Krebsmedizin der Zukunft
Präventiv, präzise, personalisiert
Neue Daten aus den USA zeigen: Die Behandlungsmöglichkeiten bei vielen Krebsarten sind heute so gut wie nie zuvor. Dank medizinischer Fortschritte überleben immer mehr Menschen ihre Erkrankung oder können länger und mit höherer
Lebensqualität leben. In den Vereinigten Staaten ist die Krebssterblichkeitsrate zwischen 1991 und 2024 um 35 Prozent gesunken. Laut der American Association for Cancer Research (AACR) konnten dadurch mehr als 4,8 Millionen Todesfälle verhindert werden.
Brustkrebs? Minus 1,2 Prozent. Darmkrebs? Minus 1,3 Prozent. Lungenkrebs? Minus 4,2 Prozent – drei Tumorarten und der durchschnittliche Rückgang der Sterblichkeitsraten in den USA zwischen 2015 und 2024. Pro Jahr wohlgemerkt. Es sind „außergewöhnliche Fortschritte im Kampf gegen Krebs“, schreiben Keith T. Flaherty, Harvard-Medizinprofessor und Präsident der AACR, und Dr. Margaret Foti, AACR-Geschäftsführerin, in ihrem Vorwort zum „Cancer Progress Report 2026“. „Diese Fortschritte haben unser Verständnis über die Komplexität von Krebserkrankungen vertieft und dazu beigetragen, dass dieses Wissen schneller für die Entwicklung neuer und besserer Ansätze in der medizinischen Versorgung genutzt wird.“
Nicht nur die altersstandardisierte Sterberate über alle Tumorarten hinweg ist stark gesunken; auch bei den relativen 5-Jahres-Überlebensraten zeigt sich die Wirkung einer insgesamt besseren Krebsvor- und Nachsorge, bei Früherkennung und Therapie. Für die Diagnosejahre 2016 bis 2022 lag die relative 5-Jahres-Überlebensrate über alle Krebsarten und Altersgruppen hinweg bei 71 Prozent; bei Kinderkrebs bei 86 Prozent (s. Grafik).
Die Krebsmedizin macht Fortschritte wie nie zuvor. Doch sie befindet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit:
- In den USA wird in diesem Jahr in jeder Minute an jedem Tag mehr als ein Mensch an Krebs sterben. Die Prognosen sind düster, denn die Zahlen werden altersbedingt erheblich steigen.
- Hinzu kommt: Der Fortschritt ist ungleich verteilt. Während die relative 5-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs 92 Prozent und bei Prostatakrebs 98 Prozent beträgt, liegt sie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs bei nur 14 Prozent und beim Glioblastom bei 7 Prozent.
Krebsmedizin im Wandel: Der nächste Innovationsschub
Das aber bedeutet: Der medizinische Fortschritt muss nicht nur Schritt halten – er muss schneller werden. Nach Einschätzung der AACR könnte die Krebsmedizin vor einem weiteren Innovationsschub stehen. Die sieben wichtigsten Treiber sind aus Sicht der weltgrößten Fachgesellschaft für onkologische Forschung:
- Ein immer genaueres Verständnis der Krebsbiologie: Neue Verfahren wie die Einzelzell-Multiomik machen sichtbar, wie sich einzelne Krebszellen unterscheiden, verändern und gegen Therapien resistent werden. Auch die Wechselwirkungen zwischen Tumoren, Immunsystem und umliegendem Gewebe lassen sich zunehmend entschlüsseln. Damit können die Ursachen von Tumorwachstum und Therapieversagen besser verstanden werden.
- Präzisionsmedizin und neue zielgerichtete Medikamente: Krebsbehandlungen richten sich zunehmend nach den molekularen Eigenschaften eines Tumors statt allein nach dem betroffenen Organ. Neue Wirkstoffe können beispielsweise krebsfördernde Proteine wie KRAS gezielt angreifen oder abbauen. Dadurch können Therapien wirksamer werden und gesunde Zellen schonen. Die Behandlung lässt sich individueller auswählen.
- Immuntherapien und therapeutische Krebsimpfstoffe: Immuntherapien aktivieren körpereigene Abwehrmechanismen gegen Tumoren. Checkpoint-Inhibitoren sind in den USA inzwischen für 23 Krebsarten zugelassen. Darüber hinaus werden individuelle Krebsimpfstoffe und RNA-basierte Therapien erforscht. Das bedeutet: Das Immunsystem kann Krebszellen unter bestimmten Voraussetzungen langfristig kontrollieren. Neuartige Impfstoffe könnten diese Wirkung künftig gezielter auslösen.
- Künstliche Intelligenz (KI) und datengetriebene Medizin: KI kann medizinische Bilddaten, genetische Veränderungen und umfangreiche klinische Informationen analysieren. Sie unterstützt die Diagnostik, die Suche nach neuen Medikamenten und die Therapieentscheidung.
- Flüssigbiopsien (Liquid Biopsy) und bessere Früherkennung: Bluttests können Erbgut oder andere Spuren von Tumoren nachweisen. Zusammen mit KI-gestützter Bildgebung könnten sie helfen, Erkrankungen früher zu erkennen und Behandlungserfolge oder Rückfälle zu überwachen. Früh entdeckte Tumoren sind häufig besser behandelbar.
- Neue Forschungsmodelle und bessere klinische Studien: Tumor-Organoide , dreidimensional gedruckte Tumormodelle und modernisierte klinische Studien ermöglichen eine realitätsnähere Erforschung der Erkrankung. Neue Wirkstoffe können gezielter entwickelt und untersucht werden. Gleichzeitig lässt sich erforschen, ob manche Patient:innen mit weniger intensiven Therapien genauso gute Ergebnisse erzielen.
- Prävention und risikoadaptierte Vorsorge: Fast 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen in den USA werden mit beeinflussbaren Risikofaktoren in Verbindung gebracht. Besonders bedeutsam sind Rauchen, Übergewicht und Alkoholkonsum. Bessere Vorsorge kann zudem verhindern, dass Krebs erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt wird.
Krebsbehandlung nach Schema F?
Krebsmedizin nach Schema F: Das wird es immer weniger geben. Die Krebsmedizin der Zukunft ist personalisiert, präzise und zunehmend präventiv. Statt alle Patient:innen mit derselben Diagnose gleich zu behandeln, setzen Ärzt:innen immer stärker auf maßgeschneiderte Therapien, die sich an den molekularen Eigenschaften des jeweiligen Tumors orientieren. KI und neue diagnostische Verfahren sollen zudem helfen, Krebs früher zu erkennen, Behandlungen gezielter auszuwählen und Rückfälle rechtzeitig aufzuspüren.
Ein Selbstläufer ist das nicht. Was dieser Innovationsschub braucht, sind langfristige Investitionen in die Krebsforschung, verlässliche politische Rahmen- und Erstattungsbedingungen sowie eine enge Verzahnung von Grundlagenforschung, klinischer Forschung und medizinischer Versorgung. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse allein retten noch keine Leben. Entscheidend ist, dass daraus wirksame Therapien entstehen; Therapien, die bei den Menschen, die sie brauchen, ankommen.
Quelle: https://pharma-fakten.de



