von Birgit Steffani

Interview mit Kamal Ahmad – Imam der neu erbauten Moschee in Erfurt-Marbach

Rantlos: Guten Tag, Kamal Ahmad. Sie sind Imam und sind der erste Imam der neu erbauten Moschee in Erfurt-Marbach. Erzählen Sie uns doch bitte, wie Ihr Lebensweg Sie bis hierher geführt hat.

Kamal Ahmad:

Kamal Ahmad und seine Ehefrau Moona Sahr Sheikh ©privat

Nach meinem Abitur im Jahr 2008 habe ich eine siebenjährige Imamausbildung absolviert. Danach war ich in verschiedenen Funktionen innerhalb der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, die sich als Reformbewegung innerhalb des Islam versteht, als Imam tätig. Über Stationen in Dresden und Frankfurt führte mich mein Weg schließlich nach Erfurt.

Geboren bin ich allerdings nicht in Deutschland. Die ersten neun Jahre meines Lebens habe ich in Pakistan verbracht. In dieser Zeit ist eine tiefe Bindung zu dem Land, seiner Sprache und seiner Kultur entstanden, die mich bis heute begleitet. Interessanterweise habe ich diese Verbundenheit nie als Hindernis empfunden, Deutschland ebenfalls als meine Heimat anzunehmen. Im Gegenteil: Ich glaube, dass gerade diese unterschiedlichen Erfahrungen mein Leben bereichert haben.

Schon als Kind habe ich gespürt, dass Unterschiede in den verschiedensten Bereichen des Lebens einen besonderen Reiz haben können. Wo zunächst Gegensätze sichtbar werden, entsteht für mich die Möglichkeit, Brücken des Verständnisses zu bauen und Menschen miteinander zu verbinden. Durch diese Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen, Sichtweisen und Lebenswelten habe ich mich selbst immer wieder als bereichert erlebt.

Rantlos: Was ist für Sie der Kern Ihres muslimischen Glaubens?

Kamal Ahmad:

Meiner Erkenntnis nach liegt ein wesentlicher Kern des islamischen Glaubens darin, dass der Mensch einen beständigen Jihad mit seinem eigenen Ego führt. Mit Jihad meine ich hier zunächst den inneren Kampf des Menschen mit seinen eigenen Schwächen, ungeordneten Trieben und egoistischen Motiven. Durch die Erziehung seines Charakters versucht er, seine Denkmuster, seine Beweggründe, seine Gefühle und schließlich seine Handlungen an einem höheren Maßstab auszurichten.

Dieser Maßstab ist für mich vor allem die Barmherzigkeit. Es inspiriert mich außerordentlich, dass Allah sich in der islamischen Lehre durch zahlreiche Attribute vorstellt und zugleich seine Barmherzigkeit als etwas beschreibt, das alle Dinge umfasst. Alles, was einen Gläubigen auszeichnet, sollte deshalb zunehmend zu einer Manifestation dieser Barmherzigkeit werden.

In derselben Kohärenz wird der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, im Qur’an als „Rahmatan lil-ʿālamīn“, als Barmherzigkeit für alle Welten, bezeichnet. In seinem menschlichen Vorbild soll also genau dieser göttliche Wesenszug sichtbar werden. Darin sehe ich eine grundlegende Richtschnur muslimischen Lebens. Ein solcher Glaubensbegriff steht für mich in fundamentalem Gegensatz zu jeder extremistischen oder gewaltsamen Instrumentalisierung des Islam.

Auch jede Lesart des Qur’an und der Biografie des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, muss sich für mich an diesem Leitsatz messen lassen.

Daraus ergibt sich zugleich ein bestimmtes Menschenbild. Der Islam betrachtet den Menschen zunächst durchaus als ein Wesen mit Trieben, Bedürfnissen und Schwächen. Diese natürlichen Anlagen sollen jedoch nicht einfach unterdrückt werden. Der Mensch besitzt Vernunft und die Fähigkeit, seine Bedürfnisse zu erziehen und sie auf eine höhere moralische Ebene zu führen.

