bild eines U-Boots: Alle sitzen darin, niemand kann aussteigen. An die Stelle formaler Verfahren ist faktisch ein System situativer Einzelentscheidungen getreten. Politische Zurückhaltung und selbst demonstrative Loyalität garantieren keinen Schutz. Wer keinen einflussreichen Fürsprecher hat, bleibt verwundbar. Ein dichtes Netz persönlicher Beziehungen zählt mehr als ideologische Nähe, wobei auch das keine Garantie mehr bietet.

Müdigkeit und Nervosität prägen sowohl die Gesellschaft als auch die Eliten.

Der kremlnahe Polittechnologe Jewgeni Mintschenko spricht offen von massiver Verunsicherung bis hin zu panikartigen Reaktionen unter der Elite. Es gebe keine klaren Regeln mehr, die Verfolgung oder Enteignung zuverlässig verhindern könnten. Die entscheidende Frage laute inzwischen: „Was muss man tun, um nicht verhaftet zu werden und sein Eigentum zu behalten?“ Mintschenko beobachtet: Müdigkeit und Nervosität prägen sowohl die Gesellschaft als auch die Eliten. Auffällig ist, dass sich die Risikozone über die Politik hinaus ausdehnt. Auch prominente Persönlichkeiten aus dem Unterhaltungsbereich geraten unter Druck, selbst wenn sie politische Aussagen konsequent vermeiden. In diesem Monat wurde Nurlan Saburow, einer der bekanntesten Stand-up-Comedians des Landes mit kasachischer Staatsangehörigkeit, der jahrelang in Moskau lebte und sich betont unpolitisch gab, für 50 Jahre die Einreise nach Russland verboten – offiziell aus „Gründen der nationalen Sicherheit und des Schutzes traditioneller Werte“. Ein anderer Komiker bekam nach einer missglückten Bühnenpointe eine mehrjährige Haftstrafe. Diese Episoden machen deutlich: Bereits öffentliche Sichtbarkeit wird zum Risiko. Wer prominent ist, gilt als schwer kontrollierbar und folglich als gefährlich.

Unweigerlich stellt sich die Frage, wer von dieser Repressionswelle eigentlich profitiert. Formal gehen die meisten Verfahren von Ermittlungs- und Aufsichtsbehörden aus. Die Politologin Jekaterina Schulman brachte das Prinzip einmal auf die knappe Formel: „Es ist immer der Genosse Major.“ Doch auch innerhalb des Sicherheitsapparats gibt es keine belastbaren Schutzräume mehr. Die Verfahren gegen führende Vertreter des Verteidigungsministeriums im Sommer 2024 machten dies deutlich. Erfasst wurden ranghohe Offiziere aus dem engsten Kreis von Sergej Schoigu, der sein Ministeramt kurz zuvor abgegeben hatte. Schoigu gilt seit Jahren als enger Vertrauter Wladimir Putins. Doch selbst diese Nähe reichte nicht aus, um seine langjährigen Mitstreiter vor strafrechtlicher Verfolgung zu bewahren.

Der Repressionsmechanismus schafft keine dauerhaften Gewinner, sondern ein Klima allgemeiner Unsicherheit. Das System stabilisiert sich über fortlaufende Abschreckung. Doch genau darin liegt sein Paradox: Eine Macht, die sich jahrzehntelang Loyalität durch privilegierten Zugang zu Ressourcen gesichert hat, wird nun selbst zur Gefahrenquelle für ihre treuesten Diener. Der Prozess innerer Aushöhlung ist im Gange: Kontrolle wird vor allem über die permanente Bedrohung der eigenen Funktionsträger aufrechterhalten. Von einem bevorstehenden Zusammenbruch kann dennoch keine Rede sein, denn das Regime verfügt weiterhin über erhebliche Ressourcen und bleibt auf absehbare Zeit handlungsfähig. Doch die ersten Risse sind sichtbar. Das System frisst seine Kinder – und wird damit strukturell verwundbar.

Daria Boll-Palievskaya ist freie Journalistin und Autorin. Sie ist Redakteurin der unabhängigen Online-Zeitung russland.NEWS und schreibt u.a. für Zeit Online und den MDR. 

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