Wells
Benedict Wells © Bogenberger / autorenfotos

Im Buchmesseprospekt versprach der Klappentext einen berührenden Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit sowie die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Das Debüt des jungen Autors wurde verfilmt, das zweite Buch stand monatelang auf der Bestsellerliste. Es ist der dritte Roman von Wells.

Drei Geschwister, die ihre Eltern durch einen Unfall verloren haben, kommen ins selbe Internat und driften dennoch auseinander. Jeder geht anders mit dem Verlust um, während der jüngste Einzelgänger wird, vergleicht er den älteren Bruder mit einer Ameise, die nach dem Atomkrieg einfach ihr Leben weiterlebt. Die Schwester dagegen stürzt sich in wilde Affären und spürt dennoch das Hohle ihrer Existenz. Die Einsamkeit des Ich-Erzählers, Jules, zu Beginn des Buches sieben Jahre alt, wird mit den Wertungen des Erwachsenen beurteilt. Besonders authentisch wirkt das nicht. Der relativ schmale Band deckt einen großen Zeitraum ab, 1980-2014, und verführt den Autor, recht kursorisch Ereignisse und Gedanken aneinander zu reihen.

CoverDurchgängig hat man das Gefühl, gleich ende das zusammenfassende langatmige Vorspiel, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Der große Knall bleibt jedoch aus. Selbst die wiederholte Erfahrung, einen geliebten Menschen durch Tod zu verlieren, erschüttert nicht recht. Die Personen bleiben vage charakterisiert, Entwicklungen werden wenig erkennbar. Nur als er nach Jahren seiner einzigen Schulfreundin Alva wieder begegnet, ist diese mit einem wesentlich älteren Autor verheiratet, dessen Persönlichkeit sich durch Alzheimer gerade verändert. Er ist nach einer Operation nicht mehr der geniale Schriftsteller, den Alva schon als Schülerin bewunderte, sondern ein normaler alter Mann, der verzweifelt versucht, sein Selbstbild aufrecht zu erhalten. Jules quartiert sich bei dem Paar für länger ein, steigt mit Alva endlich ins Bett und verhilft ihrem Ehemann zur letzten bewussten Handlung, nämlich sich selbst zu erschießen. Aber auch der tragische geistige Verfall lässt den Leser kalt. Jules heiratet die Witwe und sein bis dahin recht ziellos vertanes Leben scheint an Fahrt zu gewinnen.

Spannungsfrei kommen Kinder und eine Krebserkrankung, an der Alva stirbt. Mit keinem der Dargestellten identifiziert man sich. Die Handlung wirkt sehr konstruiert abgehandelt in einer sterilen Atmosphäre, obwohl der Plot genügend dramatisches Potential hat.

Das Zusammenleben von Jules und seinen Kindern mit Jules Geschwistern nach dem Tod Alvas trägt zur Geschichte nichts bei. Feststellungen wie diese, man sei nie glücklich mit dem, was man habe, werden weder hinterfragt, noch haben sie Folgen oder eine Vorgeschichte. Die Dialoge bleiben im Banalen stecken und mobilisieren nicht die Phantasie. Das Versprechen des Klappentextes wurde nicht eingelöst, berühren geht anders.

Rezension: Dr. Aide Rehbaum   (Titelfoto: ZDF/heute.de)

 

Roman, Hardcover Leinen, 368 Seiten
Erschienen im März 2016

ISBN 978-3-257-06958-7
€ (D) 22.00 / (A) 22.70
sFr 30.00*

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