Müchlers Standpunkt: Zweideutigkeiten des Jugendprotests
von Dr. Günter Müchler

Prognosen haben kurze Beine, und die Beine werden immer kürzer. Noch im September hätte man darauf gewettet, dass der Herbst nur ein einziges Thema haben würde: die Gefahr von rechts. Sechs Wochen später ist der Aufwuchs der AfD noch immer ungebremst. Aber alle Welt redet nur noch von den Konvulsionen der Berliner Linken.
Der Registerwechsel sorgt bei denen, die konservativ denken, für einen Seufzer der Erleichterung. Es tröstet die leidende Seele, dass endlich auch einmal die Gefahr von links angetextet wird. Verdorben ist dagegen die Laune auf der gegenüberliegenden Seite des Spektrums. Linksseitig hat man es, abgeschirmt durch die Brandbauer, lange fröhlich getrieben. Damit ist es nun vorbei. Bestürzt blinzelt man in die geöffneten Scheinwerfer, die scheibchenweise Absurdes und Abgründiges aus den linken Quartieren der Hauptstadt freilegen. Wenn die Bewerberin um das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zu Protokoll gibt, dass sie mehr vor dem eigenen roten Anhang zittert als vor blauen Übeltätern, ist das kein Blechschaden. Ein gepflegtes Weltbild droht aus dem Rahmen zu fallen.
Die Versuchung, jetzt den einen Buhmann durch den anderen ersetzen, ist groß. Man sollte ihr nicht nachgeben. Es hat sich ja die AfD nicht dadurch geändert, dass nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. An ihrem Ziel – die CDU zu vernichten – hält sie ebenso fest wie an der Methode. Das „System“ soll schlecht geredet werden, bis es platzt, das heisst, bis man endlich selbst an die Fleischtöpfe der verpönten „Elite“ kommt. Neu und ein Fortschritt ist, dass die bedenkliche Lage der Nation nun in voller Breite wahrgenommen wird. Sie nähert sich Schritt für Schritt einer fatalen Blockbildung, vulgo französischen Verhältnissen. In Frankreich könnten demnächst Rechtsaußen und Linksaußen unter sich ausmachen, wer das Land regiert.
Von Frankreich herüber schwappt auch die flächendeckende Randale, die mit dem Begriff Jugendrevolte nur unzureichend bezeichnet ist. Noch brennt in Deutschland kein Rathaus, doch wurde auf der Frankfurter Zeil schon ordentlich geplündert, und hundert verletzte Polizisten sind kein schlechter Einstieg in Gegebenheiten à la francaise. Was sich am Halloween- Wochenende in Frankfurt und anderen deutschen Großstädten abgespielt hat, weist dieselben Eckwerte auf wie jene Aufwallung, die Frankreich seit Wochen in Atem hält. Auch hierzulande wurde, allen Warnungen zum Trotz, der legitimer Protest gekapert durch eine unheilige Dreieinigkeit aus Berufs-Hooligans, migrantischen Unruhestiftern und linksextremen Brandbeschleunigern.
Doch kaum sind die strapazierten Polizeieinheiten wieder in ihre Quartiere zurückgekehrt, kaum haben die Müllwerker ihre Sonderschichten beendet, da beginnen die Schönfärber ihre Gegenerzählung. Die Randale sei eigentlich nicht von den Randalierern zu verantworten, heißt es, sondern von Politikern und Medien, die die Randale vorhergesagt und dadurch provoziert hätten. Migrantische Tatbeteiligte? Unerhört! Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, vernebelt man das nüchterne Urteil mit Verschwörungstheorien.
Um es zu wiederholen: Der Protest gegen Lehrermangel, Stundenausfall und verschmutzte Schultoiletten ist begründet. Und ja: Man kann die Zukunftsangst einer Generation verstehen, die aufwächst ist in einer Zeit sich ablösender oder überschneidender Krisen: von der Migrationskrise, über die Finanzkrise und die Coronakrise, bis hin zum Krieg in Europa und zum Klimawandel, dessen Auswirkungen besonders die zu fürchten haben, die heute jung sind. Aber Fragen müssen erlaubt sein, Fragen nach den Mitteln des Protests und seiner Zweckgerichtetheit.
Festzustellen ist zunächst: Nicht die Jugend ist am Wochenende auf den Barrikaden gewesen. Selbst wenn am 20.November, dem nächsten Aufmarschtag, deutlich mehr auf die Straße gehen als zuletzt, wird es nur der Zipfel einer Generation sein, ein kleiner Ausschnitt mit deutlicher Mehrheitsbeteiligung von Gymnasiasten und Studenten, Menschen also, die vermutlich nicht oder nur selten aus Bürgergeld-Haushalten kommen.
