Frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ist tot
Rita Süssmuth – Ein Leben für Wissenschaft, Gesellschaft und Politik

Rita Süssmuth (*17. Februar 1937 in Wuppertal als Rita Kickuth; † 1. Februar 2026) war eine herausragende deutsche Politikerin der Christlich-Demokratischen Union (CDU), eine akademische Persönlichkeit und eine der prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegspolitik – besonders in den Bereichen Familienpolitik, Gleichstellung, Integration und parlamentarische Demokratie. Sie gilt als eine der bedeutendsten weiblichen Politikerinnen der Republik.
Jugend, Ausbildung und frühe Jahre
Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal als Tochter eines Lehrers geboren. Nach dem Abitur 1956 am Gymnasium in Rheine studierte sie Romanistik und Geschichte an den Universitäten Münster, Tübingen und in Paris, schloss 1961 mit dem ersten Staatsexamen für das Lehramt ab und promovierte 1964 an der Universität Münster in Erziehungswissenschaft mit einer Arbeit über die „Anthropologie des Kindes“. Neben diesen geisteswissenschaftlichen Studien vertiefte sie sich in Soziologie und Psychologie und legte damit den Grundstein für ihre spätere gesellschaftspolitische Arbeit. Süssmuth war dem akademischen Leben eng verbunden: von 1966 bis Mitte der 1980er Jahre war sie Lehrbeauftragte und später Professorin an verschiedenen Hochschulen in Dortmund und Bochum.
Der Weg in die Politik

Obwohl sie erst im Alter von 44 Jahren formell in die CDU eintrat (1981), engagierte sich Süssmuth schon lange zuvor gesellschaftspolitisch – etwa als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen des Bundesfamilienministeriums seit den 1970er Jahren. In der CDU fiel sie schnell durch ihre Kompetenz in Sozial- und Familienfragen auf. Bereits zwei Jahre nach ihrem Parteieintritt wurde sie zur Vorsitzenden des Bundesfachausschusses für Familienpolitik berufen. Dieses Fachwissen und ihre integrative Art führten dazu, dass Bundeskanzler Helmut Kohl sie überraschend als Bundesministerin vorschlug.
Bundesministerin: Familie, Jugend, Frauen und Gesundheit (1985–1988)
Am 26. September 1985 wurde Rita Süssmuth zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit ernannt; ein Jahr später wurde ihr Ministerium offiziell um den Bereich „Frauen“ erweitert. In dieser Funktion setzte sie sich massiv für Aufklärung und Prävention ein – etwa im Kontext der Aids-Krise, wo sie erklärte, man müsse „die Krankheit bekämpfen, nicht die Kranken“. Ihr unkonventioneller Stil (z. B. ein Titelbild mit einem Ganzkörperkondom) und ihre direkte Art machten sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt und beliebt – der Medien-Spitzname „Lovely Rita“ entstand in dieser Zeit. Doch ihr progressives Engagement führte auch zu Spannungen in der eigenen Partei: 1988 kritisierte sie den Entwurf zum Schwangerschaftsberatungsgesetz und nahm eine relativ liberale Position zu §218 (Abtreibungsregelung) ein – eine Position, die in der konservativen CDU kontrovers diskutiert wurde.
Parlamentarische Karriere und Bundestagspräsidentin (1988–1998)

Bei der Bundestagswahl 1987 gewann Süssmuth ein Direktmandat, und nach dem Rücktritt des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger wurde sie am 25. November 1988 mit großer Mehrheit zur Präsidentin des Deutschen Bundestages gewählt. Damit übernahm sie eines der höchsten Ämter der Bundesrepublik. In dieser Funktion, die sie bis 1998 ausübte, verstand sie den Bundestag nicht nur als repräsentatives Organ, sondern als „Werkstatt der Demokratie“. Sie leitete wichtige Reformen, insbesondere nach der Deutschen Einheit, engagierte sich für Transparenz und eine effektivere Parlamentsarbeit und war die erste Präsidentin des gesamtdeutschen Parlaments. Ihre Amtszeit war geprägt von der Herausforderung, die parlamentarischen Abläufe an die neuen Realitäten nach dem Mauerfall anzupassen – und sie tat dies mit taktischer Geschicklichkeit und integrer Haltung.
Gesellschaftliches Engagement und Themen nach der aktiven Politik
Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 2002 blieb Süssmuth politisch und gesellschaftlich aktiv. Unter der rot-grünen Regierung Schröder leitete sie die Unabhängige Kommission zu Zuwanderung und Integration, deren Arbeit richtungsweisend für spätere migrationspolitische Debatten war. Zudem engagierte sie sich in zahlreichen Organisationen – etwa als Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbands, als Vizepräsidentin der OSZE-Parlamentarischen Versammlung und in deutsch-polnischen Institutionen. Für ihr Lebenswerk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. die Avicenna-Gold-Medaille der UNESCO, die Ehrlich-Schwerin-Menschenrechtspreis und den Reinhard-Mohn-Preis für ihr Engagement in Fragen von Integration und Gesellschaft. Ein besonderes Zeichen ihrer Verdienste war 2025 die Entscheidung, ihr den Deutschen-Polnischen Sonderpreis zu verleihen – in Würdigung ihres jahrzehntelangen Einsatzes für deutsch-polnische Verständigung und Kooperation.
Persönliches und Vermächtnis

Rita Süssmuth war von 1964 bis zum Tod ihres Ehemanns 2020 mit dem Historiker Hans Süssmuth verheiratet; sie hinterlässt eine Tochter. Als Politikerin zeichnete sie sich durch eine seltene Kombination aus wissenschaftlicher Tiefe, dialogischer Offenheit und sozialer Verantwortung aus. Sie war eine frühe Befürworterin von Gleichstellung, Familienförderung, Integration und eines humanen Umgangs mit gesellschaftlichen Herausforderungen – auch wenn manche ihrer Positionen innerhalb der CDU kontrovers waren. Ihr Tod am 1. Februar 2026 im Alter von 88 Jahren markiert das Ende eines langen, vielseitigen Lebens im Dienst von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Die Reaktionen auf ihren Tod würdigen sie als engagierte Demokratin und prägende Persönlichkeit der deutschen Politik.
Rita Süssmuth bleibt in Erinnerung als Brückenbauerin zwischen akademischer Welt, politischer Praxis und gesellschaftlicher Verantwortung – eine Frau, die immer wieder neue Wege ging und dabei nie die Würde des politischen Debattierens aus den Augen verlor.



