Deutsche Redwendung: Stur wie ein Esel
von Sepp Spiegl
Wie aus einem Arbeitstier das Sinnbild des Dickkopfs wurde
Es gibt Sätze, die kommen ohne weitere Erklärung aus. „Der ist stur wie ein Esel.“ Jeder versteht sofort, was gemeint ist: Da sitzt jemand auf seiner Meinung, rückt keinen Millimeter davon ab und lässt sich weder durch gute Argumente noch
durch Bitten oder Druck umstimmen. Der Esel hat es damit zu einem bemerkenswerten Platz in der deutschen Sprache gebracht. Er ist nicht nur Lasttier, Schimpfwort und Figur in Fabeln, sondern auch das sprachliche Sinnbild für jemanden, der sich weigert, weiterzugehen. Dabei steckt hinter dem vermeintlichen Dickkopf des Esels eine interessante Geschichte – und womöglich sogar ein Missverständnis. Denn was Menschen als Sturheit interpretieren, kann beim Esel schlicht Vorsicht sein.
Ein Tier bleibt stehen – und bekommt einen schlechten Ruf
Die Redewendung „stur wie ein Esel“ gehört zu den sogenannten phraseologischen Vergleichen: Eine menschliche Eigenschaft wird durch den Vergleich mit einem Tier besonders anschaulich gemacht. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen führen „stur wie ein Esel“ zu einer Gruppe von Tiervergleichen, die in mehreren europäischen Sprachen ähnliche Entsprechungen besitzen. Der Esel steht dabei traditionell für Eigenschaften wie Störrigkeit, Unnachgiebigkeit und – in manchen Kulturen – auch für Dummheit. Die Vorstellung ist allerdings älter und komplexer, als die heutige Beschimpfung vermuten lässt.
Warum also gerade der Esel?
Eine Erklärung liegt im Verhalten des Tieres. Esel sind keine klassischen Fluchttiere wie Pferde. Wenn ihnen eine Situation gefährlich oder unklar erscheint, können sie stehen bleiben, statt einfach davonzurennen. Genau dieses Verhalten wird aus menschlicher Sicht leicht als „Sturheit“ interpretiert. Der Esel scheint sich zu weigern, obwohl sein menschlicher Begleiter längst weiterwill. Auch die Geschichte der sogenannten „Eselsbrücke“ verweist auf dieses Verhalten: Der Esel gilt traditionell als Tier, das sich weigert, unbekanntes oder möglicherweise gefährliches Wasser zu durchqueren. Der Umweg über eine Brücke bringt ihn schließlich ans Ziel. Das vermeintlich dumme Tier wäre damit eigentlich vorsichtig. Oder anders gesagt: Der Esel ist möglicherweise nicht stur, sondern überzeugt davon, dass sein Mensch etwas übersehen hat.
Von der Beobachtung zur Redewendung
Redewendungen funktionieren selten wie mathematische Definitionen. Niemand muss tatsächlich beweisen, dass ein Esel besonders stur ist, damit der Vergleich funktioniert. Entscheidend ist das gemeinsame kulturelle Bild. In der Sprache steht „stur“ für eine Person, die an einer Position festhält und Veränderungen ablehnt. „Störrisch“ geht in eine ähnliche Richtung: Man verweigert sich einer Aufforderung oder einem erwarteten Verhalten. Als Synonyme werden unter anderem „eigensinnig“, „dickköpfig“, „halsstarrig“ und „stur“ genannt; „störrisch wie ein Esel“ ist selbst als feste Redewendung verzeichnet. Der Esel liefert dafür das passende Bild: Vier Beine auf dem Boden, der Kopf nach vorn – und keinen Schritt weiter. Interessant ist allerdings, dass die Redewendung nicht ausschließlich auf einer deutschen Besonderheit beruht. Sprachwissenschaftliche Vergleiche zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Esel und Sturheit international verbreitet ist. In polnischen Redewendungen heißt es etwa „uparty jak osioł“, wörtlich „stur wie ein Esel“. Die Forschung sieht solche Übereinstimmungen teilweise als sprachliche Internationalismen und verweist unter anderem auf gemeinsame europäische Fabeltraditionen.
Im Alltag: Wenn der Dickkopf zum Familienmitglied wird
Im täglichen Sprachgebrauch ist „stur wie ein Esel“ meist keine ernsthafte Beleidigung. Oft steckt sogar Zuneigung oder Humor darin. Der Vater, der trotz Navi darauf besteht, den Weg zu kennen? „Du bist stur wie ein Esel.“ Das Kind, das unbedingt den roten Pullover tragen will, obwohl er in der Wäsche liegt? „Sie ist heute stur wie ein Esel.“ Der Freund, der nach einer verlorenen Diskussion trotzdem behauptet, er habe recht gehabt? „Mit dem kann man reden, bis man schwarz wird – der ist stur wie ein Esel.“ Typisch ist dabei die Übertreibung. Niemand muss tatsächlich völlig unbeweglich sein. Schon eine einzelne Situation kann reichen, um das Bild vom Esel hervorzurufen. Die Redewendung kann sogar einen positiven Kern bekommen. Wer „stur“ ist, kann schließlich auch konsequent, beharrlich oder standfest sein. Ob der Esel als Kompliment gemeint ist, entscheidet deshalb der Zusammenhang. „Sie ist stur wie ein Esel“ bedeutet etwas anderes als: „Er ist stur geblieben und hat sich nicht einschüchtern lassen.“ Im ersten Fall klingt die Aussage nach Dickkopf. Im zweiten nach Charakterstärke.
