Rezension von Dr. Aide Rehbaum

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Alice Horáčková: Geteiltes Haus (Diogenes)

Alice Horáčková © Richard Klícník

Die tschechische Autorin legt einen Roman vor, der im tschechisch – deutschen Grenzgebiet spielt und die Geschichte ihrer Vorfahren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Visier nimmt. Ihre Recherchen in Archiven, in amtlichen Chroniken und durch Gespräche zogen sich über zehn Jahre.

Ein Fünftel der Bevölkerung im Heimatdorf der Autorin sind Deutsche. Ins Zentrum stellt Horáčková die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka, die eine ist Tschechin, die andere Deutsche. Während ihr Schicksal aufgerollt wird, arbeitet gleichzeitig der Lehrer Tomek an der Chronik eines ganzen Dorfes. Beide Frauen heiraten Männer aus der Hollmannsippe, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Zdenkas Mann Vinzenz ist ein wildernder Looser, dem der Nationalsozialismus zu unverhoffter Bedeutung verhilft, Hans dagegen ein Karrierist und Opportunist mit einem siebten Sinn für Geschäfte, für die er sein Fähnchen halblegal bis illegal immer in den passenden Wind ausrichtet. Der ruhige Bruder Emil, ein Glasmacher, kämpft im ersten Weltkrieg pragmatisch in der tschechischen Legion und bringt aus der Gefangenschaft seine russisch-jüdische Frau mit, der er sein Überleben verdankt.

Zur gleichen Zeit entstehen Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen, die von den Nazis aufgegriffen und nach der Annexion des Sudetenlandes 1938 ausgebaut werden. Vor dem Hintergrund der offiziellen Geschichte erfährt der Leser, wie sich in kleinen Schritten Unterdrückung und Ausgrenzung steigern bis zur Brutalität, denn die Gesellschaft ist nicht so klar trennbar wie es scheint. Da gibt es Mischehen und Namen, die mal in der deutschen und mal in der tschechischen Variante nützlicher sind. Wie reagierte die Schulverwaltung auf die verschobenen Machtverhältnisse, wie wieherte der Amtsschimmel? Während anfangs die überschaubare Welt der Rituale und Bräuche dominiert, gewinnt die Politik und deren Auswirkung auf den Einzelnen immer mehr Bedeutung, bis sie gerade Alte, Junge, Frauen, Kinder mit in den Abgrund zieht. Manches Drama wird nur beiläufig erwähnt, wie das Attentat auf Heydrich, die Vernichtung von Lidice oder die Gräueltaten an den Deutschen vor der Vertreibung. Die Familien im Riesengebirge leiden stiller.

In kurzen Kapiteln springt die Autorin von einer Szenerie und Familie in die nächste. Der Autorin gelingt ein differenziertes Porträt dieser Dorfgesellschaft, mit so überzeugend unterschiedlichen Stimmen, dass der Leser den Überblick nie verliert. Dadurch wächst ein farbiges, vielfältiges Mosaik an Handlungsmöglichkeiten und Werten. Auch für Leser, die familiär keinen Bezug zum Sudetenland haben, ist jede Zeile dieser Bearbeitung der Vergangenheit uneingeschränkt empfehlenswert.

Alice Horáčková, 1980 in Prag geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Karls-Universität. Ihr erstes Buch, ›Vladimíra Čerepková‹ (Argo, 2014), die literarische Biografie einer vergessenen Beat-Dichterin, wurde für den Josef-Škvorecký-Preis und den Magnesia Litera 2014 für die Entdeckung des Jahres nominiert. ›Geteiltes Haus‹ ist ihr zweites belletristisches Buch und das erste, das auf Deutsch erscheint. Horáčková lebt als freiberufliche Schriftstellerin in Prag.

Diogenes Verlag AG 

Hardcover Leinen, 880 Seiten
erschienen am 19. August 2026

978-3-257-07400-0
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung