Lungenfibrose: „Wie durch einen Strohhalm atmen“
Lungenfibrose ist eine chronische Erkrankung, bei der sich das Lungengewebe vernarbt und verhärtet, wodurch Atmen immer schwieriger wird. Die Überlebensraten fünf Jahre nach Diagnose liegen unter denen vieler Krebsarten. Die Krankheit ist nicht heilbar, aber dank pharmazeutischer Forschung immer besser behandelbar. Wichtig wäre eine frühe Diagnose. Aber da hapert es gewaltig.
Oft ist es der Husten, trocken und chronisch. Dann bemerken Menschen mit Lungenfibrose, dass ihnen der Atem fehlt, etwa beim Treppen steigen; Müdigkeit und Abgeschlagenheit sind ebenfalls Warnzeichen.
Patienten berichten, dass sich die Krankheit anfühlt, als müsse man durch einen Strohhalm atmen. „Die Symptome der Lungenfibrose entwickeln sich schleichend und sind sehr unspezifisch. Oft werden sie falsch interpretiert“, sagt Dr. Traugott Gruppe, Medizinischer Direktor beim forschenden Unternehmen Boehringer Ingelheim. Ein Grund: Die Krankheit ist selten. Statistisch betrachtet sind circa 6 bis 70 von 100.000 Menschen betroffen.
Über die Ursachen ist wenig bekannt. Die 5-Jahresüberlebensrate bei der idiopathischen Lungenfibrose (IPF) ist schlecht, rund die Hälfte der Betroffenen lebt fünf Jahre nach der Diagnose nicht mehr; sie ersticken. Die Krankheit ist damit tödlicher als viele Krebsarten (s. Grafik). Heilbar ist sie nicht, aber: Es gibt Antifibrotika, Arzneimittel, die die Vernarbung des Lungengewebes hinauszögern können. „Ziel der Therapie ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern“, sagt Gruppe. Doch dafür ist es wichtig, dass früh diagnostiziert wird. Der Realität in Deutschland entspricht das nicht. Bei Boehringer Ingelheim gehen sie davon aus, dass die Betroffenen einen „Diagnose-Marathon“ hinter sich haben, bis ein Lungenfachzentrum endlich die richtige Diagnose stellt. Der kann bis zu 15,5 Monate dauern; Zeit, die die Menschen mit Fibrose nicht haben.
Lungenfibrose: ILD-Boards als „Wendepunkt“ in der Versorgung
Dr. Gruppe wünscht sich deshalb „vor allem einen besseren und schnellere Zugang der Betroffenen zu spezialisierten Lungenzentren. Dort arbeiten verschiedene Fachrichtungen – Fachleute aus der Pneumologie, Radiologie, Rheumatologie, Pathologie – zusammen und besprechen die Fälle in den sogenannten ILD-Boards.“ ILD steht für Interstitielle Lungenerkrankungen , von denen über 200 Varianten bekannt sind; die IPF ist eine davon. Die Boards gelten als „Goldstandard“ für Diagnostik und Therapieplanung und werden als „Wendepunkt“ in der Versorgung der Menschen mit IPF gesehen. Gruppe sagt: „Es ist wichtig, diese Zentren auszubauen, Wartezeiten zu verkürzen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu stärken.“ Außerdem, so der Mediziner, brauche es mehr Fortbildung für Ärzt:innen, „damit seltene Erkrankungen wie die Lungenfibrose schneller erkannt werden.“
Die Lungenfibrose hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ursprünglich als primär entzündliche Erkrankung missverstanden und mit Kortikosteroiden und Immunsuppressiva behandelt, kam im Jahr 2010 der Paradigmenwechsel: Die Erkenntnis, dass die Erkrankung vor allem durch Vernarbung entsteht, bei der Entzündungen auch eine Rolle spielen. Das führte 2014 zu den ersten antifibrotischen Therapien, darunter ein Tyrosinkinase-Inhibitor, der die Narbenbildung verlangsamen und deshalb auch die körperliche Belastbarkeit länger erhalten kann.
Forschung: Antifibrotika der neuen Generation
Auch weil die Nebenwirkungen dieser Antifibrotika herausfordernd sein können, hat Boehringer Ingelheim weitergeforscht. Traugott Gruppe: „Wir forschen an Wirkmechanismen, die gezielter ansetzen als die bisherigen Therapien und gleichzeitig weniger Nebenwirkungen haben. Wir möchten den Betroffenen Lebensqualität zurückgeben.“ In den USA ist das Ergebnis dieser Forschung schon zugelassen. Es ist ein PDE-4B-Inhibitor. PDE steht für das Enzym Phosphodiesterase. Mit ihm gelingt es nicht nur, Entzündungen herunterzufahren, sondern auch die Vernarbung hinauszuzögern. Das Zulassungsverfahren für Europa läuft.
Die Geschichte des PDE-4B-Hemmers zeigt in besonderem Maße, wie das Geschäftsmodell der forschenden Pharmaindustrie funktioniert. Im Jahr 2000 unter dem internen Kürzel BI 1015550 zunächst als Wirkstoffkandidat zur Behandlung für die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) entwickelt, fanden die Forschenden zwölf Jahre später heraus, dass er bei Lungenfibrose wirksam sein könnte. Bereits in der Phase-2-Studie wurde deutlich, dass sich das Nebenwirkungsprofil von der Vergleichsgruppe, die ein Placebo erhielt, nicht unterschied; sprich: dass der Wirkstoff sehr gut verträglich war.
Die Phase-3-Studie zeigte dann das ganze Potenzial des Wirkstoffes: „Die Ergebnisse waren so vielversprechend, dass die US-Zulassungsbehörde FDA noch während der laufenden Studie den Status eines Therapiedurchbruchs erteilte“, sagt Gruppe. Das tut sie, wenn sich bei lebensbedrohlichen Erkrankungen eine vorläufige klinische Evidenz ergibt, dass das Medikament einen erheblichen Vorteil gegenüber verfügbaren Therapien bieten könnte. „Es waren die ersten Phase-3-Studien seit zehn Jahren, die positive Ergebnisse für diese schwer zu behandelnde Erkrankung vorweisen können.“ Falls das Präparat in diesem Jahr die Zulassung in Europa bekommt, liegt das daran, dass Forschende vor rund 26 Jahren den Wert von BI 1015550 erkannt haben und dran geblieben sind, um den Wirkstoff weiterzuentwickeln.
Ist die Mission mit der Zulassung erfüllt? Traugott Gruppe schüttelt den Kopf: „Das oberste Ziel ist es, ein Medikament zu finden, das die Erkrankung heilt.“
Quelle: https://pharma-fakten.de



