Politik: Das andere Amerika
Kommerziell, sexy und politisch: Bad Bunnys Show beim Super Bowl ist die perfekte Antwort auf den Hass, den die MAGA-Bewegung sät.

Lateinamerika ist bekannt für Protestsongs – gegen Militärdiktaturen, Imperialismus und für eine emanzipatorische Politik. Dieser Musik wird heute oft attestiert, angesichts des Generationenwandels und neuer Formen des Kulturkonsums in Social Media sowie der Eventisierung von Konzerten und Festivals aus der Zeit gefallen zu sein. In der Tat: Trotz eines weltweiten politischen Rechtsrucks, der offen die Grundlagen einer regelbasierten internationalen Ordnung, von Menschenrechten und demokratischen Rechten herausfordert, erleben wir kein Revival der klassischen Protestmusik. Where Have All the Protest Songs Gone?
Die gegenwärtige lateinamerikanische Mainstream-Protestmusik macht Politik tanzbar.
Eine Ikone der lateinamerikanischen Protestmusik, Silvio Rodríguez, hat eine ihrer zentralen Facetten benannt: „Kunst soll unterhalten und erziehen, Kunst die nicht unterhält, scheitert.“ Die heutige Generation der lateinamerikanischen Protestmusik hat sich diese Losung zu Herzen genommen und eine geradezu revolutionäre Wendung vorgenommen. Heute ist sie Teil der Kulturindustrie und vor allem kommerziell erfolgreich. Hierfür setzt sie auf die Regeln des Mainstreams und erreicht ein heterogenes Massenpublikum. Dies führt zwangsläufig zu Ambivalenzen, etwa zur Kommerzialisierung des Protestes. Und doch bleibt es nicht bei einer rein hedonistischen Akklamation des Bestehenden à la Love Parade – die gegenwärtige lateinamerikanische Mainstream-Protestmusik macht Politik tanzbar.
Benito Antonio Martínez Ocasio, besser bekannt als Bad Bunny, symbolisiert wie kein anderer Gegenwartskünstler die Melange aus Mainstream und politischem Protest. Der puerto-ricanische Künstler kommt aus dem Reggaeton – einem populären Genre, das trotz seines subkulturellen und kritischen Ursprungs heute nicht gerade für emanzipatorische politische Inhalte bekannt ist: Tatsächlich ist kaum zu bestreiten, dass ein Großteil der Reggaeton-Musik vulgär, sexistisch und inhaltlich platt ist. Dass es auch anders geht, zeigen etwa feministische Reggaeton-Künstlerinnen wie Chocolate Remix, Cazzu oder Torta Golosa. Auch Bad Bunny kombiniert den Reggaeton mit politischen Inhalten, aber er verbindet dies mit einem kommerziellen Erfolg, der ihn zu einem popkulturellen Weltstar macht. Dies und die Hoffnung auf Erschließung neuer Märkte für den American Football motivierte die NFL dazu, dem lateinamerikanischen Künstler die größte Live-Musik-Bühne der Welt mit globaler Strahlkraft zu geben: die Halbzeitshow beim Super Bowl.
Politische Positionierungen finden sich auf verschiedenen Ebenen im Werk von Bad Bunny. Die Tatsache, dass er ausschließlich auf Spanisch singt, ist eine Botschaft für die Millionen Latinos nicht nur in den USA: Latin is beautiful. Dies hat er auf seinem letzten Album – „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ („Ich hätte mehr Fotos machen sollen“) – durch den Rückgriff auf traditionelle lateinamerikanische Musikstile und politisches Storytelling weiter akzentuiert. Sprache und Kultur Lateinamerikas sind kein Stigma, sondern Teil der Identität und Quelle der Emanzipation.
Bei der Grammy-Verleihung Anfang Februar verurteilte er öffentlichkeitswirksam die Migrationspolitik und das Vorgehen von ICE.
Diese Botschaft verbindet der Künstler mit einer klaren Positionierung gegen die menschenverachtende Migrationspolitik der Regierung von Präsident Trump. Weil er Deportationen im Umfeld seiner Konzerte befürchtete, verzichtete er auf Auftritte in den USA. Bei der Grammy-Verleihung Anfang Februar verurteilte er öffentlichkeitswirksam die Migrationspolitik und das Vorgehen von ICE. In seinen Texten mischt Bad Bunny Liebe, Party und Verweise auf den genretypischen Perreo-Tanz mit klaren Botschaften gegen Gentrifizierung, Korruption, die Stigmatisierung von lateinamerikanischen Migranten und den Status der Menschen Puerto Ricos als US-Amerikaner zweiter Klasse sowie folgerichtig für die Unabhängigkeit der Karibikinsel. Schließlich symbolisiert die Figur Bad Bunny auch eine kritische Auseinandersetzung mit hegemonialen Maskulinitätsvorstellungen. Er positioniert sich deutlich für Diversität und die Rechte von Transpersonen.