Zwischen Sturheit und Beharrlichkeit
Genau hier liegt die sprachliche Pointe des Ausdrucks. Sturheit und Beharrlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Unterschied besteht häufig nur darin, wer über die Richtigkeit der Position entscheidet. Wer gegen Widerstand an einer falschen Idee festhält, ist stur. Wer gegen Widerstand an einer richtigen Idee festhält, ist konsequent. Der Esel kann deshalb je nach Perspektive zum Symbol des Problems oder der Lösung werden. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung zu Tiermetaphern zeigt, wie stark kulturelle Vorstellungen darüber prägen, welche Eigenschaften wir Tieren zuschreiben. Beim Esel überwiegt traditionell das negative Bild: Er gilt als störrisch und dumm. Dabei ist dieses Bild keineswegs universell. In anderen kulturellen Zusammenhängen wird der Esel durchaus mit Ausdauer, Arbeit und Verlässlichkeit verbunden.
Wenn Politiker „stur wie ein Esel“ sind
Besonders wirkungsvoll wird die Redewendung in der Politik. Dort gehört das Festhalten an Positionen schließlich zum Geschäft – und gleichzeitig ist Kompromissfähigkeit eine der wichtigsten politischen Fähigkeiten. Ein Politiker, der eine einmal vertretene Position auch angesichts neuer Argumente nicht verändert, wird schnell als „stur“ bezeichnet. Ein Minister kann „stur an seinem Reformplan festhalten“. Eine Regierung kann „stur auf ihrer Linie beharren“. Eine Oppositionspartei kann sich „stur gegen einen Kompromiss stellen“. Die Esel-Metapher macht aus dieser abstrakten politischen Haltung ein anschauliches Bild. Aus: „Der Abgeordnete lehnt trotz neuer Zahlen jede Änderung seines Konzepts ab.“ wird im politischen Kommentar: „Er bleibt stur wie ein Esel.“ Das ist journalistisch wirkungsvoll, weil die Metapher gleichzeitig bewertet. Sie informiert nicht nur, sie urteilt.
Der Esel hat selbst eine politische Karriere
Besonders interessant ist deshalb, dass der Esel ausgerechnet in der amerikanischen Politik eine völlig andere symbolische Karriere gemacht hat. Seit dem 19. Jahrhundert steht der Esel für die Demokratische Partei der USA; der Elefant symbolisiert die Republikaner. Die beiden Tiere sind zu festen Bestandteilen der politischen Bildsprache geworden. Und hier wird es paradox: Ein Tier, das im allgemeinen Sprachgebrauch als störrisch und manchmal sogar dumm gilt, kann gleichzeitig zum Symbol einer der großen politischen Parteien der Welt werden. Der Esel wurde dabei keineswegs ausschließlich wegen seiner negativen Eigenschaften gewählt. Im politischen Symbolismus konnten auch Eigenschaften wie Bescheidenheit, Ausdauer und Bodenständigkeit eine Rolle spielen. Damit verändert sich die Bedeutung des Tieres radikal: Der deutsche Esel sagt: „Ich bewege mich keinen Millimeter.“ Der politische amerikanische Esel sagt: „Wir bleiben auf dem Boden.“
In der Wirtschaft: Sturheit kann teuer werden
Auch in Unternehmen ist die Redewendung erstaunlich passend. Ein Geschäftsführer hält trotz sinkender Nachfrage an einem überholten Produkt fest. Eine Unternehmensleitung weigert sich, eine gescheiterte Strategie zu korrigieren. Ein Verhandlungsführer lehnt jeden Kompromiss ab. Ein Projektleiter besteht auf seinem ursprünglichen Zeitplan, obwohl längst klar ist, dass er nicht mehr einzuhalten ist. Dann ist schnell vom „stur wie ein Esel“ die Rede. Gerade in der Wirtschaft ist der Unterschied zwischen Beharrlichkeit und Sturheit entscheidend. Unternehmer müssen schließlich häufig gegen Widerstände an Ideen festhalten. Viele Innovationen entstehen, weil jemand nicht beim ersten Rückschlag aufgegeben hat. Aber derselbe Charakterzug kann zum Problem werden, wenn sich die Realität verändert. Beharrlichkeit sagt: „Ich halte am Ziel fest.“ Sturheit sagt: „Ich halte auch dann am Weg fest, wenn er nicht mehr funktioniert.“ Das macht die Esel-Metapher im wirtschaftlichen Kontext besonders treffend. Ein Vorstand, der jahrelang auf eine Technologie setzt, obwohl eine neue Entwicklung den Markt verändert, wirkt irgendwann nicht mehr visionär, sondern „stur“.