Letzteres könnte die Erklärung dafür sein, dass den Initiatoren allem Anschein nach an einem breiten sozialen Bündnis wenig gelegen ist. Man nehme nur die aparate Selbstbezeichnung, die sogar für erfahrene Tagesschau-Sprecher ein Zungenbrecher ist. Wer immer sich „Gen Z regelt“ ausgedacht hat, legt eine Abgehobenheit an den Tag, in der die Überheblichkeit der Gender-Sprache nachklingt. Auf einem anderen Blatt steht die Vermischung des Bildungsprotests mit der Ablehnung der Wehrpflicht. Es tut der Sache nicht gut, wenn man einerseits lautstark die Politik für die Zukunft in die Pflicht nimmt, andererseits aber die Hände in den Schoß legt und jede Mitverantwortung dafür, dass eines Tages die Früchte von Bildung und Wohlstand in Sicherheit genossen werden können, von sich zu weist.
Der anschwellende Jugendprotest hat die Politiker auf dem falschen Fuß erwischt. Nicht nur, weil eine Menge anderer Dinge auf der Agenda steht. Politiker sind es gewohnt, sich die Mehrheiten da zu besorgen, wo sie sind. Und die Mehrheit stellen nun einmal die Älteren; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst unaufhaltsam. Die Jungen fallen durch den Rost. Bei der Bundestagswahl 2025 waren 42,6 Prozent der Wahlberechtigten sechzig aufwärts, nur 13 Prozent waren jünger als dreißig. Hinzu kommt, dass die Jungen keine Lobby haben. Frauen haben eine Interessenvertretung, Homosexuelle, homöopathische Mediziner, Biertrinker und Anhänger des Verbrennermotors. Wer ist der Jugend Schutz und Schild? Klaus Hurrelmann und Andrea Römmele, zwei Jugendforscher, kommen zu dem Schluss, dass die etablierten Parteien innerlich vergreisen. Sie „leben zunehmend von ihrer Vergangenheit. Ihre Mitglieder werden älter, Nachwuchs ist schwer zu gewinnen, und bei Menschen unter 30 Jahren finden ihre Angebote kaum noch Resonanz“.
Auch die Fachleute haben die Protestbewegung nicht kommen sehen. Vielleicht, weil sie zu fest an die Schwerkraft statistischer Daten glauben. Tatsächlich geht es Schülern und Studenten wirtschaftlich keineswegs schlechter als den Baby-Boomern in derselben Lebensphase. Nie waren die Bildungsausgaben höher als heute. Das Bafög deckt die meisten Ausgaben; von steigenden Spritpreisen merkt die Generation Fahrrad so gut wie nichts. Und was Miete und Wohnen betrifft: Wer vor fünfzig Jahren in München studierte, hätte liebend gern seine „Bude“ in Schwabing gehabt, konnte sich aber nur eine in Kleinhadern leisten.
Auch damals war die Zeit gärig. Die Studentenrevolte fegte über das Land, das derlei nicht gewohnt war, und beherrschte die Schlagzeilen. Ähnlich wie bei der aktuellen Welle begannen die Proteste damals mit klarer Zielansprache. Man mobilisierte gegen restriktive Hochschulgesetze und überlebte Ordinariatsstrukturen („unter den Talaren/der Muff von tausend Jahren“). Aber schon bald spielten die ursprünglichen Anliegen nur noch eine Nebenrolle. Nun marschierte man gegen den Schah von Persien, gegen die griechischen Obristen, gegen den Vietnamkrieg und himmelte Bilder von „Onkel Ho“ und Che Guevarra an. Heute findet man nichts daran, bessere Schulen zu verlangen und zugleich hinter Palästina-Flaggen herzulaufen.
Was damals anders war: Die etablierten Parteien schüttelten sich, hatten die Sache aber im Griff. Konkurrenz gab es weder an der rechten noch an der linken Außenlinie. Die einzig neue neue Partei, die Grünen, fügte sie sich bald in den konventionellen Politikbetrieb ein. Heute sind die Flügelpositionen stark besetzt, und da sowohl die AfD wie Die Linke die populistische Klaviatur hemmungslos bedienen, kommen sie bei Jugendlichen, gut an. Bei der Bundestagswahl 2025 machte jeder vierte Jungwähler das Kreuz bei der Partei Die Linke. An zweiter Stelle folgte die AfD mit 21 Prozent.
Vor allem die Linke scheint bei den Jungwählern den Nerv zu treffen. Wehrpflicht Nein! ist bei jungen Leuten ein Selbstläufer, zumal wenn die Forderung mit friedenspolitischen Schalmeienklängen verwoben wird. Den Nerv trifft auch das Wohnraum-Thema. Die Knappheit ätzt das großstädtische Publikum und die Studenten besonders. Nun sollte man wissen, dass Verstaatlichung keine einzige neue Wohnung baut. Aber die Marktwirtschaft ist kompliziert, und Jugendliche neigen generell mehr zum „großen Kladderadatsch“ als zur Kompromisslösung.
