Politik: Die Alpen-Wannabes

René Benko, Sebastian Kurz oder Jan Marsalek: Warum gedeiht der Größenwahn in Österreich besser als anderswo?

Alfred Gusenbauer, René Benko und Sebastian Kurz

In Österreich ist man es schon gewohnt: In die internationalen Schlagzeilen schafft es das Heimatland normalerweise, wenn wieder einmal die nicht vollständig verdaute NS-Vergangenheit aufpoppt, also mit braunen Flecken. Oder mit skandalösen, aber trotzdem faszinierenden vermeintlichen Wunderknaben. Oder kann es nur ein Zufall sein, dass René Benko (46, aufgeflogener Immobilien-Tycoon), Sebastian Kurz (37, gescheiterte Hoffnung der Konservativen und Ex-Kanzler) und Jan Marsalek (43, die Austro-Variante des James-Bond-Bösewichts) allesamt aus dem Neun-Millionen-Einwohner-Staat stammen?

Es wäre verwegen, diese drei Herren in eine Schublade zu stecken, zu unterschiedlich sind ihre Metiers und ihr Betrugsniveau. Aber eines eint sie doch. Sie sind Männer, die man gerade noch als jung bezeichnen kann, offensichtlich sehr talentiert, nicht gerade unansehnlich. (In Wien würde man sagen: Sie sind „fesch“ oder ein „Feschak“.) Und sie sind sehr österreichisch, wenn man das Österreichische als Hang zur Übertreibung und Verspieltheit in einer Person definieren möchte, das trotz allem sein begeistertes Publikum findet.

Immer ein wenig großkotzig und gefährlich, aber gleichzeitig charmant und charismatisch. Unter Genieverdacht, wenn auch mit sachtem Generalvorbehalt. Weil: Der Wunderwuzzi, der Alpen-Wannabe, ist immer nur die Vorstufe zum gefallenen Engel, dem Paria. Die Zuschauer ahnen es, aber es würde die Gaudi verderben, es allzu laut auszusprechen. Lieber fiebert man beim Aufstieg mit und gruselt sich beim Fall umso mehr. 

Solche schönen Exempel von schillerndem Größenwahn gedeihen in einem Kleinstaat wie Österreich offensichtlich besser als anderswo. 

Es gibt niemanden, der die Drehbücher für Österreichs Wirtschafts- und Politikskandale schreibt, aber gäbe es diese Person, hätte sie sich nicht nur den US-PolitthrillerHouse of Cards als Vorbild genommen, sondern auch Johann Nestroy, Wiens legendären, humoristischen Volksdichter des Vormärz. Wien liebt seine Wunderkinder in allen Lebensphasen. Solche schönen Exempel von schillerndem Größenwahn gedeihen in einem Kleinstaat wie Österreich offensichtlich besser als anderswo. 

Der Autor und Österreich-Kritiker Armin Thurnher hat für den Austro-Ahnvater dieses Männertypus, den Rechtspopulisten Jörg Haider, einmal das sehr schöne und treffende Wort des „Feschismus“ erfunden. Haider, das war der, der die rechtspopulistische FPÖ ab Mitte der 1990er Jahre zum ersten Mal so richtig groß gemacht hat. Er ist vor 15 Jahren mit 58 Jahren bei einem Autounfall verstorben. Haider war ein höchst erfolgreicher Hybrid aus Ewig-Gestrigem und Popstar.

Er posierte mit nacktem Oberkörper am Wörthersee oder in modischen Anzügen im Porsche. Das gefiel vor allem den sozialen Aufsteigern, denen er vor allem versprach, Österreich von Ausländern frei zu halten. Die Altvorderen in der FPÖ, die aus einer Nazi-Sammelbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist, umgarnte er mit Anspielungen auf den Nationalsozialismus. Diese Mischung aus Feschsein und Faschismus inspirierte Thurnher zur Wortschöpfung „Feschismus“.

Als Sebastian Kurz Österreichs Kanzler wurde, waren Signale an die braune Vergangenheit schon lange nicht mehr notwendig, um Stimmen zu gewinnen. Aber alles andere, was Haider erfolgreich gemacht hatte, übernahm Kurz, als wäre er eine Kopiermaschine. Sein Versprechen, das ewige „Ausländerproblem“ in den Griff zu kriegen, zog bei den Nationalratswahlen 2017, nur zwei Jahre nach der Flüchtlingsversorgungskrise, perfekt. 

Kurz wollte die makellose Inkarnation des Wunderkindes sein.

Kurz wollte die makellose Inkarnation des Wunderkindes sein, er investierte mehr Zeit in die Kontrolle und Pflege seiner Imagewerte als in tatsächliche Politik. Ob die Message Control unter ihm tatsächlich so weit ging, dass Steuergeld in die Manipulation von Umfragen floss, die dann auch noch in einer befreundeten Boulevardzeitung platziert wurden, prüft derzeit die Staatsanwaltschaft. In einer anderen Causa musste er sich dieser Tage schon vor Gericht verantworten. Der schwere Vorwurf lautet, er habe im Ibiza-Untersuchungsausschuss des Parlaments im Juni 2020 nicht die Wahrheit gesagt, als es um die Begünstigung eines Vertrauten ging. Seinen Anwälten fällt es in den nach wie vor Kurz-gläubigen Massenmedien nicht besonders schwer, das als lässliche Lappalie und Wortklauberei runterzuspielen. In der Hitze des Wortgefechts sei Kurz ein umgangssprachliches „Na“ statt eines „Neins“ rausgerutscht; die Staatsanwälte würden ihm das zu seinen Ungunsten als „Na ja“ auslegen, wozu die ganze Aufregung?