Durch diesen beständigen Kampf mit sich selbst, durch die Bereitschaft, eigene Fehler anzuerkennen, Reue zu empfinden und sich weiterzuentwickeln, können aus unseren natürlichen Anlagen schließlich Tugenden entstehen. Das Ziel dieses Weges ist für mich jene „beruhigte Seele“, von der der Qur’an spricht: ein Mensch, der selbst Frieden erfährt, Frieden an seine Umwelt weitergibt und schließlich auf Frieden mit seinem Schöpfer hoffen darf – in diesem Leben und darüber hinaus.

Iman Kamal Ahmad informiert die zukünftigen Religionslehrkräfte über den Islam ©privat

Rantlos: Lehrer und Erzieher begegnen muslimischen Kindern oft etwas unbeholfen und brauchen Unterstützung. Welchen Rat würden Sie ihnen geben, um das Zusammenleben in Gruppe und Klasse möglichst fruchtbringend zu gestalten?

Kamal Ahmad:

Auf muslimischer Seite wird die von Ihnen angesprochene Unbeholfenheit leider nicht selten sehr schnell als Ignoranz gegenüber der muslimischen Identität der Kinder interpretiert. Dabei gibt es meines Erachtens zunächst sehr viel gemeinsame Fläche, auf der sich mögliche Klüfte relativ leicht überwinden lassen.

Ich kann dabei auch aus meiner eigenen Schulbiografie sprechen. Von der Grundschule bis zum Abitur habe ich neun verschiedene Schulen in vier Bundesländern besucht – von der Hauptschule über verschiedene Gesamtschulen und Gymnasien bis hin zum Oberstufengymnasium. Bei den vielen Lehrerinnen und Lehrern, denen ich in dieser Zeit begegnet bin, hatte ich nahezu immer das Gefühl, auf aufrichtig engagierte, unterstützende und rücksichtsvolle Pädagogen zu treffen. Das ist mir in solchen Diskussionen wichtig zu erwähnen. Sonst entsteht schnell der unberechtigte Eindruck, die deutsche Lehrerschaft müsse sich grundsätzlich neu erfinden, um muslimischen Kindern gerecht zu werden.

Wo tatsächlich Wissenslücken bestehen, wäre es jedoch von großem Mehrwert, stärker auf muslimische Fachleute, Pädagogen, Theologen und andere kompetente Ansprechpartner zurückzugreifen, von denen es mittlerweile viele in Deutschland gibt. Ein gewisses Verständnis islamischer Werte und Lebenswelten kann helfen, bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen und pädagogisch angemessener darauf zu reagieren.

Ich gehe sogar noch weiter: Die Kenntnis religiöser Werte kann Lehrkräften helfen, muslimische Kinder besser zu erreichen. Gerade dort, wo es Schwierigkeiten gibt, können Pädagogen durchaus darauf hinweisen, dass Respekt, Verantwortungsbewusstsein, Bildung und ein friedlicher Umgang miteinander auch aus islamischer Sicht hohe Werte darstellen.

Denn selbstverständlich gibt es auch muslimische Schülerinnen und Schüler, die ihre religiöse Identität missverstehen und sie in Form einer Dominanz- oder Abwehrhaltung einsetzen. Hier darf man nicht aus Angst, als diskriminierend wahrgenommen zu werden, vor Fehlverhalten zurückschrecken. Religiöse Identität verdient Respekt – Fehlverhalten hingegen muss wie bei jedem anderen Kind klar angesprochen werden.

Gleichzeitig darf diese Identität aber auch sichtbar sein und Wertschätzung erfahren. Man kann sich mit muslimischen Kindern über ihre Feiertage freuen, Interesse zeigen oder ihnen das Gefühl geben, dass ein wichtiger Teil ihres Lebens im schulischen Raum nicht als etwas Fremdes betrachtet wird. Gerade solche kleinen Zeichen können sehr viel Vertrauen schaffen.