Letztlich ist es wohl die Attitüde des Disruptiven, die die Vorliebe junger Leute für Parteien wie Die Linke und die AfD erklärt. Klare Kante wird belohnt, egal ob die Parole „Ausländer rein“ lautet oder „Ausländer raus“. Ginge es tatsächlich um bessere Schulen und bessere wirtschaftliche Zukunftschancen, müsse man sich woanders unterhaken als bei AfD und der Linken. Beispiel Altersversorgung: Der demoskopische Wandel trifft die Jungen mit voller Wucht. Dementsprechend müsste für sie die Reform der Rente oberste Priorität sein. Von den Wunderheilern der politischen Ränder ist in diesem Punkt rein gar nichts zu erwarten, von der SPD, so wie sie sich im Augenblick darstellt, nur wenig. Die Jungsozialisten erregen sich über dies und das; die materielle Zukunftssicherung der Altersgenossen ist ihnen nebbich. Gleiches gilt für den Nachwuchs der Grünen. Ginge es den jungen Leuten wirklich um die Interessen ihrer Gruppe, müssten sie CDU wählen, was sie bekanntlich nicht tun.
Wer das Wild erlegen will, muss genau zielen. Mit guten Gründen prangern die Demonstranten die Verhältnisse an, die an vielen Schulen – nicht an allen – herrschen. Aber sie bekommen den „Link“ zwischen Tatbestand und Ursachen nicht hin. Gesperrte Turnhallen und ausfallender Unterricht sind ja nicht schicksalhaft. Schuld ist die dramatische Unterfinanzierung der Kommunen haben, und die wiederum ist die Folge ständig steigender Sozialkosten. Folgerichtig müsste die Bundesschülerkonferenz denen den Rücken stärken, die den Sozialstaat bezahlbar machen wollen. Aber auch hier gilt: Fehlanzeige!
Man wird den Eindruck nicht los, dass die Protestler die falschen Lieder singen. Politiker haben Recht, wenn sie von den Wortführern der „Generation Z“ erwarten, dass sie nicht bloß Gefühle artikulieren und dass sie sich von Berufsrandalierern distanzieren. Noch einmal haben sie Recht, wenn sie klipp und klar die Gruppen benennen, die besonders beteiligt sind an Zerstörungen und Plünderei. Auch ist nicht verwerflich, die Erzählung zurechtzurücken, die sich der Protest zu eigen gemacht hat. Gewiss stellen die sieben Prozent arbeitslosen Jugendlichen in Deutschland ein ernstes Problem dar. Aber die Verhältnisse sind „gold“ verglichen mit zwanzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die es in Frankreich gibt.
Leider reagiert die erschrockene Öffentlichkeit alles andere als souverän und ehrlich auf die Gärung bei den Jungen. Da empören sich plötzlich Kommentatoren über Missstände, die ihnen früher entgangen waren. Amtsträger erteilen den Jugendlichen von oben herab Ratschläge und rufen „wir haben verstanden“, in der Annahme, damit wäre genug getan. Von den Kanzeln und aus den Pressestellen der Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände regnet es Betroffenheits-Adressen. So als ob den aufgebrachten Jugendlichen damit gedient wäre, wenn man ihnen nach dem Mund redet. Als UNO-Generalsekretär Guterres, ein paar Jahre ist es her, vor der apokalyptisch daherredenden Greta Thunberg („Wie könnt Ihr es wagen!“) schuldbewusst auf die Knie fiel, gab er eine jämmerliche Figur ab.
Der Bielefelder Professor und Politikwissenschaftler Mathias Albert ist maßgeblich an der in regelmäßigen Abständen vorgelegten Shell-Jugendstudie beteiligt. Er hält Anbiederung und das Heucheln von Verständnis für kein gutes Rezept. Albert: „Die Antwort kann nicht sein, die Jungen noch mehr zu pampern“. Besser sei, „ihnen reinen Wein einzuschenken“ und mit ihnen in einen ernsthaften Dialog einzutreten.
Dafür gibt es bewährte Instrumente. Der Bundestag kann, um schwierige und den Tag übergreifende Fragen in Ruhe zu behandeln, eine Enquete-Kommission einberufen. Das Mittel wurde 1971 geschaffen. Seither gab es 31 Enquete-Kommissionen. Die sechste in der Reihe tagte von 1981-1983. Sie trug die Überschrift Jugendprotest im demokratischen Staat. Es gibt Anlass, das Thema erneut aufzurufen.