Der internationale Esel: Ein erstaunlich globales Sprachbild
Wer glaubt, „stur wie ein Esel“ sei eine rein deutsche Angelegenheit, liegt falsch. Im Englischen heißt es „stubborn as a mule“ – also wörtlich etwa „stur wie ein Maultier“. Die englische Redewendung bezeichnet eine extrem eigensinnige oder unbeugsame Person und ist bereits seit dem 19. Jahrhundert belegt. Der Unterschied ist bemerkenswert: Während das Deutsche häufig den Esel nennt, steht im Englischen besonders oft das Maultier im Mittelpunkt.
Auch andere Sprachen kennen das Bild. Im Polnischen heißt es „uparty jak osioł“, im Schwedischen „envis som en åsna“ und im Spanischen „porfiado como burro“ – jeweils mit dem Bild des Esels als Sinnbild für einen Menschen, der nicht nachgeben will. Eine vergleichende Untersuchung deutscher, polnischer, englischer, schwedischer und spanischer Tierphraseologismen dokumentiert diese Parallelen.
In Kroatien findet sich ebenfalls ein vergleichbarer Ausdruck: „tvrdoglav kao magarac/mazga“, sinngemäß „stur wie ein Esel/Maultier“. Das Bild ist also erstaunlich international.
Warum ausgerechnet ein Esel?
Vielleicht liegt die Antwort weniger im Charakter des Esels als im Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Der Esel ist seit Jahrtausenden ein Arbeitstier. Er trägt Lasten, folgt Wegen und wird vom Menschen geführt. Wenn er plötzlich stehen bleibt, entsteht ein Konflikt: Der Mensch will weiter, der Esel nicht. Aus menschlicher Sicht ist das frustrierend. Aus Sicht des Tieres kann es vernünftig sein. Genau aus diesem Konflikt entsteht die Metapher. Der Mensch erlebt Widerstand – und nennt ihn Sturheit. Der Esel erlebt möglicherweise eine Situation, die er erst prüfen will. Moderne Beschreibungen des Eselsverhaltens stützen zumindest teilweise diese andere Sichtweise: Das Stehenbleiben kann mit der Prüfung einer möglicherweise gefährlichen Situation zusammenhängen. Vielleicht ist „stur wie ein Esel“ deshalb eine Redewendung mit eingebauter Ironie. Sie beschreibt einen Menschen, der sich nicht bewegen lässt – aber sie verrät gleichzeitig, wie schnell Menschen ein Verhalten als „dumm“ bezeichnen, das sie nicht verstehen.
Vom Schimpfwort zum Kompliment
Und so hat die Redewendung eine überraschende zweite Ebene.
„Stur wie ein Esel“ kann bedeuten:
- uneinsichtig,
- dickköpfig,
- unnachgiebig,
- kompromisslos,
- unbeirrbar,
- konsequent,
- ausdauernd.
Welche Bedeutung überwiegt, entscheidet die Situation. Ein Kind, das sich weigert, die Hausaufgaben zu machen, ist stur. Ein Sportler, der trotz Rückschlägen weitertrainiert, ist beharrlich. Ein Politiker, der trotz schlechter Argumente an seiner Position festhält, ist starrsinnig. Ein Unternehmer, der zehn Jahre gegen alle Widerstände an einer Vision festhält und damit schließlich Erfolg hat, gilt im Rückblick plötzlich als visionär. Der Esel bleibt dabei immer derselbe. Nur unser Urteil über ihn verändert sich.
Ein Tier, das vielleicht klüger ist als sein Ruf
Schon die biblische Geschichte von Bileam und seiner Eselin spielt mit diesem Motiv. In der Erzählung weigert sich die Eselin mehrfach weiterzugehen, obwohl ihr Herr sie dazu zwingen will. Der Grund: Sie nimmt eine Gefahr wahr, die Bileam nicht erkennt. Erst später versteht auch er, warum das Tier stehen geblieben ist. Das ist fast eine kleine Parabel auf unsere Redewendung. Der Mensch sagt: „Geh weiter!“ Der Esel sagt – bildlich gesprochen: „Nein.“ Und am Ende stellt sich heraus, dass der Esel einen Grund hatte. Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten Mal, wenn jemand „stur wie ein Esel“ genannt wird, kurz innehalten. Vielleicht ist er tatsächlich ein Dickkopf. Vielleicht ist er aber auch einfach der Einzige im Raum, der noch nicht bereit ist, den falschen Weg weiterzugehen. Denn manchmal ist Sturheit nichts anderes als Beharrlichkeit, die noch niemand verstanden hat. Und manchmal ist der Esel nicht das Problem.
Manchmal ist er die Bremse, die verhindert, dass alle gemeinsam gegen die Wand laufen.
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