Rezension von Dr. Aide Rehbaum

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Marco Balzano: Ich bleibe hier

Marco Balzano ©Geri Krischker / © Diogenes Verlag

Der Autor hat jahrelang für diesen Roman recherchiert. Ein Ausflug mit dem Bus an den Reschensee in Südtirol hatte ihn inspiriert, die Geschichte des im Wasser versunkenen Dorfes Graun, von dem nur der denkmalgeschützte Kirchturm aus dem Wasser ragt, mit derjenigen einer Familie zu verknüpfen. Dazu befragte er die letzten Zeitzeugen, studierte Zeitungen und Akten.

Die Handlung spielt 1923 bis 1950, als der Stausee geflutet und die Einwohner zwangsumgesiedelt wurden. Die Drohung durch den Damm bestand seit Mussolinis Zeiten. Damals standen die Bewohner im Vinschgau erstmals vor der Wahl, nach Deutschland bzw. Österreich umzusiedeln oder in Italien zu bleiben und alles Deutsche abzulegen. Die Sesshaften wurden fortan als Minderheit unterdrückt, benachteiligt bei der Arbeitssuche, die deutsche Sprache verboten etc. Gastarbeiter aus dem armen Süden Italiens wurden bevorzugt und so ähnlich behandelt wie Gastarbeiter bis heute.

Die Familie der Protagonistin Trina, einer Lehrerin mit Berufsverbot, ist gegen jede Anpassung an Italien. Trina unterrichtet „im Untergrund“ Deutsch, ihr Mann ist Bauer. Folge der Ärmlichkeit ist auch die „Entführung“ ihrer Tochter durch die Schwägerin. Der Stil vermittelt Trinas Sicht, indem sie immer wieder ihre Tochter, die sie nie wiedersieht, direkt anspricht. Nur ein einziger Brief, der sie von weiteren Nachforschungen abhält, bleibt den Eltern. Ihre Verzweiflung wird beschrieben, die Unmittelbarkeit fehlt, weil Balzano den gefilterten Blickwinkel von heute gewählt hat.

Nachdem ihr Mann verwundet aus dem Krieg heimkehrt, desertiert er und das Ehepaar versteckt sich Anfang 1945 vor den Faschisten erst im Gebirge, dann in einem grenznahen Bauernhof. Doch ihr Widerstand läuft letztendlich ins Leere.

Das Buch vermittelt einen guten Einblick in die Vorgehensweise bei der Okkupation eines Gebietes und der wirtschaftlichen Erschließung, lässt aber bei der Darstellung von Emotionen Wünsche offen. Der Ton des Romans ist unaufgeregt, die Gefühle der Beteiligten überzeugen nicht. Die bedrückende Atmosphäre wirkt mitunter konstruiert.

 

Diogenes Verlag AG

Hardcover Leinen
288 Seiten
erschienen am 01. Juli 2020

978-3-257-07121-4
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

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