Ein Beispiel dafür ist die immer wieder geführte Debatte über das Fasten im Ramadan. Das Fasten wird religiös grundsätzlich erst mit der religiösen Mündigkeit verpflichtend. Kinder werden in manchen Familien vorher schrittweise daran herangeführt. Wenn eine Lehrkraft jedoch bemerkt, dass ein Kind körperlich überfordert ist, dem Unterricht kaum noch folgen kann oder aus der religiösen Praxis sogar sozialer Druck gegenüber anderen entsteht, muss sie handeln dürfen. Als Imam würde ich Pädagogen darin ausdrücklich unterstützen.

Viel besser ist es allerdings, solche Fragen nicht erst im Konfliktfall zu behandeln. Schulen, Eltern und religiöse Ansprechpartner können beispielsweise vor dem Ramadan gemeinsam klären, was für die Kinder sinnvoll ist und welche Verantwortung alle Beteiligten tragen.

Dabei haben auch muslimische Familien und ihre Gemeinden eine klare Aufgabe. Moscheen und Verbände sollten Eltern immer wieder vermitteln, welchen Wert Bildung im Islam besitzt und welche großen Möglichkeiten das deutsche Bildungssystem ihren Kindern eröffnet. Integration kann nur funktionieren, wenn nicht nur Erwartungen an die Schule gestellt werden, sondern auch Familien bereit sind, Verantwortung für das gemeinsame Gelingen zu übernehmen.

Rantlos: Extremistische Anschläge und die Radikalisierung von Muslimen erschrecken die Zivilbevölkerung in Europa. Ihre Gemeinde ist 700 Kilometer für den Frieden geradelt. Hat das eine Auswirkung gehabt? Was können wir für ein friedliches Miteinander in Europa noch tun?

Kamal Ahmad:

Jedes extremistische Verbrechen, das von einem Menschen im Namen des Islam begangen wird, kann einem aufrichtig gläubigen Muslim nur die Brust zerreißen und das Herz zum Weinen bringen. Der Qur’an greift den universalen Grundsatz auf, dass die Tötung eines unschuldigen Menschen einer Tat gegen die gesamte Menschheit gleichkommt. Wer also im Namen dieser Religion unschuldigen Menschen Leid zufügt, stellt sich nach meinem Verständnis gegen einen elementaren Grundsatz des Glaubens, auf den er sich zu berufen behauptet.

Ich möchte dabei überhaupt nicht leugnen, dass sich Teile der islamischen Welt in einer tiefen Krise befinden. Es gibt religiöse Stimmen und sogenannte Gelehrte, die Menschen fehlleiten und ihnen Gewalt im Namen jener Religion ermöglichen oder sogar schmackhaft machen, deren Name selbst mit Frieden verbunden ist. Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, hat nach unserem Verständnis sehr entschieden vor religiösen Führern gewarnt, die den Glauben missbrauchen und ihre Anhänger dadurch ins Verderben führen. Auch aus der islamischen Tradition heraus gibt es deshalb keinen Grund, solche Entwicklungen zu beschönigen.

Gleichzeitig hat der Prophet seine Gemeinschaft nicht hoffnungslos zurückgelassen. Er kündigte für spätere Zeiten das Erscheinen des Messias an. Die Männer, die mehrere hundert Kilometer mit dem Fahrrad für den Frieden gefahren sind und schließlich auch unsere neu erbaute Moschee in Erfurt besucht haben, gehören der Ahmadiyya Muslim Jamaat an und verstehen sich als Anhänger dieses verheißenen Messias.