Kurz vor Prozessbeginn kam dann auch noch ein schnell produzierter, sehr wohlwollender Film über das neue Leben von Kurz als Privatmann und Start-upper ins Kino. Darin fand sich kein kritisches Wort über seinen Auftraggeber, den libertären Silicon-Valley-Extremisten Peter Thiel. Zur Premiere kam tout Vienne, ganz  Wien – ganz so, als wäre Kurz immer noch der Wunderwuzzi mit der weißen Weste. Spekulationen, er arbeite an einem politischen Comeback, flauen nicht ab.

Tout Vienne vielleicht nicht, aber ein Gutteil scheint es dem Unternehmer Kurz auch nicht übelzunehmen, dass er ausgerechnet mit jenem René Benko Geschäfte machte, der Österreich mit Ausständen von fünf Milliarden gerade die größte Pleite der Zweiten Republik beschert hat. Kurz hat Benko dabei geholfen, beim Staatsfonds Abu Dhabis, Mubadala, ein Investment in dessen Signa-Imperium in Höhe von 550 Millionen Euro aufzustellen. Für diesen und einen anderen Dienst berechnete Kurz seinem Duzfreund Benko 2,4 Millionen Euro Honorar – auf 1,65 Millionen davon wartet er immer noch.

Benkos Aufstieg und Fall war für ihn persönlich jedenfalls lukrativer als der von Kurz.

Benkos Aufstieg und Fall war für ihn persönlich jedenfalls lukrativer als der von Kurz. Während der eine auf der politischen Stimmungswelle ins Kanzleramt surfte, wusste der andere den Immobilienpreis-Boom der letzten Jahre auszunutzen und in seinem verschachtelten, intransparenten Firmenimperium durch ständige Aufwertungen sowie An- und Verkäufe rechtzeitig für sich und seine Familie ein Riesenvermögen beiseitezuschaffen. Davor protzte er mit Privatjacht, Privatjet, Modelgattin und dem Sammeln von „Towers“ – offenbar unter Milliardären ein mindestens so wichtiges, nicht von ungefähr sehr phallisches Statussymbol wie die davor genannten. 

Zu seinem herbstlichen „Törggelen“-Fest, einem Südtiroler Brauch mit Kastanien-Essen und Wein, erscheint jedes Jahr wirklich alles, was in Österreich Rang und Namen hat, aus allen Parteien. Die Fotos dieser Feiern werden jetzt gerne und oft abgedruckt, sie zeigen strahlende aktive und ehemalige Politikerinnen und Politiker, einige davon saßen noch bis vor kurzem in Signa-Aufsichtsräten und -Beiräten. Ob es eine Genugtuung für Benko ist, der seit seinem Sturz öffentlich nicht aufgetreten ist, sich so umgarnt von den Mächtigen zu sehen?

Über Jahre galt Benko als Zahlen- und Geschäftsgenie. Zwar keine Matura, dafür schon die erste Million mit Anfang zwanzig. Noch im Jahr 2018 kürte ihn das Wiener Wirtschaftsmagazin trend zum Mann des Jahres. Zum Aufsteiger des Jahres wählte die Redaktion damals übrigens Markus Braun, den damaligen CEO von Wirecard. Fünf Jahre später steht Braun wegen Betrugs vor Gericht und sein einstiger Vertrauter, der flüchtige Ex-VorstandJan Marsalek, macht gerade als russischer Spion Schlagzeilen. 

Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf westliche Geheimdienste und Sicherheitsbeamte, dass Marsalek bis zum Wirecard-Kollaps 2020 fast ein Jahrzehnt lang für Russland spioniert hatte, dass er russische Agenten finanziert und derzeit vom arabischen Dubai aus mithelfen soll, die Afrika-Geschäfte der russischen Söldnergruppe Wagner zu reorganisieren. Das zeigt, dass in einem Kleinstaat wie Österreich nicht nur der Größenwahn zum schönsten barocken Popanz gedeiht. Hier entwickeln sich auch russophile Wirtschaftskriminelle zu stattlicher Größe, ohne den einheimischen Verfassungsschützern groß aufzufallen.

„Die Signa-Pleite sollte uns vom Genieglauben heilen“, kommentierte der liberale Wiener Standard die Causa Benko. Vorerst ist das nur ein frommer Wunsch.

Barbara Tóth ist Buchautorin und Journalistin. Sie ist leitende Redakteurin des Magazins Falter in Wien und schreibt über Politik, Medien und Zeitgeschichte.

- ANZEIGE -

Related Posts

Matthias Reim: Das süße Leben genießen

Matthias Reim: Das süße Leben genießen

Aktivurlaub im Tal der Almen

Aktivurlaub im Tal der Almen

Ein Schweigen

Ein Schweigen