Entsprechend waren die Reaktionen der politischen Rechten in den USA auf die Ankündigung des Acts in der Halbzeitshow des Super Bowls ebenso schrill wie vorhersehbar. Bad Bunny repräsentiert das Andere im aggressiven rechten Kulturkampf: migrantisch, woke und liberal. Der Kulturkampf wird von der Rechten offensiv und aggressiv geführt. Der Präsident höchstpersönlich empörte sich auf Social Media. Aus seinem Lager heraus wurde mit einer All-American Halftime Show eine rechte Gegenveranstaltung organisiert. Doch diese radikale Ablehnung verfängt nur bei eingefleischten Rechtsauslegern. Auch Trump selbst schaute am Abend des Super Bowls das Original und twitterte seine Ablehnung danach in die Welt. Doch die Kritik des US-Präsidenten am musikalischen Weltstar trifft diesen auch deshalb nicht, weil sich seine Musik – im Gegensatz zur klassischen Protestmusik – nicht primär über die politischen Inhalte definiert.
Gerade hierin liegt die Stärke des Mainstreams. Es geht um tanzbare Vibes. Die politischen Positionierungen begleiten das erwünschte Entertainment, aber sie dominieren es nicht. Den schäumenden rechten Hatern antwortet Bad Bunny mit klaren Positionierungen, mit Ironie und einer Botschaft über die Kraft der Liebe. Dies ermöglicht die Demaskierung der platten Aussagen der extremen Rechten an der Macht. Zudem bietet Bad Bunny einen Horizont für eine bessere Zukunft. Dies entfaltet nicht nur politische Wirksamkeit, sondern ist auch sexy und kommerziell erfolgreich und kann gerade deshalb eine wichtige Ressource progressiver Politik sein. Die Unbestimmtheit der besungenen Zukunft und die Mischung der Botschaften mit allgemeiner Partystimmung unterstreichen dabei ihre Inklusivität. Denn hier bleibt sich Bad Bunny treu. Die politischen Botschaften überstrahlen nie das Kerngeschäft: Entertainment.
Nachdem die US-Rockband Green Day vor dem Start mit dem Song American Idiot den Ton gesetzt hatte, verdeutlichte Bad Bunnys Auftritt in der Halbzeitshow die spielerische Nutzung von Ambivalenzen: Die Show wurde von Apple gesponsert, einem Techkonzern mit einem CEO aus dem Trump-Umfeld. Ambivalenzen sind Teil des Geschäfts.
Der Auftritt hatte auch Platz für die ebenso banale wie politisch wirkmächtige Botschaft: „The Only Thing More Powerful than Hate is Love!“
Die Show brachte San Francisco, den Ort des Super Bowls, zurück nach Lateinamerika. Bad Bunny und weitere lateinamerikanische Künstler hielten der US-amerikanischen Gesellschaft auf Spanisch den Spiegel vor. Zuckerrohrplantagen als Chiffre der kolonialen Ausbeutung, informelle Arbeit und die Bedeutung der Migranten für die US-amerikanische Wirtschaft. Zur Prime flimmerten Gesellschaft und Kultur zusammen mit einer Kritik an der Korruption und an fehlenden Infrastrukturinvestitionen in Puerto Rico über die Fernsehbildschirme des polarisierten Landes. Der Auftritt beklagte nicht nur neokoloniale Strukturen auf Hawaii und Puerto Rico, sondern hatte auch Platz für eine Hommage an Puerto Rico, die lateinamerikanische Musik und Kultur sowie für die ebenso banale wie politisch wirkmächtige Botschaft: „The Only Thing More Powerful than Hate is Love!“ Es war eine klare Kritik an Trump und der – von ICE symbolisierten – brutalen Politik, aber auch eine Einladung zum Brückenbauen.
Die spektakuläre Halbzeitshow lieferte weitere Denkanstöße: Die Phrase „God Bless America“ wurde bei Bad Bunny zu einer Kritik an der engstirnigen Gleichsetzung von Amerika mit den USA. Der denkwürdigste Touchdown des Super Bowls 2026 bestand darin, dass Bad Bunny auf unterhaltsame und tanzbare Weise auf der Bühne des US-amerikanischsten aller Großevents die Bedeutung Lateinamerikas und der lateinamerikanischen Migration für die USA zelebriert und damit einen wirkmächtigen Akzent gegen die Politik der Regierung Trump setzte.
Bei allen Unterschieden lassen sich durchaus Erkenntnisse für die europäische Debatte ziehen. Die extreme Rechte wird nicht mit Konzessionen entzaubert, sondern mit attraktiven politischen und kulturellen Gegenentwürfen. Das Starpotenzial des Mainstreams und die Kraft des Entertainments sind dabei nicht zu unterschätzen: Die Stars können mobilisieren und unterhalten und gleichzeitig niedrigschwellig praktische Beispiele gegen Ausgrenzung und Hass sowie für eine bessere Zukunft liefern.

Professor Dr. Stefan Peters ist Direktor des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts (CAPAZ) mit Sitz in Bogotá sowie Professor für Friedensforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.



