von Sepp Spiegl

Wenn selbst die Redewendung keine Luft mehr hat

Die deutsche Sprache hat ein Talent dafür, alltägliche Zustände in Bilder zu verwandeln, die gleichzeitig komisch, kreativ und überraschend präzise sind. Eine dieser Redewendungen ist „aus dem letzten Loch pfeifen“ – ein Satz, der klingt, als wäre er spontan in einer Werkstatt entstanden, vielleicht zwischen Schleifmaschine und schlecht gemachtem Filterkaffee. Und doch beschreibt er ein universelles Gefühl: den Moment, in dem einfach nichts mehr geht.

Die Bedeutung ist klar: Wer aus dem letzten Loch pfeift, ist am Limit. Körperlich erschöpft, finanziell überstrapaziert, emotional ausgelaugt oder organisatorisch völlig überfordert – irgendwo wird noch ein letzter Ton herausgedrückt, aber die Luft ist eigentlich schon lange raus. Die wahrscheinlichste Herkunft dieser Redewendung liegt in der Welt der Holzblasinstrumente. Wenn nur noch der tiefste Ton herauskommt, also der, der über das letzte offene Loch gespielt wird, ist klar: Hier arbeitet man am absoluten Minimum. Mehr ist nicht drin.

Im Alltag nutzen wir diese Formulierung ständig, und sie eignet sich hervorragend zur humorvollen Selbstdiagnose. Nach zwei Stunden in den Möbelhallen von IKEA? „Ich pfeife aus dem letzten Loch.“ Nach einer Familienfeier mit zehn Tanten, die alle „nur mal kurz nachfragen“? „Ich pfeife aus dem letzten Loch.“ Und nach einer Arbeitswoche, die sich anfühlt wie ein Monat? Nun ja – Sie wissen Bescheid.

Auch in der Wirtschaft ist die Redewendung erstaunlich beliebt. Dort beschreibt sie Situationen, die in offiziellen Worten meist viel komplizierter klingen würden. Wenn ein Manager sagt, die Lieferkette pfeife aus dem letzten Loch, meint er eigentlich: Es läuft gerade gar nichts, und wir hoffen, niemand merkt es. In der Geschäftswelt ist das ein völlig legitimer Zustand – Hauptsache, es gibt dazu eine Präsentation mit vier Folien voller Pfeile.

In der Politik – Das politische Atemversagen

Politiker benutzen die Redewendung überraschend ungern, vermutlich weil sie zu ehrlich klingt.
Trotzdem taucht sie manchmal auf:

  • Wenn Staaten sparen müssen

  • Wenn Ministerien überlastet sind

  • Oder wenn Wahlkämpfer nach 99 Tagen Dauertour aussehen, als hätten sie ein Zelt unter den Augen

Man stelle sich vor, ein Politiker sagt im Bundestag:

„Unsere Infrastruktur pfeift aus dem letzten Loch.“
Die Hälfte des Parlaments würde zustimmend nicken, die andere Hälfte so tun, als wäre das Loch schon da gewesen, bevor sie selbst gewählt wurden.

Im Ausland – Gibt es andere Löcher?

Auch andere Sprachen kennen das Gefühl, kurz vor dem Kollaps zu stehen – aber sie pfeifen nicht unbedingt.

  • Englisch:
    „Running on fumes“ – Man fährt quasi auf Dämpfen.

  • Französisch:
    „Être sur les rotules“ – „Auf den Kniescheiben laufen.“

  • Spanisch:
    „Estar hecho polvo“ – „Zu Staub geworden sein.“

  • Italienisch:
    „Essere alla frutta“ – „Beim Nachtisch angekommen sein.“
    (Was irgendwie netter klingt, aber trotzdem bedeutet, dass Schluss ist.)

Aber keine dieser Bilder verbindet Erschöpfung und handwerkliche Präzision so elegant wie die deutsche Variante. Nur bei uns kann man durch ein metaphorisches Holzblasinstrument quälen, um auszudrücken, wie müde man ist.

Am Ende bleibt eines klar: „Aus dem letzten Loch pfeifen“ ist eine Redewendung, die nicht nur beschreibt, wie wir uns manchmal fühlen, sondern dabei auch noch charmant und humorvoll klingt. Sie ist der kleine Seufzer der deutschen Sprache – und vielleicht genau deshalb so beliebt. Denn auch wenn wir manchmal nicht mehr können, schaffen wir es doch, irgendwie den letzten Ton herauszubringen. Und manchmal ist das völlig ausreichend.