Rezension: Ingar Johnsrud – Blendfeuer
von Sepp Spiegl
Rezension: Ingar Johnsrud – Blendfeuer

Blendfeuer von Ingar Johnsrud ist ein hochaktueller Politthriller, der klassische Scandi-Noir-Elemente mit geopolitischer Brisanz verbindet. Als zweiter Band der Reihe um die Ermittler Liselott Benjamin und Martin Tong knüpft der Roman an die düstere Atmosphäre seines Vorgängers an und erweitert sie um ein bedrückend realistisches Szenario zwischen internationaler Machtpolitik, russischer Einflussnahme und moralischer Grauzone.
Im Zentrum der Handlung stehen zwei scheinbar getrennte Ereignisse: Während des norwegischen Nationalfeiertags wird in Oslo ein Mann brutal hingerichtet, gleichzeitig explodiert über der Ostsee ein Militärflugzeug mit ukrainischen Soldaten an Bord. Schnell wird deutlich, dass hinter beiden Vorfällen ein komplexes Netz aus politischen Interessen, Geheimdiensten und Manipulation steckt. Gerade diese Verknüpfung persönlicher Schicksale mit globalen Konflikten gehört zu den größten Stärken des Romans. Johnsrud schreibt nicht einfach einen Krimi – er entwirft ein Szenario, das erschreckend nah an aktuellen politischen Entwicklungen wirkt.
Besonders überzeugend ist die Atmosphäre. Oslo erscheint hier nicht als idyllische skandinavische Hauptstadt, sondern als frostiger Schauplatz politischer Intrigen. Die permanente Unsicherheit zieht sich durch den gesamten Roman: Niemand scheint vertrauenswürdig, jede Figur könnte Teil eines größeren Plans sein. Diese Spannung erzeugt Johnsrud weniger durch spektakuläre Action als durch psychologischen Druck, politische Geheimnisse und das Gefühl, dass demokratische Systeme jederzeit destabilisiert werden können.
Die beiden Hauptfiguren Liselott Benjamin und Martin Tong funktionieren dabei hervorragend als Gegenpole. Benjamin wirkt analytisch, kontrolliert und innerlich zerrissen, während Tong pragmatischer und direkter agiert. Ihre Dynamik verleiht dem Roman emotionale Tiefe und verhindert, dass die Handlung zu technisch oder politisch abstrakt wird. Gerade Benjamin gehört zu den interessantesten Figuren moderner skandinavischer Thriller: keine überzeichnete Heldin, sondern eine Ermittlerin mit Zweifeln, Loyalitätskonflikten und moralischen Grenzen.
Sprachlich bleibt Johnsrud angenehm nüchtern. Sein Stil erinnert an klassische nordische Spannungsliteratur: präzise, kühl und ohne unnötige Ausschmückungen. Dadurch wirken die Gewaltszenen umso intensiver. Gleichzeitig verliert der Roman nie den Überblick über seine komplexe Handlung. Trotz zahlreicher politischer Ebenen bleibt die Geschichte verständlich und entwickelt einen starken Sog.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Aktualität des Themas. Der Roman greift Fragen auf, die gegenwärtig Europa beschäftigen: hybride Kriegsführung, Desinformation, geopolitische Spannungen und die Fragilität demokratischer Institutionen. Dadurch wirkt Blendfeuer fast weniger wie reine Unterhaltung als wie ein literarisches Warnsignal. Mehrere Beschreibungen betonen genau diesen „erschreckend realistischen“ Charakter des Buches.
Allerdings hat der Thriller auch kleinere Schwächen. Die Vielzahl politischer Verflechtungen kann zeitweise überladen wirken, und einige Wendungen sind für erfahrene Thrillerleser relativ früh erkennbar. Wer eher klassische Ermittlerkrimis bevorzugt, könnte die starke politische Dimension als etwas dominant empfinden. Zudem verlangt der Roman Aufmerksamkeit – nebenbei lesen funktioniert hier kaum.
Trotzdem überwiegen die Stärken deutlich. Blendfeuer ist ein intelligenter, atmosphärisch dichter Politthriller, der Spannung mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet. Fans von Serien wie Borgen oder düsteren skandinavischen Thrillern werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Johnsrud beweist erneut, dass skandinavische Spannungsliteratur weit mehr sein kann als klassische Mordermittlung: nämlich ein Spiegel politischer Unsicherheit und gesellschaftlicher Ängste.
Ingar Johnsrud, geboren 1974, ist ein preisgekrönter norwegischer Spannungsautor. Mit seinem Thrillerdebüt Der Hirte (2017) gelang ihm ein internationaler Erfolg, den er mit den beiden Folgebänden Der Bote (2018) und Der Verräter (2019) fortschrieb. Echokammer ist der Auftakt einer neuen Thriller-Trilogie. Das Buch sorgte in Norwegen bereits für große Begeisterung bei Presse und Publikum und wurde mit dem »Sølvkniven«-Krimipreis ausgezeichnet.
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-426-56270-3
Reihe: Ein Fall für Benjamin & Tong
Autor: Ingar Johnsrud
Übersetzt von: Daniela Stilzebach
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