Susanne Abel – Du musst meine Hand fester halten
Rezension von Dr. Aide Rehbaum
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Susanne Abel – Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104

Wieder widmet sich Abel einem gewichtigen Thema der Nachkriegszeit und bringt es in einem Stil, der für Jugendliche geeignet ist, auf den Punkt. Der Roman, den sie intensiv unter Einbeziehung aktueller Studien, Zeitzeugenberichten und Akten recherchiert hat, dreht sich um zwei Kinderschicksale und zwar von den 40er Jahren bis in die Gegenwart. Zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart springt die Autorin ständig hin und her. Vermutlich hat sie diese Form gewählt, um junge Leser schneller in ihrer Zeit abzuholen.
Hartmut (gen. Hardy) ist als Kleinkind in den Kriegswirren verloren gegangen und weiß weder sein Alter noch den Namen, die etwas ältere Margret ist Kriegswaise. Beide Kinder leben in einem katholischen Kinderheim im Sauerland, erhalten eine Nummer und erdulden unter Nonnen ein unmenschliches System an Erniedrigung, Bestrafung, Kontrolle und Disziplin. Margret kümmert sich ein wenig um den Jungen, der nur mit ihr spricht und als debil eingestuft wird. Das DRK findet Margrets Verwandte, die sie aufnehmen. Dort wird sie vom Onkel missbraucht und als sie sich wehrt, landet sie in einem Kinderheim im Ruhrpott, wo es nicht anders zugeht als im Sauerland. Hier werden sogar Medikamententests an Waisenkindern durchgeführt.
Durch Zufall begegnen sich die beiden als Erwachsene wieder und werden ein Paar, sprachlos auch miteinander, was die zurückliegenden Jahre betrifft. So ungebildet sie sind, schlagen sie sich jedoch
durch. Sie bekommen eine Tochter, später eine Enkelin und Urenkelin. Die von Margret hauptsächlich erzogenen Frauen sind verhaltensauffällig, bindungsunfähig, mit wenig Wärme und Verständnis füreinander. Alle Generationen verbrauchen viel Energie bei der Verschleierung von Defiziten. Als plötzlich Margret stirbt und Hardy ins Krankenhaus muss, scheint die Ordnung vor dem Zusammenbruch. Das Happy End bewirkt Urenkelin Emily, indem sie überraschend Empathie entwickelt und Initiative ergreift.
Abel gibt sich Mühe, die verschiedenen Epochen hie und da durch die damals üblichen Schlager, zeittypischen Interessen oder politische Ereignisse zu untermauern, was stellenweise etwas gezwungen erscheint, da sie für die Handlung der Protagonisten keine Rolle spielen. Auch der Umgangston im Prekariat der 60er Jahre wirkt recht modern. Der Roman verdeutlicht dennoch einfühlsam, wie Familiengeheimnisse zu Blindgängern werden, die noch nach Jahrzehnten des Schweigens auf Generationen brisante Kraft entwickeln.
Susanne Abel arbeitete als Erzieherin und realisierte nach ihrem Filmstudium als Regisseurin zahlreiche Dokus für das deutsche Fernsehen. Seit 2017 konzentriert sie sich ganz auf das Schreiben. Ihr gefeiertes Romandebüt ›Stay away from Gretchen‹ stürmte bis an die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste und war ein sensationeller Erfolg, genau wie sein Nachfolger ›Was ich nie gesagt habe‹. Die gebürtige Badenerin lebt nach Stationen in Bochum, Berlin und Hamburg überwiegend in Köln.
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
1. Auflage