Für uns besteht ein wesentlicher Teil seiner religiösen Erneuerung darin, den Islam von politischer Instrumentalisierung und religiös begründeter Gewalt zu befreien und den eigentlichen Kampf des Gläubigen wieder auf die Reform des eigenen Menschen zu richten. Das für mich Bemerkenswerte daran ist: Dafür muss die Botschaft des Qur’an nicht verändert werden. Vielmehr sind wir überzeugt, dass eine in sich kohärente und am Grundprinzip der Barmherzigkeit orientierte Lesart gerade zu diesem friedlichen Verständnis führt.

Das ist zunächst die theologische Seite. Die praktischen Ursachen von Radikalisierung sind selbstverständlich vielschichtiger. Konflikte in verschiedenen Teilen der islamischen Welt besitzen politische, soziale und geopolitische Hintergründe. Religion kann dabei von unterschiedlichsten Akteuren als mächtige Sprache der Mobilisierung missbraucht werden. Das entbindet Muslime jedoch niemals von ihrer eigenen Verantwortung, extremistischen Deutungen innerhalb ihrer Gemeinschaften entschieden entgegenzutreten.

Die Friedensradtour ist eines von vielen Zeichen, mit denen Muslime öffentlich Flagge für Frieden und gegen Hass zeigen können. Eine einzelne Fahrradtour wird die Welt natürlich nicht verändern. Aber solche Aktionen schaffen Begegnung, machen eine Haltung sichtbar und können Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.

Für ein friedliches Europa sehe ich Verantwortung auf mehreren Seiten. Der demokratische Staat muss religiös motivierter Gewalt entschieden entgegentreten. Ebenso entschieden muss er aber auch dort handeln, wo aus verständlicher Sorge vor Extremismus ein pauschaler oder reaktionärer Hass auf Muslime entsteht.

Auch Medien tragen eine große Verantwortung. Probleme dürfen und müssen benannt werden. Gleichzeitig sollten wir stärker über diejenigen Menschen, Initiativen und Lösungsansätze sprechen, die tagtäglich für ein friedliches Zusammenleben arbeiten. Die Kenntnis des Guten befähigt eine Gesellschaft meines Erachtens auch dazu, das Böse klarer zu erkennen.

Und schließlich dürfen wir als Zivilgesellschaft unsere eigene Verantwortung nicht kleinreden. Unsere Moscheen müssen offen und transparent sein. Menschen müssen fragen, nachhaken und auch kritisch sein dürfen. Auf muslimischer Seite müssen wir bereit sein, uns diesen Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite braucht es die Bereitschaft, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu sprechen.

Am Ende entsteht Frieden für mich dort, wo aus Distanz Begegnung und aus Begegnung Vertrauen wird.

Rantlos: Haben Sie noch einen Wunsch an die Leser von Rantlos?

Kamal Ahmad:

Ich hätte zum Abschluss eine demütige Bitte: Meines Erachtens müssen wir den Dialog noch entschiedener fördern. Gleichzeitig sollten wir uns als Menschen bewusst bleiben, dass Worte allein immer begrenzt sein werden.

Wir durchleben unruhige Zeiten. Gerade dann wird es schwieriger, das Urvertrauen in jene Werte zu bewahren, die unsere Gesellschaft über lange Zeit mühsam errungen hat. Wo Unsicherheit wächst, wächst leider auch die Sehnsucht nach einfachen Antworten.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber nachdenken, was uns gesellschaftlich miteinander verbindet, sondern auch wieder stärker über unseren eigenen inneren und spirituellen Wesenskern.

Warum sollten wir nicht – jeder auf seine Weise – auch die Verbindung zu unserem Schöpfer suchen, ihn anrufen und um Hilfe bitten? Für mich widerspricht das weder Vernunft noch gesellschaftlicher Verantwortung. Im Gegenteil: Eine Spiritualität, die den Menschen demütiger, barmherziger und verantwortungsbewusster macht, kann eine große Kraft für unser gemeinsames Zusammenleben sein.

Rantlos: Vielen Dank für das Gespräch und für Ihre Zukunft alles Gute.